Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 42 (1901)
- Issue
- Heft 76-77 (26.9.1901)
- Date
- 1901-09-26
- Page
- – (sequence 38)
- Language
- German
- Belongs to
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- Serock 1× ep/1861168
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1692 ausgesiopften harten Sacke und schien in vollständige Apathie versunken. Zum ersten Male seit der Abreise kam mir der Gedanke, das; dieses Abenteuer mit einem Unglück endigen konnte. Bisher hatte ich im Kampfe mit dem Frost verschiedene Stützen gehabt, jetzt suhlte ich mich ihm gegenüber ganz verlassen und wehrlos. Wenn Joßel's formlose Gestalt Apathie ausdriicktc, so war der Pächter einem Felsen der Selbstsucht zu vergleichen. Von beiden strömte mir eine seelische Kälte entgegen, welche mir niehr weh that, als die körperliche. Der Pächter und ich hatten die Eckplätze eingenommen. Zwischen uns lag ein Haufen von Pelzen, die dem Pächter gehörten. Einer von diesen Pelzen hätte mich retten können. Ich litt Tantalusqualen. Sie zogen mich magnetisch an, ich dachte: wie süß wäre es, in eines dieser Bärenfelle cinzutauchen und aufzuthauen . . Bald jedoch sollte mir auch der Anblick dieser Kostbarkeiten genommen werden. Der Pächter hatte dem Fuhr- < mann noch in Serock angekündigt, daß er im zweitj Nächsten Dorfe abgesetzt zu werden wünschte. \ Hätte ich diesen dicken Menschen mit lveinerlichcr i Stimme angesprochen und ihm bekannt, wie sehr ich fror, und ihn um Mitleid angefleht, er hätte mir vielleicht wenigstens seinen abgetragenen Schafspelz gegen ein Entgeld gelassen. Aber das erlaubte mir mein! Aesthetismus nun und nimmer. Ich erstarrte vor Kälte in erhobener Verachtung! alles Häßlichen und Gemeinen. Der Frost stach mich : wie mit Nadeln, vom Scheitel bis zur großen Zehe, j Unter den. Einflüsse dieses Stechens verloren zuerst die i Zkhen, dann die Beine jedes Gefühl und wurden zwei I Holzstelzen ähnlich,' vergebens vergrub ich sie in das > Stroh, dieses bot aber wenig oder gar keinen Schutz.! Der Schmerz, welchen der Frost mir an Mund. Nase! und Ohren bereitete, war nicht mehr mit dem Stechen j von Nadeln zu vergleichen. Ich hatte förmlich das Ge-! fühl, als versenkten sich in diese Stellen jedesmal eine ' Reihe scharfer Zähne. i Meine Angst wuchs und fing an, tragische Dimen-! fronen anzunehmen. Ein Zorn erfaßte mich wider die Herzlosigkeit der Natur, und im Zorn fing ich an, heftig? die Hände, die Beine, den Kopf und den ganzen Leib hin- und herzubewegen. Das erwärmte mich ein wenig, aber es machte mich müde. Die Sterne, auf welche ich! die Augen geheftet hatte, schienen zu blinzeln und ein-! zuschlalen und auch mich in den Schlaf zu lullen. Es schien mir, daß sich Alles rings um zur Ruhe begibt. j Mit aller Anstrengung leistete ich diesem Drange Widerstand. Besonders hütete ich mich, die Augen;u schließen. Ich wußte, wie gefährlich das werden konnte, j Um meine Gedanken rege zu erhalten, rezitirte ich Verse; aus der Aeneide und ließ dabei die Caesur so kräftig - hervortreten, daß mein Lehrer Gomslewsli mir dafür die beste Note gegeben hätte. Aber im Kopfe sing es nur an, wirr zu werden. Wirtlichkeii unb Traum vermengten sich zuweilen fv sehr mit einander, daß ich sie nicht mehr auseinander zu halten im Staude war. Meine Gedanken tanzten im Kreise lustig herum, verwandelten sich langsam zu Lichtern, Farben und Klängen. Ein startes Schütteln weckte mich auf. Der Wagen hielt. Plan zog unter mir den Pelz des Pächters hervor, auf dem ich inich unwillkürlich gestützt hatte. Der dunkle Körper, der mir links bisher die Aussicht verschloß. verschwand von seinem Sitz. Daun wurde alles still. Der Blond ging auf. Ich strengte das Auge an, um in dem plötzlichen Lichte die Dinge rings ivahrzunebmcn. Ioßel halte sich noch mehr zusamengelauert, und saß so reglos, wie ein Holzblock. Den Kopf hatte er mit einem alten Fetzen verbunden und dieser seltsame Kopfputz hob sich am Himmel mit scharfen Linien ab. Kr erschien mir in diesem Augenblick wie eine fremde, fantastische und schreckliche Gestalt. Ich sing an, im Geiste die Sekunden zu zählen, aus den Sekunden Minuten, aus den Minuten Viertelstunden zusammen,zufügen. Aber ich irrte mich und zog cs nun vor, zu träumen. Wenn nur nicht die fürchter tichen Schmerzen in meinem Körper gewesen wären. Ich dachte, daß es so süß wäre, jetzt in die Tiefe des Wagens zu versinken und ciuzufchlafen. Ich hütete mich davor, so gut ich konnte, rührte mich nicht von der Stelle, - — aber dennoch schlief ich ein. Ich schlafe ein mit dem Gefühl fürchterlicher Augst, die mir ein Aechzen entreißt. Jetzt weiß ich, daß ich nicht mehr erwachen werde. Endlich höre ich auf zu sehen, zu hören und zu Ich erwachte. Plötzlich, '.n einem Augenblick, ohne vermittelnde Uebergäuge war ich wach. Es war mir wohlig und angenebm zu Muthe, und vor allem, es war mir warm. Ich hatte das wohlige Gefühl eines Menschen, der nach einen', wüthenden MeereSstnrm endlich feste Erde unter den Füßen fühlt. Neugierig blickte ich mich um. Die ganze Nacht war in weißes, blendendes Licht getaucht. Himmel und Erde überfluthete der Mond mit Wellen flüssigen Silbers. Der Wagen rollte noch dahin. Ioßel war nicht inehr auf dem Bock. Er lief neben dem Wagen her, seine cisenveschlagenen Stiefel schlugen gegen die gefrorene Erde ans. mit den Armen fuchtelte er heftig hin und her und hauchte sich unaufhörlich in die Hände. Ioßel hatte jetzt nur eine kurze Jacke an, und auf dem Kopfe außer der Mütze, einen alten Fetzen. Wo hatte er seinen schweren, warmen Kaftan hingethan,