Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 40 (1899)
- Issue
- Heft 57 (20.7.1899)
- Date
- 1899-07-20
- Page
- [Seite] (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
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mm für dasL^ Mrthodoxe ^uderrthumÄ lNr. 9. 20. Juli 1899^ ■jass?" rar« rt an den Minister Von Dr. M. Lehmann. Es war zur Zeit der Kaiserin Maria Theresia, da Fürst Kaunitz als mächtigster Mann im ganzen Kaisercich regierte. Obwohl die Kaiserin nie etwas that, ohne vorher den Ministerrath gehört zu haben, so sprach in diesem stets Kaunitz das entscheidende Wort. Selbst Kaiser Franz, der Gemahl der hohen Frau, welcher dem Ministerrath regelmäßig anwohnte, konnte nie etwas durchsetzen, wenn Fürst Kaunitz entgegengesetzter Ansicht war. Die Juden waren damals in Wien nur tolerirt, und stets schwebte das Damoklesschwert der Verbannung über ihren Häuptern. Der geringste Anlaß war dazu geeignet, einen kaiserlichen Befehl hervorzurufen, der sie und ihre Familien in Elend und Verderben stürzen konnte. Dann mußten sie ihre Häuser für einen geringen Preis verkaufen, ihre Geschäfte aufgeben und sich eine andere Heimath suchen. Daß die Juden alles aufboten, um einem so schrecklichen Schicksale zu entgehen, ist selbstverständlich. Sie erkauften daher mit schwerem Gelde die Schreiber in den kaiserlichen Kanzleien, damit ihnen immer von irgend welchem Schritte gegen sie rechtzeitig Kunde würde. Wiederum einmal war es einem Judenfeinde gelungen, einen Befehl zur Austreibung der Israeliten aus Wien zu erwirken. Der Befehl sollte dem Ministerrath vorgelegt und von der Kaiserin bestätigt werden. Da erhielten die Juden Kunde davon. Die angesehensten Männer unter ihnen eilten zu den Ministern und baten und flehten um ihre Verwendung. Es gelang ihnen, sie alle zu gewinnen. Den Einen bewogen Geschenke, den Anderen Versprechungen, der Dritte fühlte Erbarmen ob des drohenden Elends, das die Vorsteher der Judenschaft in den lebhaftesten Farben zu schildern nicht verfehlten. Selbst der Kaiser empfand Mitleid und versprach sich für die Unglücklichen zu verwenden. Nur Einer war es, zu dem kein Jude vorzudringen vermochte. Fürst Kaunitz hatte den strengsten Befehl gegeben, keinen Juden bei ihm vorzulasten, und was half es den Armen, daß Alle, Alle für sie waren, wenn Kaunitz gegen sie auftrat? Sprach er und doch nur er das entscheidende Wort! Verzweiflung im Herzen, ging der erste Vorsteher der israelitischen Gemeinde zu Wien, der ebenso reiche wie gelehrte und kluge Banguier Oppenheim, vor dem Palaste des Fürsten auf und ab. Heute sollte ein Ministerrath unter dem Vorsitze der Kaiserin abgehalten, heute sollte die Angelegenheit der Wiener Juden entschieden werden! Und noch immer war es nicht möglich gewesen, zum Fürsten Kaunitz vorzudringen! Tiefer Schmerz sprach sich in dem edlen und schönen Gesichte des Greises aus. Binnen vierundzwanzig Stunden, so lautete das schon gefertigte Rescript, von welchem Oppenheim eine Abschrift besaß, sollten die Juden Wien verlassen. Ihre unbewegliche Habe, ihre reichen Ausstände, wurden dadurch werthtos. Und wo sollten sie eine neue Heimath finden? Die Reichen mußten