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Der Israelit · 1900-03-12 · Heft 21 (12.3.1900) · page 17

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Journal
Der Israelit
Volume
41 (1900)
Issue
Heft 21 (12.3.1900)
Date
1900-03-12
Page
– (sequence 17)
Language
German
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41# Jahrgang. Zweite Beilage M M 21 -es »Israelit-. Zeitungsnachrichten und (Korrespondenzen. Italic n. Turin, 8. März. Der „Ztg. d. Judenth." lvird geschrieben: lieber die wichtigsten jüngsten Vorgänge in der italienischen Judenheit hat Ihr Blatt bereits kurz berichtet; sie haben zum Theil allgemeinere Vedeu tung und ihre ausführlichere Besprechung wird auch weiteren Kreisen Interesse bieten. Da verdient zunächst der Kampf von Turin Erwähnung, ein erfreuliches Zeichen blühenden Lebens, das sich sonst in den hiesigen Gemeinden leider nicht allzuhäufig regt, um so erfreulicher, als es mit einem glänzenden Sieg der guten Sache endete. Lasten Sie inich zunächst die Geschichte dieses Streites erzählen. Am 2. Dezember v. I. beschloß der Vorstand der jüdischen Gemeinde von Turin, den zweiten Feiertag (mit Ausnahme des zweiten Tages des Neujahrsfestes) und den ersten Tag Nosch ha-Chadesch abzuschaffen. Er hatte lveder die Ortsrabbiner noch sonst irgend einen Sachverständigen gutachtlich befragt, sondern sich aus einen von dem verstorbenen Rabbiner Olpes im Jahre 1863 gemachten, und dann als von der Gemeinde abgelehnten Reformvorschlag gestützt. Der -Oberrabbiner, Professor Giuseppe Foa, erfuhr ganz zufällig privatim von der vollendeten Thatsache, zögerte aber auch keinen Augenblick, die nöthigen Konsequenzen zu ziehen und ersuchte schon am o. Dezember den Vorstand uni Entlastung aus seinem Amte. Und nun beging der Vorstand eine noch größere Thorheit, indem er den Rabbiner bat, seine Demission zurückzuziehen und sich einer Abstimmung der Steuerzahler zu unterwerfen, die darüber entscheiden sollten, ob die fragliche Reform anzunehmen oder zu verwerfen sei. Auf diesen albernen Vorschlag konnte und wollte der Rabbiner nicht eingehen, er lehnte es ab, seine religiösen Ueberzeugungen nach der Meinung der Mehrzahl der Turiner Steuerzahler einzurichten und beharrte auf seinem Gesuch um Dienstentlassung. Der Vorstand seinerseits beharrte auf der Abstimmung, und so blieb dem Rabiner nichts Anderes übrig, als öffentlich in den Kampf einzutreten. Gleich dem Vorstand erließ auch er ein Rundschreiben an die Gemeindemitglieder, in dem er seinen Briefwechsel mit dem Vorstand veröffentlichte, seine Gründe gegen die geplante Reform darlegte und sich im Gegensatz zu dem Gutachten des Rabbiner Olpes auf den damals von den italienischen Rabbinern veröffentlichten Protest berief. Die Abstimmung hatte das Resultat, daß von 250 Stimmen 245 sich gegen den Vorstand erklärten, dieser nahm jedoch diesen gründlichen Mißerfolg ruhig hin und erklärte, nun von seinem Beschluß absehen zu wollen. llnter den allgemeinen Gesichtspunkten, die sich bei dieser kläglichen Affaire ausdrängcn, verdient zunächst die wunderliche Ansfassung getennzeichnet zu lverden, die so ein thatendurstiger Vorstand von dem „dringenden Verlangen" seiner Gemeinde hat. Wie viele Gemeinden mögen wohl durch ähnliches, ungestümes Vorgehen in schlvere Kämpfe und llneinigteit gedrängt worden sein, nur daß es höchst selten gelang, die wirkliche Gesinnung der Bevölkerung numerisch so sestzustellen, wie im vorliegenden Falle. Von ganz eigenthümlicher Anschauung zeugt auch die Absicht, den Rabviner unter ein Plebiszit zwingen zu lvollen. Gewiß kennt das Judenthum den Gegensatz zwischen Priestern und Laien nicht, sicherlich würden die Rabbiner die ersten sein, die sich gegen die etwaige Ausbildung dieses Gegensatzes energisch erklären würden, aber in religiösen Dingen mitzusprechen und gar mit zu entscheiden, dafür kann doch tvohl nur religiöse Bildung und religiöse DentungSart die Berechtigung verleihen, nicht aber eine auch noch so hohe Steuerleistung an eine jüdische Gemeinde. Was würden die Herren Vorsteher von Turin tvohl dazu sagen, wenn eine Rabbinerversammlung mit Majoritätsbeschluß Vorschläge zur Börsenordnung oder zur Verbesserung der Seidenmanufaktur machte und die betheiligten Kreise zwänge, sich diesem Beschlüsse zu unterwerfen? Die höchste Anerkennung verdient hingegen die tvürdevolle Haltung des Rabbiners. Seinem energischen Auftreten und seinem charakterfesten Eintreten für seine religiösen Anschauungen ist zum größten Theil der Sieg zu danken. Hier zeigt sich eben wieder, daß der Einfluß des Rabbiners ein ganz außerordentlicher sein kann, tvenn seine Wirksamkeit und sein ganzes Verhalten ihn dieses Einflusses würdig macht. Und tvenn es den jüdischen Zeitschriften Italiens ernstlich darum zu thun ist, die Würde des Rabbinerstandes zu heben, tvenn sie die Erörterung dieser Frage nicht nur dazu benutzen, um bei dieser Gelegenheit ihren persönlichen Gehässigkeiten Ausdruck zu geben, dann sollten sie ans dem Falle von Turin lernen, daß zu den nothtvendigen Eigenschaften eines Rabbiners gehören „Pslichtbewußsein, Ueberzeugungstreue und Characterfestigkeit." > Vermischtes. Hechingeri Vor einigen Tagen starb hier der älteste Einwohner. Moses Dreifuß, im Alter von 9.1 Jahren. Bis vor Kurzem war der Verstorbene noch körperlich und geistig sehr rüstig. Stuttaart. Am Geburtssesie Sr. Maj. des Königs erhielt Hofrath Dr. Ed. Pf ei f er das Ehrenkreuz des Ordens der Württ. Krone. Tie Zahl der jüd. Gefangenen in den württemb. Strafanstalten betrug im verstossenen Jahr blos 4, gleich 0,22 Proz. der Gesammtzahl, während die jüd. Einwohner 0,6 Proz der ganzen Einwohnerzahl beträgt

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