Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 39 (1898)
- Issue
- Heft 26 (31.3.1898)
- Date
- 1898-03-31
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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492 AeitrmgSrrachrtcht-rr uud Eorrefpondeuzeu. Deutschland. Berlin. Dem 29. Bericht der Religion-schule der israelitischen Synagogen-Gemeinde (Adaß-Jisroel) zu Berlin entnehmen wir: Die Chronik des abgelaufenen Schuljahres hat als bedeutsamste Thatsache die Fürsorge zu verzeichnen, welche die Staatsbehörden dem Religionsunterrichte zuzuwenden begonnen haben. Seit etwa einem halben Jahre werden von den Rektoren der öffentlichen Schulen Berichte darüber eingefordert, ob die jüd. Schüler und Schülerinnen derselben irgend welchen Religionsunterricht — sei es an der Anstalt selbst, sei es in Religionsschulcn oder auch im Hause — genießen. Diejenigen Kinder, die ohne jeden Unterricht aufwachsen, werden dazu angehalten, sich einem solchen anzuschließen. Die Folge dieses höchst segensreichen Zwanges war bei vielen Berliner Religionsschulen ein ungewöhnlich schnelles Anwachsen der Schülerzahl. Unsere Schule ist jedoch hiervon nur wenig beeinflußt worden. Die Anforderungen, die wir an unsere Schüler stellen, (z. B. fünfstündigen Unterricht in den untersten, sieben- bis achtstündigen iu den oberen Klaffen), der religiöse Standpunkt, den unsere Schule einnimmt, ihr Lehrgang, der auf die Ausbildung in den hebräischen Fächern das Hauptgewicht legt — diese ganze, in fast dreißigjähriger Wirksamkeit erworbene und festgehaltene Eigenart läßt unsere Schule wohl denjenigen Eltern ungeeignet erscheinen, welche erst durch polizeiliche Zwangsmaßregeln auf die Verpflichtung der Belehrung ihrer Kinder in religiöser Satzung hingewiesen werden müssen. Immerhin hat unsere Schule auch in diesem Jahre einen Zuwachs — um etwa 9°/0 — zu verzeichnen. Von 447 Kindern im Vorjahre ist sie auf 486 Kinder (824 Knaben und 162 Mädchen) gestiegen, welche in 10 Knaben- und fünf Mädchenktaffen Unterrricht erhielten; und von welchen 142 Gymnasien bezw. Realgymnasien; 170 höhere Knaben- und Mädchenschulen und 174 Gemeindeschulen besuchten. Im vergangenen Jahre waren wir wieder in der Lage, eine Selekta für Knaben einrichten zu können. Lehrgegenstände derselben waren: Bibelübersetzen, Mischna und Talmud. Der fakultative Mischna- und Talmudunterricht, an welchem Knaben der 0. bis 1. Knabenklaffe theilnehmen dürfen, wurde von den Herren Dr. M. Hildesheimer und Dr. E. Biberfeld ertheilt. Ungefähr 85 Schüler nahmen an den Emsen theil. Außerdem hat Herr Neumark mit dankenswerther Bereitwilligkeit einen Cursus für Pentateuch mit der Erklärung Raschi's eingerichtet. Der Jugendgottesdienst wurde wie seit Jahren, an Sabbaten und Festtagen in der Gemeindesynagoge, die uns von dem Vorstande bereitwilligst zur Verfügung gestellt worden war, am Rosch haschanah und Jom kippurim in den zu diesem Zwecke eingerichteten Lokalitäten und an den Schultagen, jeweils nach Schluß des Unterricht, in den Schulräumcn abgehalten. Während an dem Sabbatgottesdienst fast nur Zöglinge unserer Anstalt theilnahmen, war der an den Jomim hannauroim abgehaltene auch von solchen Knaben und Mädchen, die unserer Schule nicht angehören, (im ganzen von ca. 400), 1 besucht. Diesen Anforderungen, die in so großem Maße an uns herantraten, gerecht zu werden, war uns nur dadurch möglich, daß Herr Valentin uns auf dem ihm gehörigen Grundstücke einen geeigneten Raum zur Verfügung stellte und, wie alljährlich, so auch dieses Mal die altbewährten Gönner durch reiche Spenden uns hierbei unterstützten. Ihnen allen, sowie dem überwachenden Lehrer, Herrn Lehmann, sei der Dank der Schulleitung abgestattet. Wie in früheren Jahren wurden mehrere Schüler soweit vorgebildet, daß sie an den Jomim hannauroim Vorbeterdienste leisten konnten. Der „Verband ehemaliger Schüler und Schülerinnen" unserer Anstalt hat auch in diesem Jahre für eine Reihe von Kindern das Schulgeld entrichtet, sowie 16 Kinder auf seine Kosten in Ferien-Kolonieen untergebracht; ihm gilt unser innigster Dank. Auch dem „Verein für jüdische Geschichte und Litteraiur" sind wir zu Dank verpflichtet, weil er uns eine große Zahl der in seinem Verlag erschienenen Werke zur Vertheilung unter unsere Schüler zur Verfügung gestellt hat. 8. Berlin, 28. März. Abschlägig beschieden hat das Justizministerium die Vorstellung der jüdischen Gemeinde Berlin um Aufhebung des Verbot» der rituellen Beköstigung jüdischer Gefangener in den meisten Gefangenen-Anstalten. Auch die bessere Speisung der jüdischen Gefangenen an den Feiertagen ihres Glaubens kommt dadurch in Wegfall, während eine allgemeine rituelle Verpflegung auch vor der Aenderung nicht bestanden hat. Für die Speisung der Häftlinge in den Untersuchungsgefängnissen wurden seitens der Gemeinde 1200 M. pro Jahr ausgesetzt. Frankreich. T. Paris, 28. März. Aus Tunis wird gemeldet, daß sich in den unteren Klassen der arabischen Bevölkerung eine antisemitische Bewegung bemerkbar macht. Gestern und vorgestern kamen in der Achurstraße von Tunis Zusammenstöße vor, wobei Juden verwundet und zwei Magazine von Juden geplündert wurden. Die Polizei schritt sehr streng ein und die Gerichte übten beschleunigtes Verfahren.