Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 39 (1898)
- Issue
- Heft 63 (11.8.1898)
- Date
- 1898-08-11
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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1157 er seine Fassung, dann aber stürzte er neben dem Bette auf die Kniee und betete: Herr der Welt, gnädiger Richter aller Menschen. Ich habe gesündigt und gefrevelt vor Dir, ich und mein Haus. Ich bin Deiner Gnade unwürdig und doch komme ich, gestützt auf Deine große Barmherzigkeit zu Dir betend, flehend um das Leben meines Weibes. Willst Du mich ob meiner Sünden strafen, so laß es genug sein an meinem Knaben, den Du mir genommen, nimm mir Alles, was ich mir erworben, beuge meinen Stolz zur Erde — nur mein Weib nimm mir nicht, nur sie lasse leben und genesen. Sie ist nie abgewichen vom Pfade des Rechts; sie führte meinen Knaben zu Dir, lehrte ihn Dich kennen, da ich diese meine Pflicht versäumte. O, Du gerechter Richter, lasse sie nicht büßen für meine Frevel. Entbiete Deine heiligen Engel sie zu schützen von dem Engel des Todes; taffe mein Flehen nicht ungehört vor Deinem heiligen Throne verhallen. Du, deffen Stimme einst unserem Erzvater Abraham zurief: „Al tischlach jodcho el hanaar", gedenke jener Stunde und rufe dem Todesengel zu: „Gehe vorüber, denn ich habe meinen Entschluß gefaßt, lechajim wela lamowes." Allvater! Der Tag beginnt sich zu neigen. Israels Söhne und Töchter stehen im Gebet ununterbrochen vor Dir und erwarten das Leben von Deiner Hand. O, Du Leben- und Segenspender, spende neues Leben meinem Weibe! Lasse sie genesen, damit wir vereint ein Dir wohlgefälliges Leben fuhren, Deinen Flamen preisen, für und für. Amen." Die Zeit des Nei'lahgcbetes nahte. Die Kranke schlummerte so für sich hin; man konnte kanni sehen, daß sie athmete. Mit Thränen in den Augen, von Schluchzen unterbrochen, betete er das herrliche Schlußgebet des Bersöhnungstages. Keinen Blick verwandte er von der Kranken. Ach! sollte es das letzte Mal sein, daß er sie sehe! Sollte sie von ihm gehen, ohne seine Reue, seine Umkehr gesehen zu haben? Rein, so schwer konnte Gott ihn nicht strafen, denn nur aus Jrrthum, nicht aus Böswilligkeit hatte er gesündigt. „Pesach lonu schaar, bees ne'ilas Haschaar, ki phono jom**)," flehte er in tiefster Inbrunst. Da stieß die Kranke einen Seufzer aus und — öffnete die Augen. Als sie ihren Mann an ihrem Bette sah, lächelte sie glücklich. Er erfaßte ihre feine Hand und spürte deren leisen Druck. Er neigte sich über sie und meinte die Worte zu hören: „Geliebter Mann!" Da trat der Arzt ein. Als er den Professor so über die Kranke geneigt sah, meinte er, es sei vorüber. Aber der Professor kam ihm freudig entgegen : „Sie ist erwacht und hat mich erkannt." **) Deffne uns das Thor zur Zeit des Thorschlusses, denn der Tag hat sich gewendet. I „Ja! dann ist sie gerettet," rief freudig der Arzt und eilte an das Bett. Behutsam nahm er die Hand nttb fühlte den Puls. Er war bedeutend besser. Freudig nickte er dem Gatten zu und sagte leise : „Hoffen Sie, ich denke, sie ist gerettet." „Gerettet, gerettet! Großer Gott, ich danke Dir! Dank, Dank für den Strahl der Hoffnung, den Du mir in der Nacht meines Unglückes sendest. Laffe diese Hoffnung keine trügerische sein, ki bajom haseh jcchaper alechem letaher eßchem mikaul chatausechem lifne adoschem tithvru. Wie Du einst den rothen Faden in Deinem heiligen Tempel in einen weißen verwandelt hast zum Zeichen der Vergebung der Sünden Deines Volkes, so wandle die Krankheit meines Weibes in Gesundheit, als Zeichen, daß Du mir verziehen, daß ich rein vor Dir stehe, rein und entsündigt, wie Du es geboten." Leise hatte sich der Arzt, um sich zu entfernen, der Thüre genähert. Jetzt erst sah es der Professor, eilte auf ihn zu und sagte: „Was soll ich thun,Herr Doktor, was soll ich tbun?" „Nichts. Lasten Sic die Kranke schlafen. Sie wird gestärkt und gebessert erwachen." Da blitzte ihm ein Gedanke durch den Kopf: „Kann ich noch einen Augenblick ins Gotteshaus gehen?" Erstaunt blickte der Arzt den Professor, dessen religiöse Ansichten ihm bekannt waren, an. Aber er hatte am Krankenbette schon manches erfahren und sich das Wundern abgewöhnt. „Wegen der Kranken könnten sie wohl gehell, aber noch ist die Ansteckungsgefahr nicht vorüber. Bleiben Sie deßhalb bei Ihrer Frau." Und er blieb. Als die Nacht hereingebrochen war, da tönte es freudig von seinen Lippen: „Höre Israel, der Ewige unser Gott ist ein einziges, ewiges Wesen. Gepriesen sei der Name der Herrlichkeit seines Reiches immer und ewig. Der Ewige, Er ist Gott." Den Schofarton durste er nicht hören. Aber er zweifelte nicht, daß sein Gott ihm verziehen habe, denn er hatte sein Gebet erhört, seine Frau errettet. Rasch kräftigte sie sich, und schon am Sukkosseste durfte sie Besuche empfangen. Der Erste, der zu ihr kam, war der Vater ihres Gatten. Keine Feder vermag die Freude des alten Mannes zu beschreiben, als er seinen Erstgeborenen wieder sein nennen konnte, und immer wieder umarmte er ihn von bleuem, wischte sich die Thränen aus den Augen und sagte: „Gottlob, daß ich Euch wieder habe." Und wenn auch der Tod des Knabert seiueu Schatten auf die Freude warf, so war dieselbe doch tlicht geringer. Man fand sich in das Unvermeidliche gefaßt und gottergeben.