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Der Israelit · 1911-12-07 · Heft 49 (7.12.1911) · page 12

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Journal
Der Israelit
Volume
52 (1911)
Issue
Heft 49 (7.12.1911)
Date
1911-12-07
Page
– (sequence 12)
Language
German
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'. - " -•%••«;«•?-••'• . ■».••••' ■ :3" ' ’ -■ r. |$, C.&.-Cv. illeton. Lage dir Not. Erzählung aus dem Prager Ghetto. Bon Oskar Stet«. (Fortsetzung.) Die Knaben waren in der Kammer und horchten auf Jsak Pfreim, ihren Lehrer. Der gab sich redlich Mühe, bei dem Blatt Gemore zu bleiben, das Moschele lernte, aber es drängte ihn mit aller Macht aus der Luft der engen vier Wände in's fte.ie, um dort über das Schicksal Josefs etwas zu erfahren. Ein allgemeines Fasten war vom Beth-Din angeordnet worden, sogar der winzige Leser wollte es den Männern gleich tun und hatte seit dem Morgen nichts gegesien. Er sagte mit seinem Bruder Psalmen und hatte dicke Tränen auf den roten Wangen. Als die Mittagsstunde längst vorbei war und nur die Kunde von Henochs Rückkehr, aber keine Nachricht von dem Erfolge der Bemühungen, die Josefs Befteiung galten, in die Kammer gedrungen war, war es mit Jsaks Geduld zu Ende. Hastig verließ er die Knaben und eilte durch die Gassen. Doch soviel er auch fragte, er bekam nur ungünstige Antwort, die seine Hoffnung immer kleiner werden ließ. Viele waren schon von ihren Wegen zurückgekehrt und hatten nichts als ein gleichgültiges Achselzucken und hc^lbe Versprechungen heimgebracht. Sogar der Graf Nagarol, dessen Fürsprache der reiche und angesehene Rebb Hammerschlag erbeten hatte, zweifelte an der Rettung Josefs. Eine letzte Möglichkeit hatte er offen gelassen: die Judengemeinde solle ftir jeden Fall zehntausend Gulden bereit halten und am nächsten Morgen, mögen die Aelteften, während die Adeligen, die Geistlichkeit und die kaiserlichen Richter beim Gubernator versammelt wären, mit dem wohlabgezählten Gel de vor dem Waldstein'schen Hause erscheinen. Dann wolle er selbst beim Grafen ein Wort für den Juden einlegen. Doch sei er nicht mächtig genug und nicht fähig, dem festen Willen des Gubernators Widerstand zu leisten. Man möge indes nicht ruhen und auf allen Seiten Hand anlegen und vor allem das Geld versorgen/ denn der Waldstetn tue gern ein gutes Werk und namentlich mit fremdem Geld . . . Als dann einer nach dem anderen, die nach Rettung ausgezogen waren, trostlos heimkam, als Schmul Waüerstein von den Jesuiten berichtete, daß ihr Einstuß vor Waldsteins Richterstuhle nicht einmal zu gunsten eines ihrer Brüder wirksam gewesen wäre, als endlich der Primas stumm bekannte, daß seine Hoffnung, die dem kaiserlichen Richter der Kleinsette gegolten hatte, zu nichte geworden war, beschloß das Beth-Din in kurzer Sitzung, bis zum Abend das Geld zu sammeln, das Graf Nagarol als Sühnsumme bezeichnet hatte. Von Haus zu Haus eilten die Aelteften, sie gingen von den Reichen zu den Wohlhabenden, von den Wohlhabenden zu den Bemittelten, und als die Summe noch nicht beisammen war, fingen sie noch einmal bei den Reichen an . . . Am Tandelmarkt kamen um die vierte Nachmittagsstunde drei Menschen zusammen. Der Wind blies mit vollen Backen über den Platz und wehte den Schnee gegen Dwerls Bretterbude. Er klopfte an das kleine Fenster, daß zu^cr. Dwerl und Resel, die Nikolsburgerin, erschrocken auffuhren, während Schmul Wallerstein neuen Anlaß fand, über das elende Wetter zu brummen. Seine lange, hagere Gestalt, sein fast bartloses Gesicht, seine unförmigen, ftvsttüten Hände wären in fortwährender Bewegung. Mit zwei großen Schritten durchquerte er den Raum und stieß jedes Mal mit seinen festen Schuhen an die Wand, daß die eisernen Ketten, die dort hingen, klirrten und Dwerl beschwichtigend beide Hände nach den zwei kostbaren Gläsern ausstreckte, die mit leisem Klingen erzitterten. „Wozu rennt Ihr nur hin und her? Setzt Euch oder steht still, Ihr reißt mir ja mein Geschäft um! Ich will morgen auch noch leben!" „Was, Ihr!" ereiferte sich Schmul. „Euch wird nicht der Atem ausgehen . . .! Aber er, er! Wie konnte man das nur zugeben, daß sich ein junger Mensch mit sechs Kindern aufopfert, um einen anderen zu retten? In's Kctzele hätte ihn das Beth-Din einsperren sollen, bis er Ver- . stand annimmt. Auch bei einer guten Tat muß man an sich denken! Eine Sünde ist es von ihm und vom Beth-Din und von all den Gescheiten und Ueberklugen! . . . Zu mir hätte er mit so einem Wahnsinn kommen sollen! Was's hält' ich geschrien, ist Dein Leben schlechter als das seine? Darf man sich selbst töten und Weib und Kinder in's Unglück bringen? Darf man Gott versuchen? Den großen Bann auf Dich, Du Sünder, Du Narr?" „Ganz meine Rede!" schattete Dwerl ein. „Ja, jetzt habt Ihr Verstand, jetzt gebt Ihr mir Recht, wo das Unglück geschehen. t|t! Aber warum habt Ihr vorher geschwiegen?" „Hat man mich gefragt? Nicht ein Wort Hab' ich davon gewußt, bis er drüben war. Wenn ich eine Ahnung gehabt hätte, hätt' ich mich an ihn gehängt, daß er nicht sortgekonnt hätte. Und Resel auch!" „Resel? Resel gewiß nicht!" behauptete Schmul. „Warum Resel nicht? Gerade ja, sie hätte sich auch an ihn gehängt!" „Ich sag Euch: Nein, Resel hätte sich nicht an ihn gehäng, ganz gewiß nicht. Hab' ich Recht, Resel?" Sie schaute ihn vorwurfsvoll an: „Schmul! Narreleben! Dwerl sagt doch nur, ich hätte mich an ihn gehängt, um ihn zurückzuhalten! Ich Hab s doch nicht getan!" Er war gleich still und besänftigt: „Ich weiß ja, mein Reserle . . . Aber Dwerl sollte doch gescheiter reden!" Die Alte lächelte: „Was gescheiteres, wie Ihr zwei, ist freilich noch nicht dagewesen! Da muß ich schweigen." Und darauf blieb es wieder ein Weilchen still zwischen den drei Menschen, nur die Ketten klirrten und die Gläser zitterten. Rest,sah bekümmert den erregten Schmul auf- und abwandeln. Es hielt sie nicht länger, sie stand auf und faßte ihn mit spitzen Fingern am Rockärmel : „Was sinnst Du, Schmul? . . . Schmul, sag' mir's doch, ich bitte Dich!" „Willst mir helfen, Reserle? Es geht mir etwas im Kopf herum und ich werde nicht klug darauf." Auch Dwerl horchte auf und Schmul umfaßte seine Resel. „Wie ich bei den Jesuiten war, sagte mir einer von ihnen, der recht freundlich dreinschaute: ,Schmul/ sagte er, ,an einem Juden liegt dem nichts/ Und da meinte er den Gubernator. ,Ein Kopf ist für ihn weniger als ein Weizenkorn/ ob's der Müller mahlt oder ob es auf der Tenne verfault, ganz gleich! Aber einen Sack voll mit solchen Weizenkörnern weiß er zu schätzen. Den Josef wird er hängen, Euch anderen wird er kein Haar krümmen/ Und das sagten dann die anderen auch: An einem Kopf' 1;■ 7 # ' . // ♦ liegt dem nichts! An einem! Wenn ich nitt wüßte, was das heißen soll? Wenn ich nur wüßte, warum sie das so sagten, so merkwürdig laut: An einem!". Er wollte wieder seine Wanderung beginnen, da hielt ihn Resel zurück: „Was das heißt?" ' Und ihre kleine, schüchterne Stimme bekam ordentlich einen festen, frohen Klang: „Schmul, wo hast Du Deinen Kopf geläffen?! Hingehen sollst Du und andere, recht, recht viele, zum Gubernator und ihm sagen: Herr Graf, nicht Josef allein hat die Vorhänge gekauft, auch wir mit ihm! Wir haben ihm das Geld zum Einkauf gegeben, wir haben davon gewußt, wir haben ihn dazu beredet, wir sind schuldig wie er! — Was wird der Graf tun? Er wird sich's überlegen. Alle kann er nicht hängen, da müßte er seine Räte fragen und die würden doch gewiß ,neirL sagen, und Rebb Josef allein . . . geht auch nicht, denn er ist nicht schuldiger als die anderen,-so wird Gott uns helfen und Rebb Josef wird . . ." Schmul ließ sie nicht ausreden/ er faßte sie mit seinen groben Händen um den schmalen Leib, hob sie empor une gab ihr einen lauten Kuß auf den zuckenden Mund. „Resel, Resel," jauchzte er, „an Dir ist ein Parnes verloren gegangen! Aber eine Parneste sollst Du werden, wenn ich einmal Parnes sein sollte!" „Die Gemeinde wird sich hüten!" rief Dwerl, und als die beiden lachten, wurde sie ernst. „Nun genug mit Eueren Kindereien/ das hebt Euch für später auf! Rebb Joskf ist noch nicht frei! Sagt mir nur, Schmul, wie wollt Ihr das ausführen, was Euch Resel vorschlug?" „Wie? Auch eine Frage! Erst werde ich zu mir gehen und werde sagen: Schmul, Du vist schuldig, marsch zum Herrn Grafen! Dann werde ich zu Euch kommen und werde sagen: Dwerl, Ihr habt ihm das Geld gegeben, Ihr seid schuld wie et. Warum sollt Ihr nicht gehangen werden? Dann zu Jsak Pfreim und zu Menachem Schadchen, zu Kalman Wal und seinem Sohn Simcha, zu allen, .die ich finde und die ein Herz im Leibe haben ..." „Und zu mir nicht?" wagte Resl zu fragen. „Zu Dir auch! Aber nicht heute, sondern bis Rebb Josef gesund zurückkommt und wir mit ihm. Dann werden alle Leute fragen: Wer ist schuld — ort dem großen Glück? ... Da werde ich zu Dir kommen und Dich bei der Hand nehmen und werde laut rufen: Resl ist schuldig, sie allein, Resl, meine goldene Braut!" Damit riß er die Tür auf und stürmte mit langen Schritten über den Platz. Dwerl blickte ihm nach und sagte lächelnd: „Ist es jetzt keftl Wahnsinn? Was tut er anderes, als Josef totf? Auch sein Leben ist nicht schlechter, glaub' mir's, Resl, es ist etwas wert, etwas Besonders wert, mehr als ein Sack mit rheinischen Dukaten . . Doch es ist an der Zeit, ich muß hinüber zum kaiserlichen Richter." Sie war die erste, die vor dem erstaunten Richter stand und sich anklagte, in gleicher Weift, wie der verurteilte Thein, schwere, todeswürdige Schuld aus sich geladen zu haben. Und ihr fotz? ten, bevor der Richter noch eine Antwort fand, zwanzig junge und alte Juden, die mit haftigM/ erregten Worten ihre Schuld bekannten. Der eine wollte zum Ankauf geraten, der andere den widerstrebenden Josef gar sittt Gewalt dazu ge* zwangen haben, der dritte endlich hatte das Geld hergegeben, der -vierte war mit den Vorhängen nach Hause gegangen, weil Josef sie nicht mrtnehmen wollte, der fünfte und sechste hatte die Soldaten mit vielen Worten dazu gebracht, ihren Raub zu verkaufen, und so ging es fort, sin jeder hatte einen Anteil an Josefs Schuld, immer größer und gewichtiger als sein Vorgänger. : (Fortsetzung Jrtflt). ). j

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