Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 37 (1896)
- Issue
- Heft 90 (9.11.1896)
- Date
- 1896-11-09
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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XXXVII. Jahrgang. M 90, Ein Der Israelit Kenlrak-Hrgan für das orthodoxe ZudenLhum. Begründet von Dr. Uehrrr«rrrr in Mtsinz Montag, de« 9. November 5657 (1896). Leitender Artikel. Ei» lllttluxiirdlger Ktnr^rouag der jSdistzei, öffentlitze» ptinung. Mainz, 8. November. Vor etwa 26 Jahren hat der Vorstand der Wiener Cnltusgemeinde beschlossen, daß aus unserem Gebetbuch alle Stellen gestrichen werden sollen, welche von unserer Rückkehr nach Jerusalem handeln. Aus demselben Wien liegt uns nunmehr eine Schrift vor, welche die Rückkehr aller Juden nach Jerusalem nicht nur in's Gebet verlangt, sondern der Verwirklichung dieses Gedankens der Rückkehr nach dem heiligeu Lande unserer Väter in ernster, eindringlicher Weise das Wort redet. „Die Juden haben die ganze Nacht ihrer Geschichte hindurch nicht aufgehört, diesen königlichen Traum zu träumen. „Ueber'sJahr in Jerusalem!" ist unser altes Wort. Nun handelt es sich darum, zu zeigen, daß aus dem Traum ein tagheller Gedanke werden kann." Der Verfasser dieser Schrift ist weit davon entfernt, dem orthodoxen Judenthum anzugehören. Es ist Herr Dr. jur. Theodor Herzl, einer der Chefredacteure der Wiener „Neuen Freien Presse", der sich in der Publicistik eines klangvollen Namens erfreut. Dieser Name ist es, welcher der Schrift eine Bedeutung beilegt, die sie geradezu zum System eines vollendeten Umschwungs der jüdischen Meinung stempelt*) *) Der volle Titel des bereits öfters von uns erwähnten und nach anderer Richtung hin bereits besprochenen Werkes lautet: Der Juden st aat. Versuch einer modernen Lösung der Judenfrage von Theodor Herzl, Doktor der Rechte. Leipzig und Wien 1690. M. Breitenstein's Verlags-Buchhandlung. Was dieses Buch Zutreffendes und nicht Zutreffendes enthält, das ist es nicht, was zunächst unsere Aufmerksamkeit fesselt. Die Thatsache an und für sich ist es, daß ein gebildeter, auf der Höhe der Zeit stehender jüdischer Autor, der sich im praktischen Leben nicht zum überlieferten, historischen Judenthum bekennt, daß ein solcher einem unserer höchsten ältesten Ideale in so hingebender, überzeugender Weise das Wort redet, wie es hier geschieht. Daß der in dieser Schrift angeregte Gedanke von großen, dem orthodoxen Judenthum ebenfalls abholden Kreisen aufgegriffen, zur Diskussion gestellt worden ist und täglich mehr und mehr die allgemeine Aufmerksamkeit auf sich zieht, das gilt uns als ein so bedeutungsvoller Wendepunkt, daß im Vergleich dazu, der Gegenstand der Schrift selbst uns von untergeordneter Bedeutung erscheint. Wenn, wie dies der Verfaffer eingehend nachweist, es die judenseindliche Strömung unserer Zeit ist, welche diesen Gedanken auch bei denjenigen unserer Brüder angeregt hat, die ihn bisher als blinoen, überwundenen Köhlerglauben behandelten, so ist dies eine Lichtseite der gegen uns betriebenen wüsten Agitation, die uns für viel erlittene Unbill reichlich entschädigt. Das Merkwürdigste an der ganzen Schrift ist, daß ihr Verfaffer sich bewußt ist, oder doch sich bewußt zu sein glaubt, daß er keine neue Idee vertritt, sondern, daß er nur der Verwirklichung des alten, jüdischen Ideals von der Sammlung der Zerstreuten Israels und ihrer Rückkehr chn ihre Heimath das Wort redet. „Der Gedanke, den ich in dieser Schrift ausführe, ist ein uralter. Es ist die Herstellung d e s I ud ensta a t ö." In diesen Worten, mit welchen das Buch des Herrn Dr. Herzl einleitet, liegt sein ganzer Grundirrthum. Um diesen Jrrthum in seiner ganzen Bedeutung würdigen zu können, ist