Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 39 (1898)
- Issue
- Heft 41-42 (26.5.1898)
- Date
- 1898-05-26
- Page
- – (sequence 30)
- Language
- German
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780 chen Finger des so oft verhöhnten und mißhandelten Judenknaben. Und eben legten sich dieselben Finger, denen er sein Leben verdankte, aus seine von Thränenspurcn feuchten Hände. Sie umspannten dieselben mit festem, herzhaften Druck. „Sei gescheit, Georg", flüsterte Alfred dicht au des Trostlosen Ohr. „Wer wird jetzt noch weinen? Was sollen die Menschen hier davon denken?" Scheu, kaum merklich hob Georg den Kopf.! „Alfred", stöhnte er laut auf, „kannst — du meine Schändlichkeit vergeben?" „Ist ja nicht der Rede tverth", beschwichtigte der. „Du wolltest mir doch nur eine nasse Tusche.—" „Dennoch! — dennoch.'" weinte Georg in erneutem Schmerzensausbruch. Ludwig, der währenddem, sinnend am Fester gestanden, legte sich nun ins Mittel. Ihm selbst ward cs weich im Herzen bei den Thränen und Selbstanklagen des Schuldigen. Haß und Rachegedanken wandelten sich in Mitleid. — Seit jenem denkwürdiger: Ausslug hatte Alfred Cahn nie mehr über Zurücksetzung oder gar Verfolgung zu klagen. Seine edle That blieb nicht lange Geheimnis;. Weit über das Weichbild des Städtchens hinaus drang die Krurde von Alfreds Rettungswerk, verbunden mit eigener, großer Lebensgefahr. Der gute Jrrnge ward bald der Gegenstand allgegemeiner Aufmerksamkeit. Georgs Eltern dankten ihn: mit Thränen der Rührung, ohne den eigentlichen Znsamrnenhang zu ahnen. Georg schämte sich in l iefster Seele über die eigene Rohheit, die er nie im Leben 51t verwinden glanbte, zumal seine Mutter Alfred fortan nur noch ihres Kindes Schutzengel nannte. Und als gar nach kurzer Zeit ein eigenhändiges Belobnngsfchreiben des Landesfürsten für den ehemals so verachteten Judenjungen eintraf, da wollte der Jubel uub die Freude der Freunde Alfreds fast kein Ende nehmen. Ab r alles ras beglückte Alfred nicht so sehr, als das; er sich durch eigene Kraft die volle Zuneigung aller Kameraden erworben hatte. Bei keinem Spiel und Vergnüaen durfte er fortan fehlen. Lustig und in Frieden verliefen alle, wo Alfred mit an der Spitze stand. Schmähworte trafen nie wieder sein empfindsames Herz, kränkten und beleidigten ihn nicht mehr. SU Fortsttzmli der ©pptnlieim’rdjfn Mer aus Sei ifiÄifdjtn Se&tn.*) Von Maler Hermann Junker. (Unsere Illustration) Auf dem zweiten Bilde ist „Der Einkauf der Sabbatfische" (am Freitag Morgen nach dem Frühgottesdienste) dargestellt. Jedermann weiß, daß bei den Juden seit undenklicher Zeit das Fischessen am Freitagabend Sitte ist und sich gewissermaßen zu einen: geheiligten Brauche gemacht hat. Ein alter Schriftsteller schreibt darüber: „Sonderlich müssen sie sich um gute Fische bekümmern; die Juden hallen durchgehend» viel von Fischen, welche ihnen zu essen erlaubt sind; Gott hat ihnen verboten, was nicht Floßfedern und Schuppen hat, vermutlich in geheimer Absicht, sie der Abwendung von Lastern, dadurch zu erinnern, denn die Fische, so nicht Ftoßfedern und Schuppe:: haben, sind zun: Schwimmei: nicht gar bequem und sind daher mehrentheils am Boden, wo der Schlamm am größten ist und nähren sich also von Unreinem und Finsterem, geben daher ein Bild unreiner Sünder ab, welche die Werke der Finsterniß treiben; die armen Juden begnügen sich mit Häringen und geringen Fischen, die Reichen aber sparen keine Kosten ::. s. w." *) Siehe Einleitung in der Beilage zu Ar. 7V im vorigen Jahrgang dieses Blattes. Der Schauplatz des Bildes ist der alte Samstagsberg mit den: Blicke nach der Nikolaikirche in Frankfurt am Main, an welcher, zu der Zeit, wo die Scene gedacht ist, noch die Garküche mit ihren Nebengebäulichkeiten, Schuppen und Wache stand, in welcher der Ochse bei der Kaiserkrönung gebraten wurde. Aus den: Gaubloch der Küche schaut der Kops des letztgebratenen Ochsen hervor. Rechts an der Kirche öffnet sich an den: großen Eckhause des Römerbergs und der alten Mainzergasse das Gaßchen nach dem Fabrthor hin. In doppelter Reihe stehen auf dem Platze die Bretterbuden der Fischer mit den charakteristischen Fischkasten und den an hoher Stange aufgehängten Waaren. Die Juftizia auf dem Römerbruunen wird rechts sichtbar. Die Einkäufe sind in vollem Gange. An der ersten Bude verkauft eine gebräunte Dame der Halle ihre Waare, sie den Feilschenden anpreisend. Ein großer Fisch ist entkonnnen und peitscht mit gewaltigen Schlägen den Boden. Zwei Knaben, wovon der eine das bekannte alte Retz mit den zwei Stäbchen trägt, bemühen sich, den Flüchtling wieder einzufangen, vor welchem ein junges Mädchen sich furchtsam abwendet. Die Straße hindurch, wo links und rechts gekauft und gehandelt wird, schreitet in feierlichem Schritt e:n Weiser des Talmud, ihm nähert sich ein Profaner und beklagt sich sichtbar über die theuren Marktpreise. Die Kaufenden tragen zum Theil ihren Beutel mit den Gebetmänteln unter dem Arme, welchen sie beim