Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 40 (1899)
- Issue
- Heft 85 (26.10.1899)
- Date
- 1899-10-26
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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1771 Und wäre es auch anders denkbar?- Jomtow hatte den schlanken Wuchs einer Palme, ein schönes, männlich gebräuntes Gesicht, schwarzes, krauses Haar, ein liebenswürdiges, sicheres und doch bescheidenes Austreten. Den Vorzügen seiner schönen Gestalt verdankte er es lediglich, daß das schöne Geschlecht in P. ihm das ruhmreiche Prädieat: „der schöne Jomtow" beigelegt hatte. Ging Jomtow durch die Straßen der Stadt, so entstand eine mächtige Bewegung in allen jüdischen Häusern, in welchen es an erwachsenen, heirathsfähigen Töchtern nicht mangelte. Die Gardinen schoben sich — wie aus Kommandoruse — von den Fenstern zur Seite und schmachtende Blicke schossen aus denselben auf den ahnungslos dahinfchreitenden Jomtow; während es sich auf viele kirschrothe Mädchenlippen, die mit Sehnsucht und gefühlvollem Ausseuszen gelispelten Worte stahlen: „Der schöne Jomtow! — Ach der schöne Bocher."— Gelang cs nun seiner männlichen Schönheit, die Huldigung der ewigen Weiblichkeit zu erringen, so erregten Jomlow's vortreffliche Geistesgaben in noch gesteigertem Maße die Aufmerksamkeit der jüdischen Bevölkerung von P. Der Rabbiner, der Rosch-hajschiwoh') zollten seinem unermüdlichem Fleiße, mit welchem er dem Studium des Talmuds oblag und seinem infolgedessen erworbenen, umfangreichen Wissen, große Anerkennung; die Männer rühmten die Schärfe seines Geistes, den Vätern imponirte sein ruhiges, sanftes Wesen, und sie stellten ihn ihren Söhnen als ein nachcchmungswerthes Beispiel auf. Die Mütter erwachsener Töchter endlich bezauberte seine liebenswürdige Zuvorkommenheit dermaßen, daß sie keinen höheren, sehnsüchtigeren Wunsch hegten, als den lieben, schönen Jomtow unter ihren schwiegermütterlichen Fittigen leiden und dulden zu sehen. Doch weder die Verzärtelung und Verhätschelung der weiblichen, noch das freundliche Entgegenkommen und willige Sichunterordnen der männlichen Jugend von P.hat in Jomtow das Gefühl des Hochmuthes erregt, er blieb vielmehr bescheiden und anspruchslos, wie vor fünf Jahren, wo er als armer, unbekannter Bocher nach P.kam. Ja, der Neid selbst mußte es Jomtow ohne jeden Vorbehalt zugestehen, daß er ein ganzer Mann sei; ein Bocher, an dem es nichts zu bcnörgeln und zu bemängeln gibt. Wenn nun Rebb Faißel Braunholz, trotz allem ihm die Hand seiner schönen Tochter Sarah verweigerte, obgleich seine liebliche Sarah ihm ihre leidenschaftliche Liebe für den schönen Jomtow mit tieferöthetem Gesicht eingestand und um Gewährung derselben schmeichelte, liebkoste und weinte; und trotzdem Sprinze, seine Eheliebste, in kategorischem Imperativ drohte, polterte und grollte, so hatte es sicherlich auch seinen triftigen Grund. Gründlich war Rebb Faißel, das muß man ihnr schon lassen. Ohne Grund war in dessen Leben gar keine That denkbar. Grund war die Theorie und Praxis seiner Bewegung, nach Grund suchte er allenthalben, als der ergiebigsten Quelle seiner Geschäftspraxis : denn er war auch Grundbesitzer. Grund, oder wie er sagte, den Mekaur hadowor2) liebte er überall, nur dem Kaffeegrund, den ihm seine Sprinze zuweilen vorletzte, war er weniger hold, was ihm aber kein Vernünftiger übel nehmen und es sicherlich verzeihlich finden wird, wenn er erfährt, daß Rebb Faißel als Feinschmecker ganz besonders gründlich war. Ja Faißel war ein Feinschmecker und kein Sybarit hätte es je bester verstanden, sich Behagen und Lebensgenuß zu verschaffen, als er; er verstand es eben von Mekaur aus. Die Fische mußten am Samstag qualitativ und quantitativ gleich zufriedenstellend und. stark gewürzt sein, damit er (Faißel) Grund zum Trinken und sie (die Fische) Grund zum Schwimmen erhalten, wodurch er jenem Volksspruch gründlich gerecht wurde: „Fische müffen schwimmen. ' Die „Kugel" am Schabbcs mußte bei ihm fett, sehr fett sein, damit sie Grund zum Weinen habe (das Vergießen ihrer fetten Thränen ließen ihn den Grund ihrer Zartheit ahnen). Der Erbsensuppe mußte ein hübsches Quantum geräuchertes Fleisch beigegeben werden, wenn Reb Feißel Grund zur Schabbesbehaglichkeit empfinden sollte. Wir wollen jedoch gerecht gegen Faißel fein, indem wir öffentlich eonftatircn, daß die nämliche Initiative, die ihn als Feinschmecker und Kenner veranlaßte, für die körperliche Verpflegung von Grund aus das Beste zu fordern, ihm auch der Nervus rei'um bei den geistigen Speisen geworden war. Dem langen, dürren Bocher"), JoelGreiwitzer, der viele Jahre hindurch sein Schabbesgast war, und dem er sich in Kopf gesetzt hatte, ein stattliches Embonpoint zu verschaffen, damit dessen Geist durch die Körperfülle erstarke, kündigte er die Gastfreundschaft auf, weil sich seine gründlichen Bemühungen als vollständig erfolglos erwiesen. Trotzdem Joel, die ihm Vorgesetzten Quantitäten mit Behagen und außerordentlichem Appetit verschlang, wollte sich die erhoffte Beleibtheit nicht einstellen. „Sprinzeleben!" pflegte Faißel sich zu äußern, so lange Joel noch sein Schabbesgast war. „Und das will ein Raw^) werden!" (Damit meinte er 2) Grund, Ursache. 3) Talmudjünger. 4) Rabbiner. 1) Leiter der talmudischen Hochschule.