Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 39 (1898)
- Issue
- Heft 79-80 (11.10.1898)
- Date
- 1898-10-11
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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LXXLX. Jahrgang. Erste Beil. M M 7!) §c 80 öts JbnuttT. Leitender Artikel. MW Adgmdnelk M ItMMslyk» P«Nl»»kIt. Seltsam, während wir in den letzten Jahren ein Wiederaufleben des Antisemitismus innerhalb der romanischen Nationen sehen, sogar in Frankreich die Judenhetze täglich weitere Kreise ergreift, leben die Israeliten in Italien so glückliche Tage, wie sonst nirgend auf dem Europäischen Kontinent, weil sie nirgends in ihrer Gleichberechtigung, die vollkommen durchgeführt ist, so wenig angefochten werden, wie in dem jungen Staate, der das zerrissene Italien geeinigt hat. Es gibt nur eine Erklärung dafür, die aber sehr nahe liegt: während in den anderen Nationen der wieder erstarkte klerikale Geist energische Anstrengungen macht, seinen Einfluß auszudehnen, ist das Königreich Italien schon seiner eigenen Selbsterhaltung halber genöthigt, mit allen Mitteln den Einfluß des Vatifaus zu bekämpfen. Wie tief der Liberalismus in Italien alle Schichten der Bevölkerung beeinflußt hat, zeigt am besten die Wahl so vieler Juden in das Abgeordnetenhaus, in dem von 501 Deputirten nicht weniger als 1l unserer Religion angehören, während in den Bevölkerungen erst auf 700 SeKeu ein Jude kommt. Gerade die vorgeschrittensten und aufgeklärtesten Provinzen des Landes Venelien, Lombardei und Toskana haben diese jüdischen Dcputirten entsendet und auch Nom Hai einen derselben gewählt. Die Südprovinzen dagegen, haben keinen Juden gewählt, obwohl auch in diesen Gegenden Israeliten anfangen eine große Nolle zu spielen als Professoren der Universitäten, Ingenieure, Architekten, hohe Eisenbahnbeamte x. Hier folgen die Namen der jüdischen Deputirten Salvatore Barzulei, Leopolds Franchetti,Luige Luzzatto, Attilio Luzzatto, Niccardo Luzzatto, Elio Melli, Elio Morpurgo, Augelo Pavia, Leone Roumanin-Joen, Guifeppe Weil-Weiß, Leone Wollenberg. Das italienische Oberhaus ist eine Körperschaft von unbeschränkter Mitgliederzahl, deren Mitglieder nicht gewählt, sondern vom König berufen werden. Unter gewissen Bedingungen beruft der König zu der Würde eines Senators so viel Persönlichkeiten, als ihm gut dünkt. Die Eigenschaften, die für diese Ehre verlangt werden, sind entweder hervorragende Verdienste in den Wissenschaften oder den schönen Künsten, Auszeichnungen in den Beamtenlaufbahnen, I dreimalige hintereinander erfolgte Wahl in das Abi geordnetenhaus seitens derselben Wablkörperschaft, oder auch großer Neichthum. Auch im Senat ist derProzentsatz der Juden für unsere Gemeinschaft sehr schmeichelhaft, denn unter 370 Senatoren sind fünf Juden, nämlich Jsaeeo Artom, Graziadio Jsaia Ascoli, Enrico Jano, Giaeomo Malvano, Tullo Masiarano. Diese fünf Herren vereinigen eine Menge Titel aus sich, deren Wiedergabe aber langweilig sein würde. Jsaeeo A r t o m, der auf vielen Schlachtfeldern für die Freiheit Italiens gefuchten hat, war Privatsekrerär des Graf Cavour und hat als solcher an vielen diplomatischen Verhandlungen, die damals zur Einigung Italiens führten, Theil genommen. Auch nach dein Tode Cavours hat er manche diplomatische Mission in den Hauptstädten Europas zu führen gehabt. Graziadio Jsaia A r c o l t ist weltbekannt als Sprachforscher, eine erste Autorität in dieser Wissenschaft. Er kam aus Oesterreich, wo es ihm unmöglich gewesen wäre, seine Fähigkeiten zu entwickeln und so seiner Wissenschaft mit voller Kraft zu dienen. Er wohnt in Mailand und ist dort Präsident der Akademie für Wistenschast und Literatur. Enrico Jano ist ein vielbeschäftigter Advokat in Mailand, und sehr geschätzt bei seinen Mitbürgern, deren Vertrauen ihm viele Ehrenämter zugewiesen hat. Ec war früher Deputirter und seine Integrität verbunden mit großer Beredsamkeit feffelten die Aufmerksamkeit der öffentlichen Meinung. G i a c o m o M a l v a n o kam als lebenslänglicher Generalsekretär in das auswärtige ß Amt zu Rom. Er erhielt diesen Posten 18ö5, nachdem er verschiedene untere Sinsen in demselben Ministerium mit El folg durchgemacht hatte. Er behauptete sich in seiner Stellung trotz der verschiedenen Mmisterien, die in dieser Zeit kamen und gingen. Er ist derjenige Beamte, der die Tradition im auswärtigen Amt aufrecht erhält und gehört auch dem Staatsrath an. In den Fragen Osteuropas hat er seinen Einfluß oft zu Gunsten der bedrängten Juden verwendet. Tullo Massarani ist einer der bedeutendsten Gelehrten und Schriftsteller in Italien, derk-'in mehreren Sprachen, darunter auch Deutsch, arbeitet. Ec ist ein Kunstkritiker von große»! Verständniß, der auch mit eigenen Dichtungen viel Lob errang. Sein bestes Werk ist oie Uebersetzung der „Ausgcwählten Gedichte von Elisabeth Barret-Braoning," deren Verse an die besten Leistungen der klassischen Zeit erinnern. Was die Deputirten unseres Glaubens betrifft, so finden wir sie in allen Parteilagern und bei der