Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 42 (1901)
- Issue
- Heft 84 (24.10.1901)
- Date
- 1901-10-24
- Page
- – (sequence 40)
- Language
- German
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von je 100 Para (- 50 h) monatlich za spendeD, am den hungernden Zöglingen wenigstens ein Stück Brod bieten zu können, und bald schlossen sich diesem Beginnen viele andere Kameraden an. So entstand ein kleiner Wohlthätigkeitsverein. dessen Mitglieder mehr über einen guten Willen als über materielle Mittel verfügten, daher auch der Name des Vereines „Guter Wille“. Die erziehliche Thätigkeit der Alliance geht also über die Schale hinaus, sie überlässt keineswegs den Absolventen der Schule sich selbst, sondern begleitet ihn auch in’s Leben, am ihn za einem nützlichen and wackeren Menschen za machen. Auf diese Weise ist es gelungen, allenthalben junge Vereine ehemaliger Zöglinge in’s Leben za rufen, deren wohlthätige Tendenzen, deren eifrige Initiative, deren feuriges Streben, Gates za than, alle Anerkennung verdienen So geartet ist die junge, in den Schulen der Alliance herangebildete Generation. Aber auch auf die Eltern wirkt die den Kindern in den Alliance-Schalen gewordene Erziehung zurück. Unbewusst und ahnungslos machen diese Kinder im Elternhause Schule, und machen diese allmählich für die modernen Ideen empfänglich. Indem sie Tag für Tag ihre Umgebung mit den aus dem Munde der Lehrer gehörten, oder aus ihren Büchern geschöpften Begriffen vertraut machen, üben sie, wie der Wassertropfen auf einen Stein, eine die Vorurtheile und Voreingenommenheiten der Eltern auflösende Wirkung. Die Wandlungen, die sich auf die bezeichnete Weise im Denken und Empfinden der Eltern vollziehen, werden am besten durch folgende Thatsache illustrirt. Als Herr Nissim Behar im Jahre 1882 eine Alliance-Schule in Jerusalem anregte, wurde er in den Bann gethan und fast gesteinigt. Heute zählt die dortige Schule 300 Kinder, und geht die Alliance daran, die Einweihung eines Schulgebäudes zu feiern, welches Raum für 1000 Kinder haben wird. Da ist keine Gegnerschaft mehr wahrnehmbar, ja noch mehr, die Eltern, welche vordem jeden Gedanken an einen profanen Unterricht voll Abscheu abwehrten, führen jetzt ihre Kinder selbst herbei, um Aufnahme für dieselben flehend. Was die Mädchenschulen betrifft, so waren dieselben nirgends von grösserer Wichtigkeit als in den türkischen Ländern, wo die Frau eine ganz untergeordnete Stellung inne hat. Um ihr den ihr gebührenden Rang und den Platz in der Familie zu erringen, um sie zur wahrhaften Mutter, will sagen zur Erzieherin ihrer Kinder zu erheben, musste sie nothwendig ihrem Manne gleichwertig gemacht werden; dies ist über alle Erwartung gelungen. Die Mädchenschulen der Alliance stehen ihren Knabenschulen nicht nur nicht nach, sie überflügeln sie sogar in mancher Beziehung. Wollen wir, nachdem wir Aufsätze 14—15 jähriger Knaben der Schulen Adrianopel, Konstantinopel und Damaskus citirt haben, auch einen kleinen Auszug aus einem von einer 14jährigen Schülerin einer Schule in Konstantinopel über dasselbe Thema: Die Nützlichkeit der Leiden etc. verfassten Aufsatz reproduciren: „. . .Wenn — so heisst es hier — wenn die Schmerzen und Leiden auf den Menschen bessernd wirken, so liegt die Ursache darin, dass sie ihm Gelegenheit bieten, sich an des Lebens Ungemach zu gewöhnen. Die Gefahr zwingt dem Menschen den Kampf auf, und dieser Kampf stählt und bessert ihn. Der vom Schicksal hart Betroffene wird gewiss weniger Neigung, Böses zu thun, empfinden, als Derjenige, der noch nie gelitten.“ Es darf hier nicht einer der beredtesten, durch die Mädchenschulen herbeigeführten Erfolge übergangen werden. In der Türkei werden Mädchen schon im zarten Alter von 10 bis 11 Jahren verheirathet. Es soll hier diese beklagenswerthe Sitte nicht näher erörtert oder qualificirt, sondern lediglich auf die ernsten und traurigen Folgen hingewiesen werden. Solche sind: eine erschreckliche Sterblichkeit unter den Frauen, welche der frühzeitigen Mutterschaft unterliegen, wahre Hetakomben unter den Neugeborenen, denen die jungen Mütter die nöthige Pflege nicht zu gewähren verstehen. In jenen Städten, wo die Alliance Schulen gegründet, hat diese Unsitte zum Theile ganz aufgehört, zum Theile verschwindet sie mit jedem Tage mehr. Es ist also auch auf diesem Gebiete ein gutes Stück Arbeit vollbracht worden. Es würde zu weit führen, alle durch die Schule in der materiellen Lage unserer Glaubensgenossen herbeigeführten Wandlungen zum Besseren anzudeuten. Sie lassen sich aber leicht vorstellen. Ist einmal die Hand des geübten Arbeiters mit einem guten Werkzeuge versehen, so weiss er dasselbe mit Nutzen zu gebrauchen. Ausgerüstet, wie die Zöglinge der Alliance heute für den Kampf sind, finden sie einen Erwerb, der ihnen vormals bei ihrer Unwissenheit unzugänglich war. (Fortsetzung folgt.) Druck der Job. Wirth’schen Hofbuchdruckerei Actien-Oesellachaft, Mainz.