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Der Israelit · 1898-12-01 · Heft 95 (1.12.1898) · page 7

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Journal
Der Israelit
Volume
39 (1898)
Issue
Heft 95 (1.12.1898)
Date
1898-12-01
Page
– (sequence 7)
Language
German
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1775 Fe,rrrr - t«, rr. —Verkauft. Eine Erzählung aus Ungarn. 2'.') Bon Samuel B. Rosner. Nachdruck verboten. Endlich begann es zu dämmern. Da hörte er Schritte seinem Zimmer nahen. Er eilte rasch an den Tisch und die Mutter, die einige Sekunden später geräuschlos den Kopf zur Thüre hereinstreckte, erblickte ihren Sohn in die Lektüre eines Buches vertieft. Sie wollte noch einmal versuchen, ihn zum Mitgeben zu bewegen, als sie aber sah, wie eifrig er bei der Arbeit war, mochte sie ihn nicht stören und schloß wieder sachte die Thüre. Rudolf horchte gespannt auf, nach einer Weile drang das Rollen des Wagens herauf und benachrichtigte ihn, daß nunmehr das Feld frei sei. Sein Vorsatz stand fest bei ihm, nun aber, da er vor dessen Ausführung stand, gerieth er doch wieder ins Wanken. Er hielt, mit der Schnalle in der Hand, einen Moment inne und sein Herz klopfte unruhig, wie im Bewußtsein einer Schuld. Es giebt Seelen, welche die Feinfühligkeit der Magnetnadel besitzen und auf die minutiöseste moralische Deklination reagrren. Die Seele Rudolfs war von dieser Sorte. Doch er überwand rasch die Schwäche und trat entschlossen in den halbdunklen Flur hinaus. Das Gesinde befand sich in seinem Zimmer, der Professor war noch nicht zu Hause. Rudolf schritt geradeaus auf das Boudoire der Mädchen zu. Es herrschte bereits Dunkelheit in dem Gemache. Rur der Schein einer Gasflamme, der durchs Fenster hereinsiel, verbreitete ein schwaches röthliches Licht. Er zündete die auf einem Nachtkästchen stehende Lampe an und hielt Umschau im Zimmer. Auf dem Bette lag der Muff Schulamits, den sie heute Vormittag anhatte. Rudolf griff gierig nach ihm und steckte die Hand hinein. Er zog sie jedoch hastig, fast erschrocken wieder zurück, denn es war ihm, als ob er in dem Inneren des Muffes ein feines, warmes Händchen berührt hätte. Er mußte lächeln, ob seiner Gespensterfurcht und machte sich noch einmal an die Durchforschung des Muffes -- vergebens. Das gesuchte Billet befand sich nicht in ihm. Er schritt nun auf den Spind zu, in welchem die Mädchen ihre Kleider verwahrt hielten. Der Schlüssel stack in der Thüre und als er diese öffnete, schlug ein starker Parsnmgeruch an seine Rase. Er schöpfte frische Hoffnung und die Aufregung, in die ihn die hochgespannte Erwartung versetzte, machte ihn taub gegen die Stimme des Vorwurfs, die sich gegen das Durchforschen fremden Eigenthums erhob. Er schob die vornen hängenden Kleider auseinander, und richtig — dort hing das bordeaurothe Kleid, welches Schulamit vormittags anhatte und ein Griff in dessen Tasche belehrte ihn, daß er sich auf der rechten Fährte befand. Fast besinnungslos vor leidenschaftlicher Erregung eilte er mit dem Briefe zur Lampe und las: Schulamit! Der wilde Aufruhr, der mich durchtobt und meine Seele krank macht, giebt mir den Muth, Sie bei diesem theueren Namen zu nennen, der mir einst so geläufig war und heute wie eine wunderthätige Zauberformel auf mein ruheloses Herz wirkt. Wenn Ihr Gemüth nichts von seiner Fähigkeit eingebüßt hat, fremdes Elend mitzuempfinden, wenn Sie der hohe Samaritergeist durchglüht, einem namenlos Unglücklichen beizuftehen, der von Ihnen, von Ihnen allein, seine religiöse, ethische und physische Erlösung hofft, dann werden Sie mir Gelegenheit geben, mich allein mit Ihnen auszusprechen und zwar, nachdem ich mir versagen muß, das Haus zu betreten, in welchem Sie sich befinden, morgen Nachmittag um 3 Uhr in der Platanenallee des Stadtparkes. H. G. „Ah — ein Rendezvous also," murmelte Rndolf, den Brief in seiner Hand zerknitternd. Und die Einladung zu demselben schien ihr gar nicht unwillkommen zu sein! Sie stand ja auf denk besten Wege, sich wegzuwerfen. Und das in dem Hause und unter den Augen seiner Eltern! Der ferne Freund würde schlechten Dank für die seinem Kinde zutheil gewordene Gastfreundschaft wissen. Rein, das dürfte nie geschehen, wenigstens im Hause seiner Eltern nicht! — Er stand eine Weile unschlüssig und erwog bei sich, was er beginnen sollte. Eine ungestüme Stimme rieth ihm, den Brief an sich zu nehmen und Alles aufzudecken, sie vor aller Welt an den Pranger zu stellen, als Strafe für — — — Ja, wofür denn? dafür etwa, daß es der Avokaturscandidat gewagt hatte, einen solchen Brief an sie zu schreibend das war sein Verbrechen und nicht das Ihre. Oder für den triumphirenden, freudigen Blick, den sie ihm nach Empfang des Briefes zugeworfen hatte? Allerdings dokumentirte sie durch diesen Blick über jeden Zweifel erhaben ihre Mitschuld, aber diesen Blick hatte ja sonst Niemand gesehen, als er selbst und dann ist auch ein Blick denn doch ein zu subtiles corpus delicti. Plötzlich gerieth der ganze, vehemende Jdeengang ins Stocken, einem ruhigeren Denken Platz machend. War es denn nicht möglich,

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