Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 39 (1898)
- Issue
- Heft 12 (10.2.1898)
- Date
- 1898-02-10
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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214 Mit seinen Ausführungen stimmt der bekannte Satz Luthers, im dritten Theile seiner Werke, S. 643, überein. Luther selbst giebt zu: „Wiewohl der Sabbat bei den Christen aufgehoben ist, so ist es doch von Nöthen, daß man einen sonderlichen Tag in der Woche halte; auch fordert es die Natur, daß man in der Woche einen Tag still halte, und enthalte von der Arbeit beide, Menschen, und Vieh. Wer aber ein nöthig Gebot will aus dem Sabbat machen, als ein Werk von Gott gefordert, der muß den Samstag halten, und nicht den Sonntag, denn der Samstag ist den Juden geboten, und nicht der Sonntag." Die Kinder unserer Zeit, die so oft in den elterlichen Häusern leider „Chillul Schabbos" in allen Tonarten kennen lernen, und den Papa oder die Mama allenfalls vorübergehend von der gehörten Predigt sprechen hören, werden thatsächlich an den lutherischen Katechismus in der Einfalt des kindlichen Gemüthes landen lernen, woselbst aus dem jüdischen „Schabo s" etwas ganz anderes geworden war: „Feiertage im Allgemeinen", und: „Kanzelruf;" nachdem das ewig wahre wm den Boden unter den Füßen verlor!*) II. Wir kommen nun zur Bekämpfung des zweiten Rechtfertigungsgrundes: ..Späterhin wird ja doch diese Lücke ausgefüllt werden!" u. s. w. Ich frage zuvörderst: Werden gebildete Eltern ihr Kind in eine Vorschule und ähnliche Institute schicken, in welchen es „einstweilen" eine der deutschen Grammatik Zuwiderhandelnde Sprache hört und lernt; mit der Vertröstung auf die Zukunft, in welcher Gymnasien und Töchterschulen schon diese Schlacken ausätzen werden? O, gewiß nicht! Sie würden vielmehr voller Sorge und Kummer ausrufen: „Um Gottes Willen nicht! Es könnte denn doch irgend welcher Sprachfehler haften bleiben, und war Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr!" „Eben in frühester Jugendzeit", heiße es in solchem Falle, „muß nach den Regeln der Pädagogik, für richtige Sprache und correcte Aussprache gesorgt werden!" *) Wo als der Weltschöpfer fehlt, da verliert rütf eo ip*o an Kraft und Macht. Die Sabbatruhe beweist das Dasein Gottes, predigt beredt, daß Er geschaffen, und daß Er geruht. Die Sabbatentweihung kommt daher einer Gotteslästerung gleich. Hierdurch erklärt sich zu Synhedrin, 68, die Identität des D*sy btoo mit dem rpJD! Ja, während auch rorno} also als ntpyD o pw uO vollzogen werden kann, ist der v'Lp tewiPD ein: n»yD ’B Pj>! Die leiseste Sabbatentweihung ist ein Und mit Fug und Recht würde sich ein gebildetes Haus gegen solches Verfahren auflehnen! Pestalozzi war der Erste, der die von pädagogischer Seite längst erkannte Forderung frühzeitiger Sprachbildung praktisch durchführte, als er sein „Buch für die Mutter" schrieb. Er fordert, daß das sprachliche Vorbild des Kindes möglichst gut sei. Je deutlicher und je besser dem Kinde vorgefprochen wird, desto leichter vernimmt es, desto leichter ahmt es nach. Pestalozzi mag nicht, daß das lallende Kind sage: „Tomm de schwin d Taffee tin t en!" man sorge dafür, daß es von vornherein daran gewöhnt werde zu sagen: Komm gesch wind Kaffee trinken! „Werden Eltern und Erzieher", so frage ich ferner, „nicht sehr auf die Lectüre ihrer Kleinen achten, um sie mit allen ihnen zu Gebote stehenden Mitteln vor verderblichen Einflüssen und Eindrücken zu schützen?" Warum also ist den Eltern das Allerheiligste, die Religion, so gleichgültig? Warum beruhigt man sich hier so ohne Weiteres mit dem Blick in die kommende Tage? Ist der falsch in Anwendung gebrachte Dativ, ein Umstand, der gleich der Irreligiosität die Seligkeit eines Jehudi gefährdet? Kann man nicht immerhin ein ausgezeichneter Tugendheld, ein sehr nützliches Mitglied der Gesellschaft sein, selbst wenn man den Singular mit dem Plural verwechselt? Es heißt frivolen Scherz mit dem Heiligsten treiben, wenn man beim Erlernen und Erfaffen der „Zehn-Gebot e" einen Unterschied zwischen „j e tz t" und „späte r" macht, um sozusagen das eigene Gewissen, das da pocht, zu betäuben! — Nun aber komme ich mit dem unwiderlegbarsten Einwande, indem ich sage: Lernen die jüdischen Kiuder der Gegenwart „späte r" gar so massenhaft hebräische Materialien, daß für die Ausmerzung dieser in Spiel- und Vorschulen empfangenen Lehren sichere Garantie geleistet werden kann? Versiegt nicht der Tropfen Hebräisch mit dem Tage der Barmitzwoh, wo des Barmitzwoh declamirte Hafthora sein hebräisches Schwanenlied ist? Wird „später" daß heutige Kind allüberall Pesach, Mazzo, Moraur auf dem Sedertische sehen? Wird es jüdisches Leben kennen lernen, um die jugendlichen Eindrücke aus Spiel- und Vorschulen gänzlich verwischen zu können? Wird es „später" „leschew baßukoh" in der Laubhütte mit dem Vater im Verein sprechen? Ich will nicht sagen, daß alle israelitischen Sprößlinge um den Weihnachtsbaum versammelt sind; aber nicht alle sehen die Chanukkakerzen schimmern und flimmern im elterlichen Hause unter den Klängen der Fest-