Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 39 (1898)
- Issue
- Heft 45 (8.6.1898)
- Date
- 1898-06-08
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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-- - i-, - - '. -'"-' -T~. 829 „Wir haben heute Ihren Sohn gesprochen," nahm jetzt Schlesinger das Wort. „Josef-ja, wo bleibt er denn? Seit heute früh ist er weg-o, er bleibt immer so lange — und dann — wenn er nichts eingenommen —" der Kranke vollendete den Satz nicht; er warf nur einen flehenden Blick auf die beiden fremden Männer. „Wir haben Ihnen einige Flaschen Wein gebracht, Rothwein," sagte Hohenthal, „den sollen Sie trinken, damit Sie wieder gesund werden!" „Gesund —?" ächzte der Kranke, „ich werd' nicht mehr gesund —" „Besucht Sie denn gar Niemand?" fragte Hohenthal. „Manchmal — der Herr Rabbiner — der sammelt für mich — aber es ist so wenig — und Josef — verdient nichts." „Sie stammen aus der Rheinpfalz," fragte jetzt der Juftizrath. Der Kranke nickte und nannte den Namen des gemeinsamen Heimathsortes. Dann fuhr er fort: „Hab' viel Unglück gehabt — die Menschen haben mir alles genommen, was ich hatte — und es war nicht wenig — war Schneider — hatte ein Garderobengeschäft — alles verloren — aber — aber," er warf einen Blick nach der Höhe, „der da droben hat mir doch beigestandcn — mein Josef ist-gut — nur spät kommt er — er bleibt so lang — immer — sag' ihm immer, er soll sich eilen — hört nicht — ja, ja", er seufzte, „die Kinder, die Kinder-! Hab' auch „gelernt", meine Herren — wissen Sie — meine Herren-die Thauro — hält mich aufrecht — sitzen — ja —" er machte eine Pause, in der er über etwas nachzudenken schien — „ja, die Kinder — wissen Sie, meine Herrn — was Abarbanel sagt zu der Stelle Faukeit awaun owaus al bonim al sckileschim wea] ribbeim. Gott sucht heim die Schuld der Väter an den Kindern —" das hatte er Hintereinder gesprochen, er schien kräftiger zu werden, als er Gottes Wort erwähnte, „warum steht — bis in's dritte und vierte Geschlecht? - warum nicht bis in's tausendste?-Wissen Sie, meine Herren, der Abarbanel sagt — das steht deswegen — wenn die Väter gesündigt haben — müssen es die Kinder büßen — sie tragen die Folgen — aberdieVäter— sollen es noch — erleben — sehen — wie es die Kinder — büßen — und das dritte und vierte Geschlecht — das kann ein Mensch noch erleben — also- " Er brach plötzlich ab und wandte erschreckt sein Auge zur Seite. Bei seinen letzten Worten hatte der Landgerichtsrath, genau wie damals als der kleine Konrad die antisemitische Geschichte aus der Schule erzählte, nach dem Herzen gefaßt, er wankte einen Augenblick und glitt dann in Schlesingers Armen zu Boden. Die fürchterliche Wahrheit, welche der Kranke da ausgesprochen hatte und die beiden Männer so nahe berührte, sie hatte auf das ohnehin erregte Gemüth des Landgerichtsrath wie ein betäubender Donnerschlag gewirkt. Dem schuldbedrückten Manne war es gewesen, als ob der allmächtige Gott selbst ihm in diesem Augenblicke seine Schuld in's Antlitz schleuderte, als ob Er, der allgerechte Richter, sie vor seinen Augen abwäge in gerechter Waage, die Aufregungen der beiden letzten Tage hatten seinen Zustand wieder geschwächt — er war ja kaum von schwerem Krankenlager auferstanden — und jetzt aus dem Munde dieses armen, kranken Mannes, des ehemaligen Spielkameraden, diese entsetzlich wahren, alle Tiefen einer schuldbewußten Seele aufwühlenden Worte-es war zu viel- Schlesinger war rathlos und wußte sich kaum zu Helsen. Er holte aus einer in der Ecke hinter dem Ofen stehenden Kanne etwas Wasser und sprengte es dem wie leblos Daliegenden in's Gesicht. Glücklicherweise kam in diesem Augenblick Josef Bär zurück. Ihn schickte Schlesinger schleunigst zum Arzt. Es wohne einer im Vorderhause, sagte Joses. „llm so besser, nur schnell" drängte Schlesinger. Binnen wenigen Minuten war der Arzt da. Er untersuchte Hohenthal und machte dann den Vorschlag, sofort einen Krankenwagen zu requiriren, um den Patienten vor allen Dingen nach Hause zu schaffen. Es sei ein schwerer Schlaganfall, der sorgfältig behandelt werden müsse. Glücklicherweise war ein Krankenwageninstitut in unmittelbarer Nähe, so daß der Transport alsbald vor sich gehen konnte. Die Räthin war ausgegangen, als Schlesinger mit dem Patienten ankam. Ssfort wurde das Mädchen zum Hausarzt geschickt, der nach etwa einer Viertelstunde erschien. Unterdessen hatte Schlesinger im Verein mit dem Begleiter des Krankenwagens den Landgerichtsrath ins Schlafzimmer gebettet. Der Kranke gab noch Lebenszeichen von sich, seine Lippen zuckten fortwährend, als ob er zu sprechen wünschte und es nicht könne. Sanitätsrath Ehrenberg war um die Mittagszeit, nachdem er in der Morgenzeitung von dem Duell gelesen hatte, voll Besorgniß zu Hohenthals geeilt. Er fürchtete, das schreckliche Ereigniß möchte nachtheilig aus den Rekonvaleszenten gewirkt haben. Als ihm nun die Räthin mitgetheilt hatte, ihr Mann sei mit dem Vater des getöteten Studenten ausgegangen, war er im höchsten Grade ungehalten. Warum man ihn nicht sofort geholt und um Rath