Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 41 (1900)
- Issue
- Heft 21 (12.3.1900)
- Date
- 1900-03-12
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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419 Feuilleton Wcr«H einer wahren Wegebenheit. s] Von Friedrich Rott Als der Baron andern Tags herausgekommen war, um sich nach dem Befinden des Kindes zu erkundigen, da war die Krankheit bereits in ein ernstes Stadium getreten. Trotz seines Drängens war der junge Mann nicht in das Krankenzimmer gelassen worden und der Verwalter hatte es als seine Pflicht betrachtet, die Baronin von dem Stand der Dinge in Kenntniß zu setzen. Auf ihren Wunsch hatte ihr Hausarzt die Behandlung des erkrankten Kindes übernommen, obgleich ihr Sohn dem ihm vom Grafen Edgersdorf so sehr gerühmten Doktor Kohn den Vorzug gegeben hätte, denn er wußte, daß der Sanitätsrath Bürger zwar von den Damen der höchsten Kreise als Muster eines gewissenhaften Arztes gepriesen wurde, daß er aber in bürgerlichen Kreisen wenig beliebt war und sich bei weniger Bemittelten manche Nachlässigkeit zu Schulden kommen lassen solle. Er hatte ihm daher die Behandlung seines Lieblings ganz besonders auf die Seele gebunden und suchte ihn tagtäglich auf, um sich nach dem Befinden der kleinen Kranken zu erkundigen. Mehrere Wochen lauteten die Nachrichten recht trübe, der Sanitätsrath machte ihm wenig Hoffnung, die Kranke „durchzubringen." Doch schließlich siegte die gute Natur des Kindes, die bösen Symptome wichen allmählig, das Fieber trat mehr und mehr zurück und schwand endlich vollständig, Elsa war gerettet. Aber sie war schwach geworden, überaus schwach. Der Sanitätsrath, der bisher vollkommen damit einverstanden gewesen, daß die Kranke, wie man ihm gesagt hatte, Milch allen anderen Speisen vorziehe, erklärte jetzt eine mehr kräftigende Ernährung für unerläßlich, verordnete Beefsteaks, Hühnerfrikaffee und dergleichen. Die Pflegeltern hatten gehofft, daß die Kleine, da sie nie davon sprach, an ihre Skrupel in Betreff aller gekochten Speisen bereits vergessen hätte. Darin hatten sie sich jedoch getäuscht. Als Frau Werner der Kleinen eine Tasse Bouillon brachte, wies sie dieselbe freundlich, aber entschieden zurück. Die gute Frau bot ihre ganze Beredsamkeit auf, rief auch ihren Mann zu Hülfe und beide erschöpften sich in Bitten und Vorstellungen, nur bis sie sich kräftiger fühlen werde, möge sie Fleischspeisen genießen — ansonst, das Kind war nicht dazu zu bewegen. „Schau, liebes Herzchen," sprach Werner, die kleine durchsichtige Hand streichelnd, „Du bist schwer krank gewesen, wir können Gott nicht genug danken, daß Er Dich uns erhalten hat. Nun mußt Du aber auch dankbar sein und Dein Möglichstes thun, wieder kräftig zu werden." „Das will ich auch," erwiederte Elsa, ihm zunickend. „Nun, so komm', sei mein braves Kind, trinke diese Bouillon." „Aber das kann ich doch nicht, Onkel Werner," rief es, und seine Lippen zuckten, es schien mit Mühe die Thränen zurückzuhalten. „Du sagst doch, ich müsse dem lieben Gotte danken, daß ich nicht mehr so krank bin, da kann ich doch gewiß nicht thun, was er verboten hat Werner wollte antworten, wurde jedoch abgerufen, gleich darauf trat seine Frau mit einem Glase Milch in das Zinimer. „Schau, was ich da bringe —" „Liebe, liebe Tante!" rief die Kleine, streckte verlangend die Hand nach dem Glase aus und leerte es in einem Zuge. „Danke, danke — Du bist doch so lieb, so gut —" „Und Du bist ein Schmeichelkätzchen," entgegnete Frau Werner, indem sie sich zu ihr an das Bett setzte und ihr liebevoll in's Antlitz schaute. „Gottlob, daß Dir die Milch so gut schmeckt, und sie scheint Dir auch gut zu thun, Du fängst schon an, besser auszusehen. Darum habe ich mir auch vorgenommen, mag der Sanitätsrath sagen, was er will, ich rede Dir nie wieder zu, weder zur Bouillon, noch zu Fleischspeisen. Denn wenn Du Dich wirklich dazu zwingen würdest, würde cs Dir vielleicht nicht gut sein." „Danke," sagte Elsa innig und zog die Hand der Gütigen an ihre bleichen Lippen. „Liebe Tante, wenn Du doch den Onkel bitten würdest, daß er mir auch nicht mehr zuredet — ich kann doch nichts dafür, daß Ihr keine Juden seid." Es war unmöglich, bei dieser Naivetät ernst zu bleiben, Frau Werner lachte laut auf. Betroffen blickte die Kleine zu ihr hinüber. „Habe ich was Dummes gesagt? — oder was Böses?" „Nein, Kind, nein." „Aber es ist ja wirklich wahr, ich weiß es ganz gewiß, der liebe Gott will nicht haben, daß ich etwas esse, was andere Menschen, die keine Juden sind, gekocht haben — die Mutter hat es mir gesagt und der Vater auch — wenn Du mir doch glauben wolltest —" „Ich glaube Dir ja, liebes Kind, und ich werde auch dem Onkel sagen, daß er Dich nicht mehr mit der Bouillon quälen soll." „Ja, ja, thue das. Weißt Du. es thut mir immer so leid, wenn der Onkel meint, daß ich unartig bin — aber ich kann doch nichts dafür." „Nein Kind, nein, sei unbesorgt, der Onkel glaubt nicht, daß Du unartig bist, der Onkel — aber ba kommt der Herr Sanitätsrath, ich werde geschwind die Suppe hinaustraqen, damit der Dich nicht auch noch damit quält." Gleich darauf trat der Hausarzt der Baronin ohne