Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 41 (1900)
- Issue
- Heft 8 (25.1.1900)
- Date
- 1900-01-25
- Page
- – (sequence 25)
- Language
- German
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41. Jahrgang. _ Dritte Seil ju M 8 tes Israelit-. Leitender Artikel. Indkntnnfen im 19. Jiatfc^nnltect in HtnlfdUanii. Der Pastor de la Roi in Schweidnitz, ein alter Veteran der Judenmission, hat eine Statistik der Judentaufen im „Nathanael" und dann auch als Broschüre veröffentlicht, in der er zu dem Schluß kommt, „Seit der Anfangszeit der christlichen Kirche hat sich, von den hier nicht in Betracht kommenden Verfolgungszeiten und Zwangsbekehrungen abgesehen, noch nie eine so große Menge von Juden der Kirche angeschloffen, und die Führer der Juden zeigen sich von dieser Thatsache immer mehr bedrückt". Wir dürfen billig fragen, welche Periode unserer Geschichte, seitdem das Christenthum zur Macht gelangte bis zur Wende dieses Jahrhunderts, eigentlich der Judenmissionar meint, wenn er sagt, „abgesehen von den Verfolgungszeiten". Die ganzen langen Jahrhunderte hindurch^ sind die Juden ihrer Glaubenstreue halber immer und immer wieder verfolgt worden, und dieser äußere Druck hat fortwährend dem Christenthum Anhänger aus der jüdischen Gemeinschaft zugesührt, wenn die Widerstandskraft einzelner Glieder derselben dem äußeren Drucke gegenüber erlahmte. Und in der heutigen Zeit? Sind denn unsere Brüder in Rußland und Polen und Rumänien frei? Sind wir selbst in Deutschland gleichberechtigt? Schädigt nicht auch bei uns in Deutschland die Zugehörigkeit zum Judenthum die materielle Carriere, ist nicht auch hier die Laufbahn als Offizier ganz, die als Beamter fast ganz den Juden verschlossen? Ist nicht oft genug die Professur die Belohnung für die Taufe? Wenn de le Roi ehrlich denkt, muß auch er zugeben, daß auch jetzt noch in dem Konkurrenzkampf der Religionen die Bedingungen sehr ungleich vertheilt sind, daß das Christenthum sich des starken Armes des Staates je nach Belieben strafend oder belohnend bedient, um die schwankenden Persönlichkeiten zu sich heranzuziehen. Man gebe uns nur freies Feld, man lasse den Staat bei Seite und belohne nicht Meineid oder Fahnenflucht mit Professuren, Titeln, Würden u. s. w., dann wollen wir einmal sehen, wie groß die Zahl der jüdischen Täuflinge noch sein wird. Richtig ist, daß man auf jüdischer Seite wohl empfindet, daß fortgesetzt eine Menge von meist angesehenen, gebildeten, reichen Persönlichkeiten unseren Glauben verlassen und fast alle zum Christenthum übertreten. Anfangs dieses Jahrhunderts war es noch schlimmer, und die Vertreter der Reform glaubten ihre Bestrebungen gerade damit befürworten zu können, daß sie behaupteten, die Reform sei das Allheilmittel gegen die Taufe. Seit einem Jahrhundert hat die Reform die ungetheilte Herrschaft, und sind die Taufen weniger geworden? Im Gegentheil, es ist, seitdem der schöne Gleichheitstraum ausgeträumt ist, seitdem der alte Judenhaß als Antisemitismus wieder erstanden ist, von Jahr zu Jahr schlimmer geworden, und gerade die Gemeinden und Länder, in denen die Reform am längsten und uneingeschränktesten die Herrschaft geführt hat, sind es, die die meisten Taufen liefern. Längst hat man eingesehen, daß die Theorie, die Holdheim in die Welt gesetzt, Grätz gläubig nachgebetet hat, von den Mitgliedern der Berliner Reformgemeinde hat sich Keiner taufen lassen, ein Jrrthum war. Wo kämen denn alle die Familien in Berlin her. die ihre reichen Töchter verarmten Kavalieren geben, die ihre Kinder taufen lassen, wenn nicht aus den Kreisen der Reform? Man nenne uns doch fromme Juden, die so handeln. Ein lehrreiches Bild geben auch die Zusammenstellungen de le Rois für diese Frage. Man vergleiche nur folgende Tabelle. Rach de le Roi wurden getauft im ganzen Jahrhundert evangelisch, katholische Taufen waren sehr wenige, in Berlin 5000, den alten preußischen Provinzen 11320, Schleswig- Holstein 319, Hannover 411, Hessen-Nassau 1073, Bayern 330, Sachsen 770, Württemberg 115, Baden 230, Großherzogthum Hessen 268, Mecklenburg 109, Oldenburg 56, kleine Herzog- und Fürstenthümer 466, freie Städte 1706, Elsaß-Lothringen 246. Man braucht nur einen Blick in diese Tabelle zu thun, um sofort zu finden, daß die großen Städte das Hauptkontingent zur Taufe stellen. Berlin, das im Durchschnitt des Jahrhunderts höchstens ein Sechstel der Juden aus den altpreußischen Provinzen besaß, zählt beinahe die Hälfte aller Taufen. Die großen Städte Frankfurt und Hamburg sind ebenfalls enorm betheiligt, ja im Verhältniß fast noch stärker als Berlin. Alle drei Plätze sind die Geburtsstätten der Reform, in allen dreien ist die Zahl der Taufen enorm hoch angewachsen. Und weiter, Süddeutschland, das im allgemeinen viel konservativer ist, weist auch viel weniger Taufen auf, als der Norden. Baden besitzt dreimal so viel Juden als Sachsen, aber die Zahl der Taufen ist viel geringer, ist noch nicht die Hälfte der sächsischen Taufziffer. Dabei ist doch gerade die Aufklärung in Sachsen unter den dortigen Juden am meisten vorgeschritten und am wenigsten Orthodoxie vorhanden. Der alte Lauf der Dinge ist noch immer der: Eine Generation in einer Familie schüttelt das Joch des Gesetzes ab; die Vorschriften der Lehre zu beobachten, erscheint zu schwer, man läßt dies und das fallen, man schließt sich mit aufrichtigem religiösen Ge-, fühl der Reform an und verspottet schließlich die alten Gebräuche, ohne doch dafür in der Reform eine Befriedigung des Herzens zu finden. Die zweite Gene-