Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 49 (1908)
- Issue
- Heft 34 (20.8.1908)
- Date
- 1908-08-20
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Der JSraelit. Seite «. No. 34 M? Ugust 1908. Kreisen wie folgt ^geschildert: Das sogenannte provisorische ConnNitee/ welches die Gemeinde leitet, habe den Chacham-Bafchi brieflich aufgefordert, sich zurückzuziehen. Er stimmte zu, unter der Bedingung, daß seine Abdankung sofort veröffentlicht und der Hohen Pforte mitgeteilt werde. Man hat indessen diesen Wunsch nicht erfüllt, sondern gleich die Abdankung dem jüdischen Gemeinderat vorgelegt. Inzwischen wurde der Ministerpräsident durch Telegramme bestürmt, den Chacham-Bafchi zu entfernen. Alexandrien, 1. August. Eine äußerst imposante und eindrucksvolle Gedenkfeier für den verstorbenen Oderrabbiner Rabbi Eliah Chafanfand hier vor einigen Tagen in der großen Synagoge noio anläßlich des Ablaufes der statt. Die Trauerrede hielt der Oberrabbiner von Kairo, Rafael Aron ben Schimon. - In einer unter Vorsitz des Baron Sak de Manaffe abgehaltenen Sitzung des Gemeinde- Comites wurde beschlossen, ' dem bisherigen Rabbinatsaffessor Rabbi Abraham Abikasar, die vorläufige Leitung des Rabbinats zu übertragen. Der Regierung sowohl als den ausländischen Consulaten wurde eine offizielle Mitteilung von diesem Beschluffe überreicht. In seiner letzten raff gehaltenen Predigt. - schilderte der genannte Herr Rabbiner' die hohen Verdienste seines großen Vorgängers und bat die Gemeinde, das Werk dieses Meisters fortzusetzen, insbesondere die Lehranstalt für W2M und EPttniV, die der Verstorbene kurz vor seinem Tode gegründet und die ihm besonders am Herzen lag, möglichst zu unterstützen und finanziell zu sichern, damit sie im Geiste ihres Begründers wirkend, auch zu seinem schönsten Denkmal wird. Vom Auswandererstrom aus Osteuropa werden auch die Hafenstädte Aegyptens, besonders Kairo und Alexandrien stark berührt. Sowohl die Behörden wie die Bevölkerung bringen den Emmigranten eine freundliche Haltung entgegen. Tüchtige und Arbeitslustige Handwerker finden hier meistens ihr volles Auskommen, da die Zahl der einheimischen Handwerker im Verhältnis zu den hier zu Lande wohnenden 11 Millionen Arabern noch zu gering ist, von einer Konkurrenz . vder einer Lohnherabdrückuna daher hier noch nicht die Rede sein kann. Wenn man trotzdem auch hier hie und da arbeitslose Handwerker antrifft, so liegt es zumeist an dem Mangel an Vermittlungsstellen und ähnlichen sozialen Einrichtungen, die nirgends so sehr zum Segen gereichen könnten, als hier. Man hofft, daß die „Alliance Israelite“, die bisher eine soziale Verbesserung durch Einführung von Fortbildungskursen für Französisch und Arabisch zu erreichen glaubte, es auch einmal aus diese Weise versucht, den eingewanderten Arbeitern zu Hilfe zu kommen, wofür ihr nicht in letzter Reihe auch die Arbeitgeber dankbar sein werden. Natiistinrr. Jerusalem, 12. August. Endlich ist nun auch in Jerusalem die Konstitution von der Festung Davids herab proklamiert worden. Der Äsherige Pascha, der den Juden nicht besonders gut gejmnt war und der dank seiner Beziehung Zur Hohen Pforte, wo er früher Sekretär war, großen Einfluß hatte, ist bereits abgesetzt worden. Der Jubel und die Freude in Jerusalem sind unbeschreiblich. Die Juden nehmen daran lebhaftesten Anteil! Die Zensur, die bis zum 8. August noch bestanden hatte, weil der Pascha aus Lässigkeit die Verfassung noch nicht proklamieren ließ, ist nunmehr völlig aufgehoben! Run rüstet man sich zu den Wahlen. In Jerusalem und Jaffa find verschiedene nationale Komitees zwecks Vorbereitung der Wahlen eingesetzt worden. Außerdem hat sich in Jaffa ein Überales Komitee -^nstituiert, um die Durchführung der neuen Ordnung zu beschleunigen. Selbstverständlich werden nur diejenigen palästinischen Juden an den Wahlen teilnehmen können, die ottomanische Staatsangehörige sind. Leider sind deren noch sehr wenige. Von den 100,000 Juden Palästinas werden statt etwa 20,000 kaum 2000 Wahlberechtigte sein? Der Rest gehört meistens dem russischen oder österreichischen Staatsverband an. Verschiedene Vertreter der Araber und der Armenier in Jerusalem sind gern bereit, mit den Juden einen Block für die Wahlen zu bilden. Man plant, zwei Araber und einen Juden aus dem Bezirk Jerusalem für die Kammer zu wählen. Auf Seiten der Juden kommen zwei Kandidaturen in Betracht, diejenigen des Her, n A n t e b i, Leiter der Alliance- Schule in Jerusalem, und die des Herrn Levy, Manager der Anglo-Palestine Company in Jerusalem. Der letztere dürfte die größeren Chancen haben, da er die türkische Sprache vollkommen beherrscht und nationalgesinnte wie liberale Elemente für ihn stimmen werden, was bei Herrn Antebi als Beamter der Alliance Jsraölite Universelle ausgeschlossen ist, weil man hier der Allince noch immer französisierende Tendenzen zuschreibt. (Siehe hierzu die Wochenschau. Red.) Jerusalem, 9. August. Das Büro Reuter meldet: Die Wiederherstellung der türkischen Verfassung ist gestern hier mit großem Enthusiasmus gefeiert worden. Straßen, Gebäude und Wagen sind mit Baumzweigen und Flaggen geschmückt, ' und die , Stadt war abends illuminiert. Nachmittags versammelten sich große Volksmassen bei den Militärbaracken um den Davidsturm, wo der Gouverneur 'ankündigte, daß die Verfassung gewährt worden sei. Die Menge brach in Jubel aus, während die -Musik die Nationalhymne spielte. Die Szene war von überwältigender Wirkung. Ein seltsames Gemisch von Scheiks, Priestern undRabbinern drängte sich durcheinander, Reden haltend, Anklagen gegen das alte Regime erhebend. Mohamedaner, Juden, Christen, Samaritaner, Türken, Armenier fraternisierten mit einander und bildeten eine lange Prozession unter dem Vorantritte von Bannern und von Sifre-Thora in goldgestickten Mäntelchen. Die Jerusalemer Einwohnerschaft wollte ihre Freude über die Einführung der Verfassung schon ftüher kundgeben, aber der Gouverneur, der sehr skeptisch veranlagt ist, und der früher Sekretär im Alldiz Kiosk war, wollte die Nachricht noch nicht ernst nehmen, bis sie vollkommen bestätigt war. Jaffa, 7. August. Langsam zieht auch die Freude ob der erteilten Konstitution in die Gemüter der Bewohner des heiligen Landes ein. Man wartete hier lange, bis man sich dem allgemeinen Jubel des türkischen Volkes an schloß, um so inniger, wärmer und rührender war doch die Freude, die sich gestern bei dem offiziell veranstalteten Bersaffungsfeste kundgab. Schon am frühen Morgen wandelte das festlich gekleidete Volk durch die beflaggten und bekränzten Straßen. Eine bunte Farbenpracht und ein Sprachengewirr, aber von dem einen Tone der Freude und der Liebe zum Vaterlande und zum Herrscher getragen, gaben dem Feste einen besonderen Zauber. Die meisten Festredner waren Christen. Auch viele Mohamedaner hoben in bilderreichen, poesievollen arabischen Sätzen die Bedeutung des Festes hervor. Die Menge jubelte den Rednern begeistert zu mit den Worten: „Es lebe der Sultan, es lebe die Freiheit!" Als Vertreter der hiesigen Jndenschaft sprach der Leiter der Alliance-Schulen in hebräischer Sprache, die die gebildeten Araber hier fast so gut wie die Juden verstehen. Er schilderte das gute Verhältnis, das von jeher zwischen Juden und Arabern herrschte, und das Wohlwollen, -dessen die Juden von alters her im osmanischen Reiche sich erfreuen und das unter dem neuen Regime wohl noch stärker zu Tage treten wird, da die Juden gewillt seien als freie Bürger an der Entwicklung des fteien Vaterlandes mitzuwirken. Wie verlautet, werden die Juden nach Ablauf der Trauertage noch ein besonderes Volksfest zu Ehren der Verfassung in der Kolonie Mikweh Jisroel begehen. Aehnliche Feste wurden auch in den anderen Städten Palästinas und besonders in den jüdischen Kolonien unter Beteiligung aller Bevölkerungsschichten gefeiert. Amerika New-Aork, 1. Aug. Das brasilianische Wochenblatt bringt folgende Notiz. „Die diplomatischen Vertreter von Rußland und Oesterreich haben sich an die brasilianische Regierung mit dem Ersuchen gewendet, die russischen und österreichischen Emigranten, mit welchen sie Kontrakte für Tagelohnarbeiten bei dem Baue der Eisenbahnlinie San Paolo—Rio Grande do Sul abgeschlossen hat, aus eigene Kosten zurückzuschicken. Die Regierung zahlte für oie schwere Arbeit solche Schundlöhne, daß die Arbeiter den Streik proklamierten und die Arbeit einstellten." Es handelt sich dabei um ungefähr 100 jüdische Emigranten aus Rußland, die im Laufe des Juni nach Brasilien gekommen find. Me diese erzählen, hat ihnen die brasilianische Regierung goldene Berge versprochen und sie kamen von den besten Hoffnungen beseelt nach Brasilien. Es wurde ihnen gute und lohnende Arbeit in Aussicht gestellt. Als sie sich zur Arbeit meldeten, wurden sie in das ungesundeste Klima de- Landes geschickt, dort mit schwerster Arbeit beauftragt und wie Sklaven behandelt. Fünfzehn Mann wurden mit Hilfe des österreichischen Konsul nach Rio Grande do Sul befördert, von wo sie zu Fuß in die Kolonie „Philippson" kamen, in der Meinung, hier Arbeit zu finden. Da man ihnen in der Kolonie selbst keine Arbeit geben konnte, mußten die Kolonisten sich für sie einsetzen, daß sie bei den Eisenbahnen irgendwelche, wenn auch noch so schlech e Arbeit bekämen. Mit Hilfe der Konsulate werden nun die enttäuschten Emigranten wieder in die glückliche russische Heimat befördert. venelredter. «riedrichftadt. 11. Aua. Die hiesige jüdische Gemeinde hat den Beschluß gefaßt, ben am Treenefeld belegenen alten Friedhof wieder ordnungsgemäß herzuftellen. Der Friedhof stammt aus dem Jahre 1822, dem GründungSjahre unserer Stadt, und ist seit etwa 28 Jahren nicht mehr benutzt worden, obwohl noch einige Erbbegräbnisse auf dem Platze stet find, die noch belM werden sollen. Während hier gegenwärtig nur noch 15 oder 16 israelitische Familien wohnhaft sind, gab eS hier früher 103, und die Seelenzahl >der Gemeinde betrug noch im Jahre 1852 annähernd 600, fodaß der vierte Teil der Einwohner damals Juden waren. Die ältesten Steine find 250 Jahre alt. Bei der ' Belagerung der Stadt durch die schleswig-holsteinische Armee vom 29. Sept. bis 4. Ott. 1850 dienten die Grabsteine den dänischen Soldaten zur Deck ng bei der Verteidigung. Baden bei Wien, 12. Aug. Der hier vor einig« Tagen verstorbene Professor Schwitz,-ein Katholik bestimmte 4000 Kr. für die hiefige jüdische Kultus gemeinde, sowie viele Legate zur Unterstützung von Studenten ohne Unterschied der Konfession. Czarnotvitz, 17. August. Eine jüdisch-deutsche Sprachenkonferenz findet vom 30. Aug. biS zum 3. Sept. hier statt. Ihr Hauptzweck ist, neben Maßnahmen ua. Pflege des Jargons, die Hebung der Lage der jüdisch« Schriftsteller und Jargonschausvieler. Zu ben B«anstallern zählen u. a. Schalom Asch und Morris Rosenfelö. Poftyen, 16. Aug. Auf der Reise nach Argentinien begriffen, traf Donnerstag früh hier eine AuSwandergruppe ein. ES waren 50 jüdische Familien auS Odessa und Kischinew, die durch die Verfolgung an d« Bettelstab gebracht, sich nun zur Auswanderung entschloss« haben. Die zionistische Bereinigung in Czarovitz nahm fich der Emigrant« an und stellte ihn« Wag« und Pferde zur Verfügung, um sie weiter biS Oderberg zu besördem. Dank der Mühe der Herr« Ponger, Salamon, Kohn, Lipot, Oberrabbiner Bervo und Fuchs aus Wim, welche mit gutem Erfolge eine Kollekte veranstaltet«, konnten die Arm« auch mtt Geldmitteln unterstützt werdm, woran fich auch die hiefige jüdische Gemeinde reichlich beteiligte. 0crei»$w$*a. Würzburg, 11. Aug. Die Absolventen des israelitisch« Lehrerseminars von 1883 beging« hier, durch ein« Ausflug nach der Stätte ihrer Ausbildung ihre Jubelfeier. Eingeleitet wurden die festlich« Veranstaltung« mtt einem Kommers im Hotel Goldschmidt. Unter den fröhlichen Weisen einer gut« Kapelle, Gesängen und Vorträgen, humoristisch« und ernst« Inhalts, nahm der Abmd ein« schön« Verlauf und rief bei d»