Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 42 (1901)
- Issue
- Heft 36 (9.5.1901)
- Date
- 1901-05-09
- Page
- – (sequence 34)
- Language
- German
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trag*) ist so instruirend, erhebend and anregend, dass ihm im Interesse der Aufklärung die weiteste Verbreitung zu wünschen ist. Er wird ganz zweifellos das grösste Interesse in jüdischen, wie in nichtjüdischen Kreisen erregen. Herr Bi gart führt uns an die Geburtsstätte der Alliance, enthüllt uns die Ursachen ihrer Entstehung, zeigt uns ihr mühsames Hervorringen aus chaotischen Anfängen, ihre allmähliche Entwickelung, welche in die erhabene Mission aus läuft: verwahrloste Menschenmassen zu erziehen, zur Sittlichkeit emporzuheben und sie nützlichen und gesunden Berufen zuzuführen vermittelst Schule und Arbeit! „An den erziehlichen Erfolgenmeint er, „wird man ermessen, welchen Einfluss die Bildungsanstalten der Alliance auf die Hebung unserer unglücklichen und unwissenden Glaubensgenossen ausüben." Folgen wir den Ausführungen des Herrn Bi gart, der sich uns als ein vortrefflicher Führer darbietet: Wann entstand die Alliance und was veranlasst« ihre Bildung? Im Jahre 1840 verschwand plötzlich zuDamascus in Syrien der katholische Priester Pater Thomas. Seine Leiche wurde im Juden viertel gefunden. Die Christen erhoben Lärm und beschuldigten die Juden des Ritualmordes. Mehrere Israeliten wurden eingekerkert und Martern ausgesetzt, denen viele erlagen. Der Vertreter Frankreichs war der wüthendste Ankläger. Er glaubte fest an den Ritualmord, welchen Glauben übrigens-[sein Vorgesetzter, der Minister des Aeusseren, Thiers, mit ihm zu theilen schien. Der schon damals berühmte Cremieux und der englische Philantrop Sir Moses Montefiore begaben sich nach Egypten zu Mehmed-Ali, und ihren vereinten Bemühungen gelangtes, die^Opfer den Händen ihrer Henker zn entreissen. * Die innigsten Wünsche der gesammten Judenschaft begleiteten sie in ihrer edlen und erhabenen Mission, und so war der leitende Gedanke der damals noch lange nicht bestehenden Alliance, der Lenker der Schritte dieser berühmten Vertreter des Judenthums Frankreichs und Englands, um ottomanische, eines vermeintlichen Verbrechens beschuldigte Juden zu retten. In der That tauchte schon damals in vielen Geistern der Gedanke auf: es müsse eine Gesellschaft in’s Leben gerufen werden, welche die Aufgabe hätte, die Rechte der Israeliten zu vertreten. In manchen jüdischen Bättern wurde eine derartige Schöpfung propagirt, die Anregung *) Der Titel lautet: „A*Alliance Israelite. San Acliort iducatrice.“ Conference faite le 6 Fevrier igoo a L'Union Scolaire par M. Jacques Bigart. fand jedoch aus Mangel an Verständigung und Ausdauer keinen Wiederhall. Erst 20 Jahre später, als der im Kirchenstaate erfolgte Raub des Judenknaben Edgar Mortara das ganze freisinnige Europa erschütterte, nahm dieser Gedanke Form und Gestalt an. Sechs, damals fast unbekannte junge israelitische Männer in Paris widmeten dieser Aufgabe ihre Kräfte, und lösten die in allen jüdischen Kreisen so viel ventilirte Frage. Es waren dies die Herren: Rabbiner Aristides A s t r u c, Professor der Philosophie Isidor Cahen, Ingenieur Jules Carvallo, Advocat Narcisse Leven, Professor Eugen Mannuel und Carl Netter. Ausser Carl Netter, der in Jaffa, aus dessen Boden durch seine aufopferungsvolle Thätigkeit die Ackerbauschule hervorgezaubert wurde, die im Leben nie gesuchte Ruhe fand, sind alle noch am Leben, und wirken ungeschwächt an dem herrlichen Werke fort. Herr Leven steht heute als Präsident an dessen Spitze, nachdem er vierzig Jahre hindurch, ebenso bescheiden als unermüdlich wirkend, dessen Seele war. Warum nahm die Alliance den Titel „Universelle“ an? Es giebt zwar in den meisten zivilisirten Ländern, und es gab schon vor 40 Jahren officiell konstituirte jüdische Körperschaften, wie Konsistorium, Board of Deputies etc., welche die Interessen der Juden bei den politischen Behörden vertraten. Der Wirkungskreis aller dieser bestehenden Körperschaften aber ist ganz genau vorgeschrieben und beschränkt, so dass diese Schöpfungen einen ausgesprochenen Charakter des Landes tragen, in welchem sie bestehen, ohne dass ihnen eine Einflussnahme auf Dinge ausserhalb der Landesgrenze zusteht, oder überhaupt möglich ist. Es musste somit ein Band geschaffen werden, welches Alles, was Israel heisst, Zusammenhalten soll, eine Gesellschaft, welche die Rechte aller Israeliten vertheidige und schütze; darum ist die Alliance eine „Universelle“. Braucht nun noch die Bezeichnung „Israelite“ gerechtfertigt zu werden? Das Expose des provisorischen Comitös der Gesellschaft von 1860 begründet es zur Genüge: Es lautete: „ Tontes les autres cruyances importantes sont reprcsentees dans le monde par des nations c’est-a-dire s’incarnent dans des o t tv er nemenis, qui ont int er et special et mission officielle de les representer et de parier pour el/es; la nötre seule est depourvue de cet important avantage, eile ne reprcsente ni un JEtat, ni une societe, ni un temtoire determine\ eite riest qu'un mot de ralliement pour des individus epris; ce sont donc ceux-la quHl faut essentiellement rallier.11 (Fortsetzung folgt.) Druck der Joh. Wirth’schen Hofbuchdruckerei Actien-Gesellschaft, Mainz.