Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 39 (1898)
- Issue
- Heft 61 (4.8.1898)
- Date
- 1898-08-04
- Page
- – (sequence 17)
- Language
- German
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XXXXX. Jahrgang. LIBRARY Imeite Beilage ju j\$ 61 des „Israelit“. Zeitungsnachrichten und Correspondenzen. Deutschland. B. Berlin, 28. Juli, lieber die Vererblichkeit der Sprachstörungen hat der bekannte Spracharzt Dr. Hermann Gutzmann (Berlin) an mehr als 5500 Kranken statistische Ermittelungen angestellt, die sehr interessante Ergebnisse gehabt haben. Daß die Eltern auf ihre Kinder alle ihre psychischen Eigenschaften vererben können, allgemeine sowohl wie individuelle, alte wie neuerworbene, ist bekannt, und desgleichen, daß die Nachkommen oft auch körperliche und geistige Eigenschaften ihrer entfernteren Vorfahren erben und diesen ähneln, nicht den eigenen Eltern. Auch Körperbewegungen im Allgemeinen werden vererbt, und zwar auch dann, wenn das Kind niemals die betreffende eigenthümliche Bewegung seiner Eltern gesehen hat. Beispiele dafür giebt es viele. Es ist jedoch den Aerzten gelungen, eine echte Vererbung beim Stottern nachzuweisen. In dem einen Falle handelte es sich um ein Kind, das im Findelhause in Prag ausgewachsen war, also nie seinen Vater gesehen hatte. Vom vierten Jahre ab zeigte das Kind ganz deutlich die Erscheinung des Stotterns und tvurde allmählich wirklich zum Stotterer. Nach sechs Jahren erkundigte sich der Vater nach seinem Kinde, und das Erste, was dem Auskunft gebenden Arzte auffiel, war, daß der Vater außerordentlich stotterte. Auch Lispeln kann aus erblicher Veranlagung entstehen, indem nämlich die Kinder von den Eltern die eigenthümliche Form des Gebisses erben, welche das Zustandekommen des Lispelns begünstigt. Auffallend häufig hat Dr. Gutzmann die Form des S.-Lispelns bei Juden gefunden. Diese Beobachtung hat in gewisser Hinsicht geschichtliches Jnteresie; cs gab nämlich eine Zeit, wo dieses Lispeln eine ausgesprochene jüdische Stammeseigenthümlichkeit war. Denn in der biblischen Erzählung von dem Kamps zwischen den Gileaditen und Ephraiten heißt es: „Laß mich hinübergehen!" so sprachen die Männer von Gilead zu ihm: Bist Du ein Ephraiter? Wenn er dann antwortete: „Nein!" so liefen sie ihn sprechen Schibolet, so sprach er Sibolet und konnte es nicht (recht) reden; sie griffen ihn und schlugen ihn an der Furth des Jordans, daß zu der Zeit von Ephraim sielen 42 000." (Richter 12.) Auch Taubstummheit ist nach Dr. Gutzmann's Ermittelung unter der jüdischen Bevölkerung viel mehr verbreitet als unter den übrigen. So fand er in Berlin auf 1000 Katholiken 3, auf 1000 Protestanten 6 und auf 1000 Juden 27 Taubstumme — es giebt ja auch seit längerer Zeit besondere jüdische Taubstummenanstalten. In 45 v. H. war die Taubstummheit angeboren und bei 17,2 v. H. dieser lag erbliche Belastung vor, eine Zahl, die als nicht sehr hoch gelten kann. Auch taubstumme Neffen und Nichten sind beobachtet worden, wenn ein Onkel oder eine Tante taubstumm war. Die Statistik ergiebt auch, daß in blutsverwandten Ehen mehr Taubstummheit auftritt als nichtverwandten. Da bei der jüd. Bevölkerung Verwandtschaftsehen häufiger sind als bei der nichtjüdischen, so spricht dieser Gesichtspunkt bei der Beurtheilung der Ursachen der Taubstummheit bei Juden mit. („T. R.") Köln, 1. August. Der Artikel aus Berlin „Militärisches" in Nr. 58 Ihrer geschätzten Zeitung ruft mir einige Erinnerungen aus dem Feldzuge 1870/71 ins Gedächtniß, welche ich Ihnen mittheilen möchte: Im Januar 1871 als ich in Orleans lag, wurde mir an einem Freitag Nachmittag mitgetheilt, daß ein Rabbinats-Kandidat aus Darmstadt (irre ich nicht, Dr. Bodenheimer *) angekommen sei und heute Abend und morgen Früh in der Synagoge Gottesdienst abhalte. Da das 1. Großherz. Hessische Infanterie-Regiment, bei dem ich diente, in der Vorstadt St. Morseau lag, ich in der Stadt daher nicht bekannt war, so wußte ich nicht, wo sich die Synagoge befindet. Auf meine in mangelhaftem Französisch gehaltene Anfragen, konnten mir verschiedene Angeredete nicht antworten, als ein altes Mütterchen hinzukam, uns zu meinem Erstaunen plötzlich aus Deutsch frug: „Sagt, wollt Ihr Schule gehen?" Dieses bejahend, beschrieb sie mir nun den Weg, den ich zu gehen hatte. In der Synagoge fanden sich Soldaten aller in Orleans und Umgegend lagernden Truppen zusammen, ein Unteroffizier machte den Vorbeter und der Rabbiner hielt uns eine Predigt, die einzige, welche ich im ganzen Feldzuge gehört habe. Am nvr wurde mir bekannt gegeben, daß laut Corpsbesehl, alle jüdischen Soldaten für die ersten zwei v ' zu beurlauben seien, wenn im Umkreise ihres Standortes auf 18 Kl. sich eine jüdische Gemeinde befinde. Hiervon machte ich Gebrauch und erhielt Urlaub nach Chaumont im Marne Departement, wo ich gut ausgenommen wurde. — Wie ich wegen der Schlacht bei Gravelotte zehn Jahre später *) Es war Dr. Ehrmann. Feldprediger der Hessischen Division. Red.