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Der Israelit · 1908-06-11 · Heft 24 (11.6.1908) · page 9

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Journal
Der Israelit
Volume
49 (1908)
Issue
Heft 24 (11.6.1908)
Date
1908-06-11
Page
– (sequence 9)
Language
German
Belongs to
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11. Juni 1S0«r Der Israeli». Gelte 9. No. 24 Und auch der Wind, der inbezug auf die Judenfrage von oben weht, ist nichts weniger als ermutigend. Am 24. Mai find nämlich sämtlichje vom Gericht wegen Teilnahme an der Judenhetze im Oktober Verurteilten infolge Wrbitte des hiesigen Präsidenten des Russischen Bolksverbandes vom Zaren begnadigt worden. Kein Wunder, daß Neuthard Ehrenbürger wird! Kiew, 1. Juni. In den letzten Tagen verhandelte die hiesige Strafkammer über mehrere an den Judenmetzeleien im Oktober 1905 beteiligten Hottgans. Sowohl die Voruntersuchung als die Verhandlung, besonders aber die Gerichtsentscheidung, waren vom Geiste getragen, der uns aus den derartigen Gerichtsverhandlungen in Petersburg und Odessa sattsam bekannt ist. Die Angeklagten bekannten sich in allen Fällen unschuldig, schoben alle Schuld auf die Juden. Die Zeugen, die bei der Voruntersuchung belastende Aussagen machten, wechselten unter dem Eindruck der Agitation ihre Meinungen. Die Verteidiger sprachen sehr pathetisch von einer „Verletzung des russischen National - Gefühles" seitens der Juden, von „Abrechnungen", von „gerechter Strafe" und dgl. Selbstredend fehlten auch andere populäre Ausfälle gegen die Juden nicht. Und selbst mittelalterliche Beschuldigungen, wie Ritualmord, Hostienschändung, mußten als zugkräftige Schlaawörter in den groß angelegten Reden der Verteioiger herhalten. Der Staatsanwalt, der die obligatorische Anklage erhoben hatte, sah sich zumeist in seiner Replik zu einigem Nachgeben gezwungen. Die klagenden Juden aber standen still und eingeschüchtert, mit trüben Aussichten in die Zukunft da, welche durch den Ausgang des Prozesses sich noch wesentlich trübten. 19 der 'Hauptangeklagten wurden freigesprochen, nur 3 Rädelführer, über deren Schuld man nicht hinwegsehen konnte, wurden, zu je 8 Monaten Gefängnis verurteilt. Minsk, 1. Juni. Herr Rechtsanwalt S. Rosenbaum, Mitglied der ersten Duma, mußte als einer der Mitunterzeichneten des Viborger Aufrufes seine Gefängnisstrafe von drei Monaten antreten. Seine Freunde und Kollegen in Minsk planten ein Abschieds-Bankett in großem Style. Die Behörde sah jedoch darin eine politische Kundgebung und verweigerte die Genehmigung. Am Abend vor seiner Abreise versammelten sich seine Freunde dennoch in seiner Privatwohnung, und in diesem intimen Kreise wurde der unfreiwillige Abschied des E;'-Deputierten von Juden und Christen sehr herzlich und von der Polizei unbehelligt gefeiert. Es wurden viele Reden gehalten, die Rosen baum's politische und soziale Tätigkeit schilderten. Auch eine Ehren-Adresse in hebräischer Sprache, unterzeichnet vvn allen Anwesenden, wurde iym überreicht. Von den vielen Reden und Toasten wird das geistreiche Wort eines persönlichen Freundes und politischen Gegners des Herrn Rosenbaum weitererzählt. „Die Mitglieder der ersten Duma" sagte der Redner, „haben Strafe verdient, weil sie nach der Dumaauflösung auf fremdem Gebiete (in Finland) russische Politik machen wollten, Herr Rosenbaum aber hat doppelte Strafe verdient, weil er als Jude schon bei Lebzeiten der ersten Duma seine politische Wirksamkeit auf fremdem Gebiete entfaltete und fremde Weinberge gu hüten sich herbeiließ." gvankveldj. Paris, 4. Juni. Als nach der Beisetzungsfeierlichkeit für Zola im Pantheon der Major Dreyfus an der Seite der Madame Zola das Pantheon verließ, wurde von einem beim Ausgang stehendem Manne ein. Revolverschuß auf Dreifus abgeseuert. Dreyfus wurde leicht an einer Hand verwundet. Der Attentäter, ein nationalistischer Journalist namens Gregory, wurde festgenommen. Unter dem Publikum enstand eine große Panik und nur mit Aufbietung aller Energie gelang es der Polizei den Attentäter vor Mißhandlungen zu schützen. Auch die gesamte Presse verurteilt den gegen den Major Dreyfus verübten Mordanschlag. Die nationalistischen Blätter suchen die Tat zu entschuldigen, indem sie die von der Regierung unternommene Verherrlichung Zolas als eine unerhörte Herausforderung der patrioschen Franzosen bezeichnen. Wie ferner mitgeteilt wird, verhörte der Untersuchungsrichter mehrere Zeugen über den Vorfall u. a. auch Matthieu Dreyfus, den Bruder des Majors. Die Zeugen waren der Meinung, daß Dreyfus durch den zweiten Schuß, den Gregorgy abgab, verletzt wurde. Man fand noch in dem oberen Teil des Rockärmels von Dreyfus Spuren einer Kugel und die Aerzte stellten heute Nachmittag an der Schulter Dreyfus' eine Verletzung fest, welche von der ersten Kugel herrühren muß, die in den Blumen, welche den Katafalk umgeben, gefunden wurde. UalLstirrtr Aus Sem heiligen Lande. (Von unserem Korrespondenten.) Jerusalem, 23. Mai. Am vergangenen Dienstag traf Sr. Ehrw. Herr Oberrabbiner I. Horowicz, bisher in Alsokubin in Ungarn tätig, hier ein. Abgeordnete der verschiedenen Gemeinden gingen dem Eintreffenden bis Jaffa entgegen und sofort nach seiner Ankunft wurde er vom Chacham Baschi Jerusalems, wie auch vom Chacham Baschi Hebrons, der zu diesem Zweck mit seiner Begleitung hierher fuhr, begrüßt. Der hochbetagte Herr Oberrabbiner Rabbi Samuel Galant, der bettlägerig ist, ließ den Kollegen durch seinen Vertreter willkommen heißen. Wie Ihren wetten Lesern bekannt ist, wird Herr Oberrabbiner Horowicz hier im Aufträge der Pekidim und Armakalim Amsterdam in der Regelnng der Chaluka wirken. Seine Ankunft wurde seit Wochen von der Bevölkerung teils freudig, teils ängstlich erwartet und in Wirklichkeit wird der Standpunkt, auf welchen dieser streng fromme und europäisch gebildete Rabbiner sich stellt, von größter Bedeutung für Jerusalem sein. Unbekannten Verhältnissen in einem ihm fremden Lande entgegentretend, ist die Aufgabe, welche ihm bevorsteht, eine äußerst schwierige und verantwortungsvolle, doch ist der Neuangekommene mit Mut nnd Schaffensfreude schon in seinem Wirkungskreise tätig und wir hoffen und wünschen ihm, daß seine Arbeit von segensreichem Erfolge gekrönt sein möchte. 4- * Dr. Paul Nathan, der im Zeitraum von wenigen Wochen schon zum zweiten Male das heilige Land besuchte, mußte diese Woche nach vierzehntägigem Aufenthalt in Haifa und Jerusalem ziemlich enttäuscht wieder nach Europa zurückkehren. Dr. Nathan hatte die Absicht, den Grundstein eines Polytechnikums — zu welchem Zwecke der Nachlaß des Herrn Wolf Wißotzky aus Moskau benutzt werden sollte — in Haifa zu legen, doch verweigerte der türkische Staat die Erlaubnis zur Errichtung des Instituts. Auch die Pläne einer beabsichtigten Agrikulturschule in Jerusalem sind nicht soweit gediehen, wie man gehofft hatte und ist die Eröffnung derselben bis auf weiteres hinausgeschoben worden. -r- * Das traditionelle Grab Schimon Hazadiks, welches in einer großen Wiese im Norden Jerusalems liegt, wird immer am Lag Beomer von Tausenden der Einwohner Jerusalems besucht. Ganze Familien benützen die Gelegenheit, den ganzen Lag im Freien zu verleben. Dieses Jahr bot der große, sonst so öde daliegende Platz, dem auf einer Anhöhe stehenden Zuschauer ettt überaus interessantes Bild. Die farbigen Trachten )er Frauen und Kinder, sowie die roten Tarbusche der Männer stachen von den kahlen Felswänden des Grabes grell ab. Buden mit Eßwaren waren aufgestellt sogar ein Carouffel mit ganz wunderlichen Pferden und Schaukeln hat seinen Weg — wahrscheinlich nachdem es einem Jahrmärkte in Deutschland oder Italien gedient — hierher gefunden und die frohlockenden Rufe der Kinder bezeugten, daß es den so traurigen Kleinen Jerusalems nicht an Kindersrohsinn fehlt, wenn nur Gelegenheit sich bietet. Warum gerade am Lag Beomer diese Pilgerschaft der Jerusalemer Juden zum Grabe Schimon Hazadiks wandert, ist nicht ganz klar. — Sei es vielleicht aus Sympathie mit der weit größeren Festlichkeit, die an demselben Tage in Meron in Galiläa am Grabe R. Schimon bar Jochais, der am Lag Beomer starb, stattfindet. — In Meron finden Feftzüge der Kinder mit Pfeil und Bogen ausgestattet statt. (Laut Tradition erschien der Regenbogen nicht zu Lebzeiten des R. Schimon bar Jochai und das Spielen der Kinder mit Bogen soll den Tod des Weisen symbolisieren.) Reiche Glaubensgenossen aus Bokhara, Persien und Transkaucassia, die jährlich nach Jerusalem kommen, um das Pessachfest zu feiern, ziehen wenn Lag Beomer naht, nach Meron um dort das Fest in eigentümlicher Weise zu feiern. Sie spenden tausende von Rubeln für das Privilegium ein Licht im ^amen des Weisen anzuzünden und beenden den Tag mit Tanzen um ein riesengroßes Festfeuer, in das sie wettvolle Gegenstände, Gold- und Silberschmuck, wie auch prachtvolle Decken hineinwerfen. &ntevika. New--)ork, 30. Mai. Nach einem Bericht des „Manchester Guardian" hat die Jewish Colonisatton Association (Jca) vor vierzehn Tagen den Versuch gemacht, 300 jüdische Emigranten aus Rumänien nach Kanada zu befördern, da ihre Lage in Rumänien unhaltbar geworden war. Die Auswanderer waren bereits in Rotterdam angekommen und hätten nach London gebracht werden sollen, um sich daselbst nach Kanada einzuschiffen. Die Leitung der Jca hielt es jedoch angezeigt, vorher^ mit dem Einwanderrngskommissär von Kanada sich darüber auseinandersetzen, ob die jüdischen Auswanderer in Kanada ungehindert würden landen können. Das Ergebnis dieses Einschreitens war, daß der ganze Trupp mit Rücksicht auf die überans ungünstigen wittschaftlichen und politischen Zustände in Kanada von Rotterdam nach Rumänien zurückgeschickt wurde. Hoffentlich wird die Jca für diese armen Menschen, die in ihrer alten Heimat ihre Habe veräußert haben, um eine neue aufzusuchen anderweitig sorgen. llermircdter. Offenbach a. M., 4. Juni. In Lfienbach, wo fich etwa 2000 russische und galizische Juden aufhalten und zumeist ein kümmerliches Dasein fristen, ist auf Initiative des dortigen Rabbiners, Herrn Dr. Goldschmidt, ein Fortbildungsheim für ausländische Juden ins Leben gerufen worden, welches aus einer Unterrichtsanstalt und einer Lesehalle besteht. In ökonomischer Hinficht ist das Fortbildungsheim eine Schöpfung der Baronin Edmund von Rothschild in Paris, welche bereitwilligst die Mittel zur versuchsweisen Etablierung desselben zur Verfügung stellte. Das Fortbildungsheim ist seit dem 20. Januar d. Js. eröffnet und in Tätigkeit. Der Unterricht wird an 40—.'»0 Schüler im Alter von 15—30 Jahren erteilt. Die Lese-Halle wird allabendlich von 7—10, am Sabbath außerdem vom 11—1 und von 3—5, von 60—80 Personen besucht. Lembach, 3. Juni. Welch friedliches Verhältnis unter den hiesigen Bürgern, ohne Unterschied der Konfetlion, herrscht, bezeugt der gestrige Gememderatsbeschluß. Nachdem im verflossenen Jahr für die Renovierung der protestantischen Kirche 40000 Mark, sowie zum Neubau der katholischen Kirche 60000 Mark vom Gemeinderat bewilligt wurde, wurden durch einstimmigen Gemeinderatsbeschluß 1200 Mark für die israelitische Kultusgemeinde bewilligt zur Renovierung der der Kultusgemeinde gehörigen Gebäude. Qerei«$w$t«. Frankfurt a. M., s. Juni. Am 3. Juni hielt Herr Dr. Seliger aus Jaffa in der hiefigen Misrachi- Ortsgruppe einen intereffanten Bortrag über die Verhältnisse der Jugenderziehung in Palästina. Der Referent beleuchtete in faselnder Weise d>e Mängel der bestehenden Schulen, sowohl jener der nach althergebrachten Weife

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