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Der Israelit · 1897-04-01 · Heft 26 (1.4.1897) · page 17

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Journal
Der Israelit
Volume
38 (1897)
Issue
Heft 26 (1.4.1897)
Date
1897-04-01
Page
– (sequence 17)
Language
German
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..«^M.^ .• > -L^.' ■v.«*:^’* '*'...„l >•«,.■!J. « i-,JJ) XXXVIII. Jahrgang. Zweite Beilage ju M 26 des Israelit". Feuilleton. Ihr Knabe. Aus dem Englischen übersetzt von X. X. Rachel Blackwell war eine enragirte Bücheri'ammlcrin. Auch heute stand sie wieder in dem Laden des alten Jacob Winte und stöberte die Folianten aus, ob sich vielleicht etwas Interessantes darunter fände. Richtig, da hatte sie was sie wünschte; eine alte hebräische Bibel mit vergilbten Blättern, in kostbarem Ledereinbande lag dort in der Ecke, doch was sie am meisten an dem Buche fesselte, waren die aus dem Titelblatt mit Damenhand niedergeschriebenen Worte: „Meinem geliebten Knaben von seiner Mutter." „O," sagte sie leise mit schmerzlichem Blick, „wie konnte nur ein Mensch das thun?" Es schien ihr so grausam, so herzlos, ein solch' kostbares Gut, ein solch' heiliges Pfand der Mutterliebe voll sich zu lassen. Wer war wohl diese jüdische Mutter, die gebetet hatte und wo das Kind, das hinweggewandert war und vergaß. Wer weiß, vielleicht war es auch todt und sein kostbar Kleinod war. in fremde Hände gefallen und auf diese Weise hierher gekommen. Tief in Gedanken versunken verließ Rachel Blackwell den Laden, die Bibel, die sie erstanden, fest an sich gepreßt. Sie sah es nicht, daß bei ihrem Herauskommen ein in schäbige Kleider gehüllter Mann sie mit starrem Blicke ansah und ihr dann langsam folgte. Fast schien er betrunken zu sein, so unsicher war sein Gang, doch strafte sein feines, intelligentes Gesicht diese Vermuthung Lügen. Lange noch stand er unter dem Haus, in dem Rachel Blackwell verschwunden war, lange noch harrte er dort, bis er vor Elend und Schwäche fast zusammenbrach und ein Schutzmann ihn mit barschen Worten hinwegwies. Einige Tage später erhielt Rachel Blackwell einen Brief. Die Adresse zeigte große, männliche Züge und als sie ihn rasch öffnete, las sie folgendes : „Vor zwei Tagen, Sie werden sich desien erinnern, kauften Sie eine hebräische Bibel. Das Buch war mein Eigenthum. Wenn ich Ihnen sage, daß es eine Gabe meiner theuren, verstorbenen Mutter war, daß sie meinen Namen in das Buch schrieb, und daß es mein einziges, köstliches Andenken an eine einst glückliche Vergangenheit gewesen, werden Sie verstehen, was es mir bedeutete. Ich verkaufte es, weil ich drei Tage nichts zu effen, drei Nächte keine Stätte hatte, wo ich mein Haupt niederlegen konnte. Wie ich um seinen Besitz kämpfte, wie ich mit dem in mir wühlenden Hunger stritt, ach. Sie können es nicht begreifen. Tag für Tag bewachte ich mein Gut, wollte ich es doch einst wiedererlangen, da kamen Sie und erstanden das Buch. An Ihrem Gesichtsausdrucke erkannte ich, warum Sie es gethan; Gott segne Sie dafür. Und nun muß ich sterben, man sagte mir so; meine letzte Bitte geht dahin, mein Buch mir zu überlaffen, bis ich die Augen geschloffen habe, in's doch meine Welt, alles was nur von Liebe, Hoffnung und Heiniath zurückgeblieben." Durch die langen Bettreihen des jüdischen Krankenhauses führte die weißgekleidete Pflegerin Rachel Blackwell. Die ganze Athmosphäre war so sehr «on Schweigen, Leiden und Tod erfüllt, daß das junge Mädchen leise erschauerte, llnd dort lag der Schreiber des Briefes, die Augen geschloffen und das Gesicht halb binweggewandt. Mit Staunen betrachtete Rachel Blackwell seine feinen, zarten Gesichtszüge und die beweglichen, beinahe weiblichen Linien des Mundes unter dem Schnurrbart. Die Krankheit schien alle Spuren, die Elend und unstätes Leben hinterlaffen, hinweggewischt zu haben und nur das Zarte und Schöne war geblieben, der Mantel des Todes umhüllte ihn mit Ehrfurcht gebietender Würde. Leise berührte die Pflegerin seine Schulter, die arme, dünne Schulter. „Hier ist eine Dame, die Sie sprechen will," sagte sie. Er öffnete die fieberglühenden Augen und versuchte, schwach lächelnd, sich auf die Seite zu drehen. Sein Blick siel ängstlich suchend auf Rachels Hand, die die Bibel umfaßte und ihn verstehend sie ihm darreichte. „Oeffnen Sie, bitte," flüsterte er hastig, „wo ist die Inschrift, ich kann nicht mehr sehen." Die Pflegerin hob ihn ein wenig in die Höhe und hielt ihm das Buch dicht unter die Augen. „Gott segne Sie," sagte er mit einem Blick des denkbarsten Glückes zu Rachel, „o, meine theuere Mutter, meine Mutter." Einige Augenblicke lag er ganz still mit geschloffenen Augen und dann kam eS leise wie im Selbstgespräch über seine Lippen: „Es war so süß von ihr, daß sie gekommen ist, das Letzte was man auf Erden mir erwies, war eine gute ^at. Ich war auch einst gut, früher, da sie noch lebte und mich mit Mutterliebe umgab. Dann, als sie hinweggegangen und ich verlassen war"- plötzlich stockte er, die Schatten des Todes senkten sich tiefer auf ihn herab.- „Mutter," flüsterte er, „wie schön heute die Sabbatkerzen brennen, so leuchtend und hell,-

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