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Der Israelit · 1898-01-13 · Heft 4 (13.1.1898) · page 23

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Journal
Der Israelit
Volume
39 (1898)
Issue
Heft 4 (13.1.1898)
Date
1898-01-13
Page
– (sequence 23)
Language
German
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75 modernen Tempeln anzutreffen ist. Unseren Ahnen, die täglich früh und abends das Gotteshaus besuchten und die inumr an Gott dachten, war der liebe Gott nicht fremd, so daß sie sich in deffen Hause recht heimisch fühlten. Im Hintergrund dieser „Schuppen" an der dem Baundl2^) zu befindlichen Wand, befand sich ein niederes Thor, welches mit zwei eisernen Querstangen und Hängeschlössern versehen, immer verschlossen war. Dieses alte Thor mit seinen verrosteten Schlöfiern hatte für mich immer etwas Unheimliches und Mysteriöses, und würde ich damals, was immer gegeben haben, wenn ich den Zweck desselben hätte erfahren können. Wenn ich so als kleiner Junge an einem schönen Sommertage am Sabbat Vormittag dieses räthselhafte Thor betrachtete, wie dieses von den aus dem gegenüber liegenden Fenster kommenden Sonnenstrahlen beschienen war, so malte ich mir in meiner kindlichen Phantasie hinter demselben ein ganzes Feenreich oder Paradies aus, in das man, wenn man es nur öffnen könnte, gelangen müsse. Wenn ich einen der Baale Balum22) über den Zweck desselben befragte, so bekam ich in der Regel ausweichende Antworten, wie z. B.: „Kinder dürfen nicht alles wissen" re. Daß derartige Antworten mich nicht befriedigten und noch neugieriger machten, ist selbstverständlich. Als ich dann einmal einen der Skenim2'4) über dieses Thor befragte, erhielt ich die Auskunft, daß durch dasselbe einmal Elijohu Hanowi24) dem alt n Raw 25) erschienen sei, während ein Anderer mir wieder Furcht einjagte, indem er als Grund für das immerwährend geschloffene Thor angab, daß, wenn dieses geöffnet würde, allerlei Schedim2^) und Rucholh rooth hereinkommen und die Anwesendeil schädigen könnten. So blickte ich denn mit einer gewissen Ehrfurcht und Scheu auf dieses Thor, bis ich älter wurde und die richtige Bestimmung desselben erfuhr, daß cs nämlich zur Ermöglichung der Flucht und Rettung der bedrängten Juden bei dem plötzlichen Ansbruch von Judenkrawallen und Plünderungen, die in Preßburg nicht zu den Seltenheiten gehörten, als Roth t hör gedient, durch welches sie sich nach dem „Vaundl" (Gebirge) flüchten konnten, wo sie sich in der Zeit der Roth versteckt hielten, bis die Unruhen und Verfolgungen vorüber, oder Hilfe nahete. Dieses myste- 21) Ein Theil des hinter der Synagoge gelegenen Gebirges, welches vor den Juden so benannt wurde. — 22) Gemeindemitglieder. — 23) Greise. — 24) Prophet Elias. 25) Rabbiner. — 26) Böse Geister. riöse Thor mar also ein Noththor, aber nicht im modernen Sinne, wie solche seit dem Ningtheaterbrande in Wien in allen öffentlichen Lokalitäten wie Tempeln, Kirchen, Theater rc., für den Fall einer im Inner w derselben entstehenden Gefahr, wie Feuer, Einsturz und der dadurch zu befürchtenden Panik angebracht, sondern es war ein Noththor, wenn was häufig vorkam, die Gefahr von Außen entstand. Wenn zu damaliger Zeit Judenkrawalle entstanden und das Leben der Juden bedroht war, so flüchteten sich diese gewöhnlich in die Synagoge, und verfolgten die wilden Horden und Judenfeinde sie auch dorthin und machten auch vor dem Heiligsten keinen Halt, da diente dieses kleine Thor dazu, sich durch dasselbe mit Mitnahme der Sisre Thoroth 27) in das nahe liegende Gebirge zu flüchten, um dort in den vielen Schlupfwinkeln Zuflucht zu finden. In unserer Zeit sind Gottlob die Noththüreu aus dem letzteren Grunde übelflüssig, obzwar, wenn es nach dem Willen der Gregorig, Lueger und Schneider ginge, es angezeigt wäre, daß Tempel und Synagogen, wenn auch nicht gleich der Preßburger „alten großen Schul", geheime Noththüren enthielten, die ins Gebirge, aber doch wenigstens aus dem vom Rassenhaß verpesteten Dunstkreise Wiens hinaussührten, im Falle der „dumme Kerl von Wien" seine verhetzenden Worte in Thaten umzusetzen, sich anschicken würde. Dem Himmel sei Dank, daß bei allen Anfeindungen und Hetzereien es hier in Wien noch nicht soweit gekommen, geschweige denn im freiheitlichen liberalen Ungarn. Unsere Synagogen besitzen wohl Noththüren, doch nur für den Fall einer im Innern derselben entstehenden Feuersgefahr, sie brauchen Gottlob nicht mehr, wie einst hinter Häusern versteckt, gebaut zu werden, und die neue prachtvolle Preßburger Synagoge steht frank und frei in der Gassenfront der Schloßstraße; ihr schöner und imposanter Bau ziert das ganze Stadtviertel und gehört zu den Sehenswürdigkeiten der alten Krönungsstadt Erst vor einigen Jahren sind auch dort auf Anordnung der Behörde, aus SicherheitSglünden Noth'chüren angebracht worden, doch ein „Noththor" zu dein Zwecke, w'e es in der „alten großen Schul" existirte, gehört in Preßburg zu den alten Sagen, mit denen man nur Kindern Furcht einzuflößen vermag. 27) Thorarollcn.

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