Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 39 (1898)
- Issue
- Heft 55 (14.7.1898)
- Date
- 1898-07-14
- Page
- – (sequence 17)
- Language
- German
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XXXIX. Iabrgmist. Zweitr Beilage M M 55 i>es Israelit". Zeitungsnachrichten und Correfpondenzen. Deutschland. I. Berlin, 6. Juli. Die deutschen Antisemiten brüten in der Erbitterung über ihre eklatante Niederlage bei den Wählern jetzt schon alle möglichen Vorschläge und Gesetzentwürfe aus, um an den Juden ihr Müthchen zu kühlen, mährend es doch eigentlich die Deutschen sind, die nichts oder nichts mehr von ihnen wissen wollen. So wirken diese Vorschläge eigentlich nur komisch. Aus den Gesetzentwurf über eine Judenmatrikel, in dem Viele schon den Gipfel der Komik erblickten, ist jetzt nach den Wahlen ein zweiter, nicht weniger komischer Gesetzesvorschlag gefolgt, der also lautet: „Wer durch Schrift oder Wort oder durch Hergabe von Geld auf den sozialdemokratischen Umsturz der gegenwärtigen Gesellschaftsordnung hinarbeitet, kann aus Lebensdauer des Landes verwiesen werden, wenn er oder seine Vorfahren erst durch Gesetz oder Naturalisation die deutschen Staatsbürgerrechte erlangt haben." Die Antisemiten hoffen, daß auch die Konservativen sich diesen Vorschlag zu eigen machen werden, und begründen ihn folgendermaßen: „Wird er Gesetz, so ist die erste kräftige Handhabe gegeben, vermittelst welcher man der Sozialdemokratie endlich Herr werden kann; dann wird das deutsche Volk seine Quälgeister, die Singer, Schoenlank, Wurm, Stadthagen, Arons und viele Andere im Handumdrehen loswerden: und dann werden auch die Gradnauer und Goldstein die Dreistigkeit, mit der sie heute ein revolutionäres Mandat erstreben, mit einer dauernden Landesverweisung entgelten. Also sei die Parole für den kommenden Tag der Stichwahl: „Laßt keinen revolutionären Juden in den Reichstag hinein" — und gelingt cs ihm doch, hineinzukommen, dann, Reformer und Konservative, schafft ihn durch ein dringliches Gesetz schleunigst und dauernd wieder hinaus Man darf darauf gespannt sein, was die Konservativen zu diesem Gesetzesvorschlag sagen werden, bei dem die Antisemiten die Juden treffen wollen, thatsächlich aber — und das ist der Humor der Sache — fast nur noch Getaufte oder Diffidenten treffen würden. L. Cöln. Dem Rechenschaftsbericht des Vereines des jüdischen Lehrerseminars Hierselbst für 1893/96 (das 29. Jahr seines Bestehens) entnehmen wir: Seit unserer letzten Berichterstattung sind 15 Zöglinge nach vollendeter Ausbildung entlasten worden und haben im Schuldienste und als Cultusbeamte Verwendung gefunden. Dieselben haben die biblische und rabbinische Literatur in ziemlicher Ausdehnung kennen gelernt und sind im Stande, eine nicht allzu schwierige talmudische Stelle zu übersetzen und je nach ihrer geistigen Begabung aufzufassen, einen p im riE’ nachzulesen und durch allsabbatliche Vorträge aus agadisch-homiletischen Werken, oder in freier Rede die in der Anstalt gewonnenen Kenntnisse und Erkenntnisse zu verwerthen und auf die religiös-sittliche, human-jüdische Welt- und Lebensanschauung auch der erwachsenen, nicht ihrer Schuldisciplin untergebenen Gemeindemitglieder erweckend und belebend einzuwirken. Die deutsche Litteratur ist ihnen durch Unterricht und überwachte und geleitete Privatlektüre in nicht unbedeutender Ausdehnurg, sowie auch das Wichtigste und Wissensivürdigste aus der Poetik und Litteraturgeschichte bekannt geworden. Ihr Wissen und Können beruht auf fester grammatischer Grundlage, und sie sind im Stande, Aufsätze vorzugsweiser pädagogischen Inhaltes in eorrektem und gewandtem Stile abzufasten. Das Seminar würde ein noch günstigeres Unterrichtsergebniß erzielen und auch den Zöglingen die Lösung ihrer Aufgabe wesentlich erleichtern können, wenn wir eine Präparandenanstalt mit zweijährigem Kursus besäßen, in welche dieselben in einem früheren bildungsfähigeren Lebensalter eintreten könnten, um für das Seminar und im Sinne desselben nach einheitlichem Plane vorgebildet zu werden. Da unser Seminargebäude die dazu erforderlichen Lehrräume bereits darbietet, so steht der Verwirklichung unseres Wunsches, dieselben zu benutzen, um dem Seminar den unterrichtlichen Unterbau zu schaffen, nichts entgegen, als der Mangel an Geldmitteln zur Beköstigung der aufzunehmenden Schüler, sowie zur Besoldung der für eine Präparandenanstalt zu gewinnenden besonderen Lehrkräfte. Es bedarf wohl nur dieses Hinweises, um den so oft und so andauernd bethätigten hochherzigen Eifer unserer Freunde nunmehr auch zur Herbeischaffung der für eine so wünschenswerthe Vervollständigung unserer Lehrveranstaltung unentbehrlichen äußeren Mittel energisch anzuregen. Wir wagen diese unsere Bitte im Vertrauen auf die altbewährten Verheißungen unserer Gotteslehre und den nie ermüdenden Wohlthätigkeitssinn ihrer Bekenner und Verehrer. Es war uns vergönnt, mit dem Beginne des verflossenen Wintersemesters 10 neuen Zöglingen die