Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 42 (1901)
- Issue
- Heft 57 (22.7.1901)
- Date
- 1901-07-22
- Page
- – (sequence 16)
- Language
- German
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1270 Verein „Speisen für die Hungrigen" jfippell an edle Seelen! Ihr wißet es wohl schon, geliebte 'Brüser, daß zur Hilfeleistung für Unglückliche, die mangels Arbeit ins Elend gerathen find, von einigen Gefühlsmenschen in der Hauptstadt die Gründung einer Freiküche angeregt wurde- Tie ("runder müssen zngcstehen, daß stc auf eine derart thalkräftige Aufinnnternng seitens des Bnka restcr Publikums nicktt gesaßl ivarcn, und mit freudigster ("enngthtlung anerkennen sie die liebenswürdige Zuvorkommenheit, mit welcher jeder, deines uni irgendwie möglich war, trotz der großen Krise, sein ^cherflcin beitrug zu dem cdcln Unternehmen. Bon dem liochhcrzigcn Beispiele der Bukarcstcr angceifcrt, kauten auch unsere auswärtigen Brüder unseren (Schützlingen zu Hilfe, und dank ihrer ansehnlichen Monatsbeiträge, fand unsere Initiative festen ("rund und Boden. Angesichts eines so förderlichen Beistandes konnten wir unsere Idee verwirklichen, u es entstand die „I-reiknche" die in fortschreitender Entwicklung so viel und so großes Elend zu lindern berufen ist- Im Verlaufe von >» Monaten konnten, dank dem segensreichen Interesse wohlthätiger Brüder, etwa 40,000 Brode von einem Kilogramm und über 150,000 Lpeiseportioneu aus getheilt werden. Wer da sehen will, was menschliche Güte bewirkt, der komme zur Mittagszeit in die „Ireiküche" und beobachte die Ansthcilnng, die ununterbrochen während drei Stunden vor sich geht- Kommet nur und sehet sic an, die herabgekominenen Handwerker ohne Arbeit, die einst vielen anderen Armen geholfen haben und jetzt dastehcn mit schamgcbengtem Haupte, stumm die Hand hinhaltend um ein Stückchen Brod für sich und die ihrigen. Betrachtet euch den Andrang blasser, ausgehungerter Weiber, Witlwen und Verlassener, deren Er: Werber hinausgewandert sind aufs Geradewohl in die weite Welt und ihre Familie mit kranken u. unmündigen Kindern zurücklassen mußten im grausamsten Elend. Sehet sie selbst, die bejammernswerthen Kleinen, Vatern. mutterlose 'Waisen mit aschfahlen Gesichtern, wie sie zitternd vor Aufregung die Thronen zurückdrängen und blutleeren Rippen znsammenpressend warten, bis die Reihe an sie kommt für einen L>chnitt Brod und einen Teller lvarmer Suppe. Mit welch' glückstrahlendem Blick sie danach greifen, und wie die Dankbarkeit ihnen aus den Augen leuchtet, während sie mit Appetit das wenige geniesten, das man ihnen bietet. So traurig das Schauspiel ist, es hat feine Lichtseite für den Spender, der unvermittelt alle diese Eindrücke in sich aufnimmt und im Innersten empfindet, welch' grenzen lose Wohlthat dieses Unglücklichsten aller Unglücklichen erwiesen wird. Wenn der Brodwagen in den Hof rollt und die Austheilung beginnt, entwickelt sich eilt wahrhaft rührendes Schauspiel. Ein Frendenstrahl erhellt all die vergrämten Gesichter. Die Weiber erfaßen hastig das erhaltene Brod und Mittagmahl, um es den armen Kindern nach Hause zu bringen, während die Alleinstehenden sich^fcierlich au die gedeckten Tische setzen, darunter etlva lö:) Schulkinder, welche gänzlich verlassen in ihrem Elende dastehen Morgens sind die Bemitleidenswerthen, ohne einen Bissen in den Mund zu nehmen, in die Schule gegangen, und 'Abends werden sie ebenfalls mit leerem Magen sich ztlr .Ruhe legen; sie haben nur eine einzige Stunde ihrer Hoffnung und ihres Trostes, während sie hungrig ans der Schulbank sitzen, um ihre geistige Rabrung ZN erhalten: die Mittagstuude in der Freiküche. Der Familiensinn dieser voin Schicksal verstoßenen Kleinen ' ist mitunter herzerschütternd. So wurde eines TageS eines der Kinder dabei betreten, wie es verstohlen einen Theil des spärlich genug zugetheilten Essens in ein mitgebrachtes Gefäß schüttele. Gefragt, was es damit beabsichtige, gestand es endlich weinend, in dem Glauben etwas Unrechtes gethau zu haben,'das; es auch eine Mutter habe, die zu Hause verhungern müßte, wenn das Kind ihr nichts brächte. Natürlich wurde von nun ab auch die Mutter seitens des Vereines mit Esten bedacht. Kontmct nur alle, geliebte Vereinsgenosten, blicket mit Gcnugtlmnng auf die Wohlthaien, die ihr täglich erweiset. Was sollten alle diese lluglücklicbcn aufangen, wenn Eure Herzeusgüte denselben nicht bcistchen würde. Sie müßten auf der Straße Hungers sterben, ganze Familien vor unseren 'Augen unter unsäglichen Dualen zu i"runde gehen- Bedauerlicher Weise zeigen sich die Mittel, ivelcbe dem Vereine zu Gebote stelwu, noch als unzureichend', denn das Elend ist groß und tvächst von Tag zu Tag, so daß täglich eine große 'Anzahl Hungriger znrückgewiesen Werren muß, mdl der Vorrat nicht ausrcicht u. da erlebt man jammervolle Irenen. Die Weiber schreien verzweifelt, unc sie zu den hungernden Kindern nach Hause kommen könnten ohne einen Bisten mitzubringen. Weinend ruft ein Kind: Seit zwei Stunden stelle ich hier, den ganzen Tag habe ich nichts gegessen, jetzt inuß ich Zusehen, ivie die anderen essen, ich bekomme nichts und bin ja so hungrig! Angesichts dieser Sachlage dankt das Eomire in erster Linie den hochherzigen Mitgliedern für deren Opferwilligkett und den mildthätigcn Spendern, ohne Unter sch ed der Eonfession, die ohne Mitglieder zu sein, ans reiner Menschenliebe'zu dem edlen Ilnternehmen beigetragen haben, und wir appelliren um Gottes Willen an alle Menschen von Herz und Gefühl, sich gleichfalls dieseit Philaniropen an zuschließen und unseren verzweifelten, hungernden Schlückingen rasche Hilfe und .Rettung zu bringen. Es handelt sich nicht nur um die Reichen, sondern hauptsächlich unt die zahlreicheren minder Bentittelten, die jedoch ihr Auskommen haben und davon einen noch so kleinen Obolus an das unsägltchste Elend abgeben mögen. Ter woblthätige Keim wird die herrlichsten Früchte tragen: denn die^ innigsten Dankgebete geretteter Mitmenschen flehen den Segen des Himmels herab auf die Häupter der barmherzigen Brüder n- Schwestern- Gebet den Armen und Gott wird cs etlch vergelten tausend und tausend mal. Das Comite Geldsendungen übernimmt unS Gefälligkeit: Das Bankhaus Marmorofch Blank & E o. für die Freiküche „Manrare pcntrn Flanwnzi". 'Adresse für Zuschriften: Ulrich DaubeS, Ealea Bacaresti 'Rr. i'.HJ in Bnckarest. Pensionat israelite de: jeuiiGS Ml los, Mmes. Aron & Weil!, 90 rue de Strasbourg, Nancy (France.) Man würde zur Hälfte des Pensionspreises ein Atädchen annehmen, welches int Stande wäre, fraitzöfifchen Schülerinnen wöchentlich 2 bis 3 Stunden deutschen Unterricht zu erlheilen. [135b Spezieller I-erienkursnö für Auetländerinnen. Beste ieo Seife garantirt reine Oelseife versendet nur an Wiederverkäufer. Seifenfabrik Liebhold, Kehl a. Nh. 1981, in in den feinsten Kreisen eingeführter Herrin Frankfurt a. M., der die größten Verbindungen im In- und Auslande hat, empfiehlt sich zur Verwittlavg von Heirathsparthien unter strengster Diseretion. Prima .'Referenzen. Directe Offerterbeten unter Cb. Z. 5081 an die Geschäftsst. dss. Blatt. BeraatworÜiche Redaction: Oscar Lehmann in Mainz. — Expedition des „Israelit", Schottstraße Nr. 2, Mainz. Druck und Verlag der Zoh. Wirth'scheu Hofbuchdruckerei Actien-Gesellschaft in Mainz.