Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 38 (1897)
- Issue
- Heft 72 (9.9.1897)
- Date
- 1897-09-09
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2446951-2448705-2448774--44567-2493669- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
1401 Pari- Die Vorbereitung? - Arbeiten für den elften Orientalisten-Kongrcß, welcher vom 5 bis 12. Septcmber dahier tagen wird, sind in vollem Gange. 3. ie Zahl der bis jetzt bereits angemeldeten Delegirten von Negierungen beträgt 26 und der DeUgrrttn geehrter Körperschaften 42. Unter den Ehrenpräsidenten figurirt auch der Schah von Persien. Vorträge sind bis jetzt 67 angcmeldet worden, darunter einer von dem Forschungsreisenden Eduard Glaser über Epigraphik von Süd-Arabien Der große Assyriolog Oppert wird über einige neuestens entzifferte juridische Keilschrifttex' e reden. Auch der ungarische Gelehrte Kamori, welcher die Bibel ins Ungarische übersetzt hat, wird sprechen Moi'se Schwab hat einen Vortrag über Megillat Taanith angcmeldet Feuilleton. Die Stunde der Vergeltung. Von Paul Gotthelf. sAlle Rechte Vorbehalten.^ I. „Warum muß ich es gerade sein, der Euch die Kastanien wieder aus dem Feuer holen faß? Lasset doch dem Primus der Klasse diese Ehre zukommen.' Ich will nun dieses Mal nicht." Ein arger Tumult erhob sich nach diesen Worten unter den jungen Leuten, welche sich in ihrer Erwartung getäuscht sahen Zornig blitzten die Augen und wenig hätte gefehlt, so hätten die geballten Fäuste der Aufgeregtesten dem kühnen Sprecher, der sich so dem Verlangen seiner Kameraden widersetzte, den Lohn für seine Weigerung durch schlagende Beweise ihrer Liebe ausbezahlt. „Er muß l" tönte es von den Lippen der jungen Leute. „Du mußt!" entgegnete dem kühnen Widerstrebenden sein bester Freund. „Müssen? Ich muß? Kein Mensch muß müssen, und Karl Reiß müßte? Den möchte ich sehen, der mich zwingen könnte." Er stellte sich kampfbereit hin und erwartete blitzenden Auges die Angreifer. Aber keiner wagte, ihm näher zu treten: die gedrungene Gestalt des jungen Mannes stand, den Angriff erwartend, ruhig in dem Tumulte da. Diese Ruhe entwaffnete auch die aufgeregten Kameraden, und sich seines Zornes schämend trat jetzt ein junger Mann an ihn heran und sagte: „Verzeihe, Karl, daß auch ich mich von meinem Zorne Hinreißen ließ. Du weißt jedoch, was für uns alle auf dem Spiele steht; unsere ganze Zukunft hängt dovon ab, daß der Direktor uns dieses Mal noch durch die Finger sieht, denn wir stehen vor dem Maturitätsexamen. Du allein warft nicht dabei, Dich kann also keine Strafe treffen. Willst Du allein das Examen machen? Denn wir werden alle entweder zurückgestellt, oder wir treten freiwillig zurück." „Gut, so trete auch ich zurück und warte, bis Ihr zugelaffen werdet," erwiederte Karl. „Das nehmen wir nicht an," tönte es ihm im Chor entgegen, „das wäre infam." „So schickt doch den Primus; er ist besser beim Alten angeschrieben als ich; er wird sein Wort schon zu sprechen wissen." „Das geht nicht", versetzte der junge Mann, der eben um Verzeihung gebeten hatte. „Arthur Reif ist am stärksten dabei betheiligt; er kann kaum für sich Nachsicht erwarten, wie können wir ihn als unseren Abgesandten zum Alten schicken. Du bist der einzige, der für uns bitten kann, denn — Du bist Jude." „Wieso kommt meine Religion dabei in Betracht? Muß der Jude die Kastanien aus dem Feuer holen und sich die Finger verbrennen?" „Du weißt, wie es scheint, den Sachverhalt nicht, sonst würdest Du nicht so pikiert sein", versetzte der junge Mann. „So wahr ich Philipp Jordan heiße und Dich wie meinen Bruder liebe, nur Du kannst uns vor schwerer Strafe retten. Thue es! Ich bitte Dich darum im Namen der ganzen Klasse, ich bitte Dich darum im Namen der Freundschaft, die uns, seit wir in Sexta eintraten, verbindet." „Wenn Du so bittest, Philipp, kann ich Dir die Bitte nicht unerfüllt lassen. Aber sprich mir nicht mehr von müssen, sonst machst Du mich wild", die Augen des Jünglings blitzten von Neuem auf. „Also was habt Ihr angefteltt und was soll ich beim Alten thun?" „Erzähle Du es, Arthur Reif, Du warst ja überall dabei", versetzte Philipp. Doch dieser brummte etwas unverständlich vor sich hin, das wie „Rechtfertigung vor dem Juden" sich anhörte, was aber von Karl überhört wurde, weil seine Kameraden den Herrn Primus vor die Thüre schoben. „Nein, erzähle Du, Philipp", forderte Karl diesen auf, „und ihr anderen lasset uns so lange allein." Murrend verließen die jungen Leute das Zimmer. Die meisten von ihnen machten draußen ihrem Zorn gegen den Juden Luft, den sie gebrauchen mußten, um sich vor den Folgen ihres Leichtsinnes zu schützen, und der doch froh sein müsse, wenn man ihn unter sich dulde. Waren auch einige der jungen Leute anderer Ansicht und nahmen für den Geschmähten Partei, so konnte es ihm die größte Zahl derselben nicht verzeihen, daß er Jude war, und einige wollten lieber die Strafe über sich ergehen lassen, als von einem Juden eine Gefälligkeit annehmen. So tief war schon damals das Gift des Religionshasses in die Herzen der Jugend gedrungen und hatte dort seine Wirkung gethan. Wenn die so gesäete Saat fortwuchert, so wird sie schöne Früchte hervorbringen! Unsere Hochschulen, die Bildungsstätten der Edelsten