Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1911-08-10 · Heft 32 (10.8.1911) · page 12

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
52 (1911)
Issue
Heft 32 (10.8.1911)
Date
1911-08-10
Page
– (sequence 12)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2446951-2448803-2448836--66816-2494996
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

- T-* " "V ' ' i Feuilleton-Beilage zu Nr. 32 des „)sraelit". euilleton. fmL $f, Vad. Historischer Roman von Sara «ngenheimer. (Fortsetzung.) Liah war in der Tat heute überaus froh gestimmt, so munter hatte der Geistliche sie noch nie plaudern gehört, er behauptete, wenn sie Tag und Nacht bei ihm sein würde, würde er in wenigen Tagen vollständig gesund sein. Liah war überglücklich, es schien alles so ineinanderzugretfen wie sie es sich ausgedacht hatte, sie hätte in einem fort jubeln mögen und doch dachte sie immerfort nur an die drei Worte : „Lischuos’cho kiwisi hascheml“ Als nach dem Abendläuten der Bruder wiederkam, seine Nachtwache bei dem Kranken anzutreten gab Liah diesem noch einmal von der Mixtur, wünschte ihm gute Nacht und begab sich dann vor allem hinüber in ihr Häuschen, um die Ziegen zu melken und dann wieder zurück tn's Kloster, in ihre Zelle, legte sich sofort nieder und wünschte sehnlichst zu schlafen. Aber sie war nicht einmal imstande die Augen geschloffen zu halten, sie mochte sie noch so fest schließen, sie gingen ihr sofort wieder auf und schauten hinauf zu dem nächtlichen Himmel, den der Vollmond mit seinem Silberglanz überstrahlte. Wenn er nur morgen Nacht nicht so hell leuchten würde! — Doch wenn auch „Lischuos’cho kiwisi haschem! — Mochte er leuchten so hell er wollte, auch beim Schein des Vollmondes würde Gott ihre Flucht gelingen laffen, davon hielt sie sich fest überzeugt. — Hatte doch ihr Vetter ihr erzählt, daß Gott auch beim Schein des Vollmondes die Israeliten befreit hatte aus den Sklavenketten der EgyPter und so würde er auch ihr betstehen, beim Schein des Vollmondes den Sohn Israels zu befreien, der in bem finsteren Kerker schmachtet und mit chm zu fliehen zu Glaubensgenossen, mit denen fie wieder das Gottesgesetz würde halten können. O, wie fie sich danach sehnte! wie sie sich danach sehnte! — Das Herz pochte ihr so laut, so überlaut, daß sie beinahe fürchtete, der Kranke in der nächsten Zelle könne es hören und könne deswegen ihre Flucht verhindern, und dann lachte sie über sich selbst, über die sinnlosen Gefahren, die sich ausdachte und ausmalte — Lißchuos'eho kiwisi haschem." Es würde gelingen, fie zweifelte nicht daran. — Wenn sie nur hätte schlafen können um in der nächsten Nacht frisch und munter zu sein! — Wenn es nur gelingen würde! — Wrrst du mir Helsen, lieber Mond? wirst uns den Weg erhellen, daß wir nicht stolpern und nicht straucheln? — Und der Mond schien ihr zuzustimmen, schien ihr zuzulächeln, und sie lächelte in sich hinein bis die Augen ihr endlich doch zufirlen und der Traumaott sie in seine Arme schloß. Und sah ihren Vetter und ihre Muhme und die wackere Frau, die fie Muhme nannten und alle sprachen ihr Mut zu, versicherten, es werde gelingen. Und da war ja auch ihr Vater, ihr Vater den sie als vierjähriges Kind zuletzt gesehen. Aber sie hatte ihn nicht vergessen, sie hatte ihn sofort erkannt. Er neigte sich zu ihr, sie schlang ihre Arme um seinen Hals, er hob sie empor und drückte sie an sich, wie er das so oft getan und sie vernahm seine liebliche, freundliche Stimme: „Liah, hast du den Wahlspruch nicht vergeffen, den ich für dich gewählt?" Da legte sie ihre Wange gegen seine Wange und flüstertet hm in's Ohr: „Lischuos'cho kiwisi haschem l* Da vernahm sie das Morgenläuten. Rasch sprang sie auf, kleidete sich an und ärgerte sich über sich selbst, daß sie verschlafen hatte, daß sie nicht mehr wie sie es beabsichtigt hatte, vor der Frühmesse hinunter gehen konnte, um dem Gefangenen mitzuteilen, was sie ihm so gern ausführlich mitgeteilt hätte — jetzt mußte sie vor allem zu dem Kranken, sich nach seinem Befinden zu erkundigen und es ihm möglichst behaglich zu machen. Als sie in seine Zelle trat, trat ihr der Laienbruder, der bei ihm gewacht hatte, entgegen um sich zur Frühmesse zu begeben. „Wie war die Nacht?" fragte Liah, nachdem sie ihm den Morgengruß geboten hatte. „Nicht schlecht," erwiderte er, „aber der. ehrwürdige Bruder ist verdrießlich, verlangt beständig nach dem Dicki. Wenn es ihm nach gegangen wäre hätte ich dich schon längst geweckt." „Warum habt ihr das nicht getan? ich habe gestern gesagt, daß ich heute früher kommen werde, aber ich habe verschlafen." „Dicki, Dicki! bist du da?" Es war die schwache Stimme des Küchenmeisters, die sie vernahm. Sie war sofort an seiner Seite. „Was wünscht ihr, ehrwürdiger Bruder? was kann ich für euch tun. Zum Medizineinehmen ist es noch Zeit, die Sanduhr ist noch nicht zur Hälfte abgelausen." Kaum hatte der Kranke seine Wünsche geäußert, da eilte schon Liah hinaus in die Küche und dann hinunter in den Keller. Den Kienspahn, der ihr den Weg erhellen sollte, zündete sie schon in der Küche, an dem dort loderndem Heerdseuer an und mit dem schon brennenden Kienspahn eilte sie über den Hof zur Kellertür und dann hinunter in den Keller zu dem Gefangenen. Aber - ihr Vorhaben demselben ihwr Rettungsplan eingehender mitzuteilen und sich zu freuen an seiner Freude, konnte sie nicht ausführen, sie durste sich nicht länger als umungängltch notwendig war bet ihm aufhalten da sie fürchtete, den Küchenmeister durch ihr längeres Ausbleiben zu erzürnen und ihn zu veranlassen einem anderen die Verpflegung des Gefangenen zu übertragen. Während sie daher das Wasser, vas sie mitgebracht hatte, durch die geöffnete Luke in den Krug leerte, den er vor derselben hielt, flüsterte sie ihm hastig zu: „Haltet euch bereit, in der kommenden Nacht, wenn alles im Kloster schläft, dann komme ich zu euch, euch zu befreien." Ein unartikulierter Laut entrang sich den Lippen. „St! st!" flüsterte sie „die Mönche gehen über den Hof, machet sie nicht aufmerksam auf euch." In sich überstürzender Hast versuchte er, einige Fragen an sie zu richten, aber sie hatte es allzu eilig um ihm zu antworten: „Betet zu Gott, betet, denket nur in einem fort: „Lischuos’eho kiwisi haschem“! dann wird alles gut gehen." Schon hatte sie die Luke wieder geschlossen und lief die Stiege wieder aufwärts und dann in die Küche. Hier aber mußte sie noch einen Augenblick warten, während der Koch den Honig mit dem Aufguß vermischte. „Also morgen in der Frühe gehst du auf den Fischfang?" „Ich hoffe, daß das Befinden des Bruders Küchenmeisters es gestatten wird. Dem Gefangenen habe ich schon ein ganzes Brod hinunter gebracht, damit wird er genug haben bis übermorgen." „Ja richtig, es hat mich gewundert, daß du ihm so viel bringst." „Ich möchte morgen möglichst zeitig fort, da will ich nicht erst in den Keller gehen. Aber jetzt muß ich auch eilen, der ehrwürdige Bruder wird sonst ungeduldig." Aber der ehrwürdige Bruder war nicht ungeduldig geworden, er staunte im Gegenteil, daß das, was er gewünscht hatte, so rasch zur Stelle war. „Aber jetzt mußt du noch einmal hinunter dem unbußfertigen Ketzer seine Ration bringen." „Nein, o nein, den habe ich schon versorgt und sogar für morgen mit, weil ich doch morgen Fische für euch sangen soll." Sie stützte den Kopf des Kranken ein wenig und hielt ihm den Becher an die Lippen und mit sichtlichem Behagen schlürfte er den süßen Trank. Er war überhaupt heute in besserer Stimmung als seither und auch Liah, obgleich sie sich mit ihrem Rettungsplan unaufhörlich beschäftigte, wußte trotzdem munter zu plaudern und den Kranken in guter Laune zu erhalten, doch als der Arzt kam, der an dem schmalen Burschen ein besonderes Interesse zu nehmen schien, erkannte er sofort, daß derselbe in der verwichenen Nacht wenig geschlafen haben mußte. „Woran hat's gefehlt?" forschte er. Liah wußte es nicht, vielleicht wäre es nur, weil sie solange nicht auf dem Wasser gewesen wäre, wenn sie morgen auf den Fischfang gehen würde, dann würde sie auch wieder besser schlafen können. Der Pater Gardian nickte ihr verständnisinnig zu. „Das mag schon sein, du bist den Aufenthalt auf dem Wasser gewöhnt, da fehlt dir's, wenn Du in einem fort in der Zelle hocken mußt. Und dazu bei dem schönen Meter. — Uebereile dich nur morgen nicht beim Fischfang, nimm dir Mundvorrat mit und bleib' den Tag über auf der Wiese. Aber auch heute noch mußt du einige Stunden in's Freie, ich werd' es dem Bruder Ambrosius sagen, daß er dich bei unserm Patienten, den wir beinahe schon als Rekonvaleszenten bezeichnen könnten, ablösen muß." „Ich danke euch, hochwürdiger Herr" sagte Liah, indem sie die Hand des freundlichen Mannes an ihre Lippen zog, der Kranke aber zog die Stirne in Falten. „Was fange aber ich an, wenn ihr den Buben für den ganzen Tag hinaus beordert? er wird mir fehlen." „Kann euch nicht helfen, lieber Bruder, der Bub muß hinaus, sonst kommt er zu liegen und dann hättet ihr erst recht nichts von ihm." Liah hätte laut jubeln mögen, sie fühlte sich vollkommen wohl und glaubte nicht, daß ihr Krankheit drohe, sie betrachtete es vielmehr als eine direkte Fügung Gottes, daß der Arzt ihr für heute einen mehrstündigen Aufenthalt im Freien, während dessen sie ihre bereits gestern begonnenen Vorbereitungen zu ihrer Flucht mit dem Gefangenen vollenden konnte, und für morgen den ganzen Tag den Aufenthalt auf dem Wasser geradezu verordnet hatte. So würde ihre Abwesenheit vor morgen Abend Niemanden auffallen, und wo sie dann schon sein würde? — Lischuos'cho kiwisi haschem? Sie fühlte sich so sicher, hoffte so fest auf Gottes Hilfe, daß ihr nicht e inmal der Gedanke kam, die Flucht könne mißlingen. Vormittags war der Kranke weniger freundlich zu ihr gewesen als bisher, weil er sich ärgerte, daß sie dem Arzte für seine sie betreffend^ Ordination gedankt hatte, als aber Mittags der Bruder Ambrosius kam nnd ihr erklärte, sie könne fortbleiben so lang sie wolle, er werde bei dem Kranken bleiben bis sie zurück kommen werde, da blickte der Kranke bittend zu ihr empor, er halte sich überzeugt, sein wackerer Dicki würde ihn heute nicht allzulange allein laffen, namentlich da man doch nicht wissen könne wie lange sich seine Heimkehr morgen verzögern könne. Dem stimmte Liah zu, es wäre sogar einige mal vorgekommen, daß sie mit der Muhme erst nach Mitternacht heimgekommen wäre. Aber heute wollte sie nicht allzulange fortbleiben. Nur die Ziegen wollte sie versorgen, die Milch kochen und in ihrem Häuschen Ordnung machen, dann würde sie möglichst bald wieder kommen. Sie gab dem Kranken noch einen Löffelvoü Medizin, dann eilte sie fort. (Fortsetzung folgt.)

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.