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Der Israelit · 1901-09-09 · Heft 71 (9.9.1901) · page 17

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Journal
Der Israelit
Volume
42 (1901)
Issue
Heft 71 (9.9.1901)
Date
1901-09-09
Page
– (sequence 17)
Language
German
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42. Jahrgang. Zweite Anlage zu M 71 des „Israelit". Aeitangsnachrichte« uns Correfporrdenzen. Deutschland. Mainz, im Sept.. Die 48. Generalversammlung der Katholiken Deutschlands hat natürlich in der abgelaufenen Woche allgemeines Interesse erregt. Auch für uns ist dabei manches Lehrreiche abgehandelt worden. Schade nur, daß der Tropfen antisemitischen Oels gleichfalls nicht fehlte, namentlich in den Reden der Abgeordneten Gröber, Bachem und Schädler. Hierzu richtet Dr. Ernst Tuch eine Zuschrift an die „Allgem. Zeitschrift des Judenthums", der wir Folgendes entnehmen: Der Reichstagsabgeordnete Dr. Bachem führte in seinem Vortrage in Osnabrück: „Der Katholik und die moderne Zeit" folgendes aus: „Der Liberalismus sage, die katholische Religion sei nicht mehr zeitgemäß, sie entspreche nickt den modernen wirthschaftlichen Anforderungen. Daher seien auch die katholischen Gegenden in wirthschaftlicher Beziehung vielfach rückständig. Die Liberalen, die so reden, hüten sich zu bekennen, daß die Protestanten in wirthschaftlicher Beziehung gegen die Juden rückständig seien. (Beifall.) Wenn die Güte der Religion nach dem Reichthum bemessen werden sollte, dann sei die beste Religion nicht die des Liberalismus, sondern des Mammonismus, der das Zuchthaus mit dem Aermel streife, wenn es nur möglich sei, den Säcke! zu füllen." (Stürmischer Beifall.) Diese Definition der „besten Religion" erschien dem Abgeordneten Dr. Gröber nicht präzis genug, daher gab er in der am folgenden Tage abgehaltenen Generalversammlung des „Volksvereins für das katholische Deutschland" folgende nähere Erklärung: „Wenn man die Güte der Religion nach dem Reichthum der Religionsangehörigen bemessen wolle, dann können die Christen allesammi nichts Besseres thun, als sofort ihren Glauben zu wechseln und Mitglieder des Oberamts Jerusalem werden." Der erste Redner stellt also die Juden als wirthschaftlich überlegen, der zweite in geschmackvoller Ausdrucksweise als wohlhabender als die übrigen Volkskreise dar. Beide bethätigen dann ihre mehrfach betonte religiöse Toleranz, indem sie Judenthum mit Mammonismus identifiziren. Wie steht es nun mit der wieder neu aufgefrischten Legende von den durch die wirthschaftliche Ueberlegenheit in jüdischen Händen angehäuften Reichthümern? - Bestände diese Ueberlegenheit thatsächlich, so wäre wohl der Neid der Untüchtigeren verständlich, vielleicht auch das Entstehen intensiven Haßgefühles. Allein es ist nicht die, wenn auch widerwillige, Anerkennung größerer Fähigkeiten, welche Dr. Bachem ausspricht, sondern es wird in ungerechter Weise die wirthschaftliche Ueberlegenheit der Juden dem Mammonismus gleichgestellt, „der das Zuchthaus mit dem Aermel streift", während „das Streben nach Wohlstand" aus der „Grundlage der (katholischen) Religion und Moral" liebevollste Berücksichtigung findet. Aber ernsthaft gesprochen, glauben diese Herren wirklich noch an die großen Reichthümer der Juden? Heute noch, wo ein Rothschild und Bleichröder nur als armselige Stümper erscheinen gegenüber den Krupp und Stumm, geschweige den amerikanischen Milliardären Vanderbilt, Gould, Morgan u. s. w.?! So blind gegen die Vorgänge der heutigen Zeit kann doch kein ernster Mensch sein. Vielleicht aber haben sie gar nicht diese wenigen Auserwählten, sondern die große Maste der Juden im Auge. Und da müssen wir es denn allerdings für möglich halten, daß die Herren im guten Glauben gesprochen haben, daß sie, unberührt von der Tragik gerade der letzten Jahre, noch immer in naiver Unbefangenheit „den Juden" für den reichen Mann halten, daß sie nie etwas gelesen und gehört haben von den gewaltigen Auswanderungen bettelarmer Juden aus Rumänien, nie von dem trostlosen Elend der russischen Juden, daß sie die Roth der galizischen Proletarier nicht kennen, daß sie von der Existenz riesenhafter Ghettos in London, Newport und Warschau nichts wissen. Möglich auch, daß sie gar nicht von den Juden im Allgemeinen sprechen wollten, sondern nur von den deutschen. Nun, wir dürfen wohl zugestehen, — und ich glaube, wir brauchen uns dessen nicht zu schämen, — daß wir unter den deutschen Juden kein sogenanntes „Lumpenproletariat" haben, allein zahlreiche Existenzen, die mit der bittersten Noth zu kämpfen haben, giebt es auch bei uns. Die Juden sind, aus nur allzu bekannten Gründen, in überwiegender Anzahl in den Städten ansässig. Man bedenke, daß von den 646 800 in Deutschland lebenden Juden allein in den zehn Großstädten Berlin, Hamburg-Altona, Breslau, Frankfurt a. M., Cöln, München, Nürnberg. Dresden, Leipzig, Mannheim 180 000 wohnen, also ein Drittel der Gesammtzahl! Hierin, in ihrer überwiegenden Zugehörigkeit zu städtischen Berufen wird freilich allgemein gerade ihre Ueberlegenheit in wirthschaftlicher Beziehung gesucht. Aber man betrachte sich nur genauer die Verhältnisse in diesen Großstädten. Wenn wir z. B. wissen, daß in Hamburg bei einer jüdischen Einwohnerschaft von 18 000, 4200 Personen ganz oder zum Theil von Unterstützungen leben, mithin über 23 Prozent, so wirft dies wahrscheinlich ein grelles Licht auf den durchschnittlichen Reichthum der Juden.

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