Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 37 (1896)
- Issue
- Heft 42-43 (28.5.1896)
- Date
- 1896-05-28
- Page
- – (sequence 17)
- Language
- German
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XXXT1L Jahrgang. Meile Seil, ju M 42 & 43 des „Asrarlit". Feuilleto«. Die Berliner Gewerbe Ausstellung. i. Sind Sie schon auf der Ausstellung gewesen? ist die Frage, mit der hier seit zwei Wochen jedes Gespräch eingcleitet wird, und wer dieselbe noch nicht gesehen hat, zählt nicht mehr zu den gebildeten Leuten. Wer aber gar jemals in seinem Leben mit der Journalistik in Berührung gekommen in, hätte er mich nur einmal einen Brief in den Sprechsaal des Berliner-Tageblattes oder des Berliner-Lokal Anzeigers geschrieben, der hat gewiß unter Berufung aus die publicistische Thätigkeit eine Preßkarte erbeten und erhalten, die ihn zum freien Eintritt berechtigt. Thatsächbich hat auch ein großer Theil des Berliner Publikums die Ausstellung gesehen und sich an dem vielen Schönen, was dieselbe bietet, erfreut. Ziemlich einstimmig ist das Urtheil, daß die Ausstellung trotz der ihr noch anhaftenden vielen Mängel und Unfertigkeiten einen großen Erfolg bedeutet und ein Bild von der Berliner Industrie entwirft, so glänzend, wie es nur Wenige erwartet haben. Alles ganz schön, höre ich den Leser tagen, aber was geht die Berliner Gewerbe-Ausstellung die jüdischen Zeitungen an? Nur Geduld, lieber Leser, Du wirft sofort sehen, welches spezielles Interesse wir Juden bei dieser Ausstellung haben. Ich will davon absehen, daß sich in der Ausstellung eine Special-Abtheilung Kairo befindet, eine Schöpfung des Baumeister Wohlgemuth, aucb eines Glaubensgenossen, welches uns ein hoch interessantes Bild des orientalischen Lebens vorführt, wie ecdem ganzen Osten, auch dem heiligen Lande, gemeinsam ist. Ich will auch zunächst nicht näher auf die in dieser Abteilung enthaltene Ausstellung der jüdischen Dörfer in Palästina eingehen, weil ich über Beide später noch genauer berichten werde, aber ich weise auf die Bemerkung verschiedener antisemitischer Zeitungen hin, wonach die Ausstellung total verjudet sei, was auch übrigens dem Bilde von dem verjudeten Berlin nur vollkommen entsprechen würde. In der That haben die Juden an der Entwickelung der Berliner Industrie einen großen Anrheil und mehr als eine der bedeutendsten Industrien Berlin's verdanken unseren Glaubensgenossen ihren Aufschwung. Ein Beispiel möge ftir viele genügen. Die Mäntelkonfektion mit all' ihren Nebenzweigen verdankt ihre Entwickelung und ihre jetzige Größe den Bemühungen einer Reihe von Männern, die Weltfirmen geschaffen und Berlin zum ronangebenden Platz für diese Branche auf dem ganzen Weltmarkt emporgehoben haben. Diese Männer sind sämmtlich Juden und die von ihnen zu so großer Bedeutung entwickelte Industrie beschäftigt direkt und indirekt sicher mindestens hunderttausend Arbeiter oder Arbeiterinnen. Bon unseren Feinden wird uns manchmal entgegen gehalten, daß nur jüdisches Kapital betheiligt sei, aber die geistige und körperliche Arbeit von Christen geleistet werde. Die Konfectionsbranche bietet den besten Gegenbeweis. Hier sind die Juden nicht nur die Geldleute, nicht nur die kaufmännischen Leiter der Unternehmungen, sie sind es auch, welche die fast gesammte geistige Arbeit verrichten. Fast das gesammte technische Personal dieser Geschäfte besteht aus Glaubensgenossen, besonders die sogenannten „Konfectionäre", welche die Muster zeichnen und die Modelle entwerfen und deren Erfindungsgabe gerade die Stärke der Berliner Mäntelfabrikation bildet, sind fast ausschließlich Israeliten. Uebrigens befinden sich auch unter den Schneidern und Näherinnen eine ganze Menge jüdischer Arbeitskräfte. Was von dieser einen Industrie gilt, gilt noch von einer ganzen Reihe anderer Gewerbe, und Alles in Allen: haben die Juden in der Berliner Industrie sich doch eine so bedeutende Stellung erworben, daß man sich dieselbe ohne sie kaum denken kann. Cs ist daher selbstverständlich, daß auch die Ausstellung des Berliner Gewerbes den hervorragenden Antheil der Juden zeigen muß, und diesen im Einzelnen nachzuweisen, ist eine Aufgabe, die allen jüdischen Zeitungen zufällt, weil sie die Ehre des Judenthums fördert und die Angriffe, als feien die Juden nicht produktiv, abwehrt. Sofort, als die Idee einer Weltausstellung in Berlin auftauchte, war es der Verein „Berliner Kaufleute und Industrieller" unter Führung des Geheimen Kommerzienrathes L. M. Goldberger, der dieselbe eifrig aufgriff und Propaganda dafür machte. Als dann dies Projekt fiel und dafür das einer nationalen Deutschen und endlich das einer Berliner Gewerbeausstellung aufkam, war es immer Goldberger, der in den verschiedenen Comites sich betheiligte und mehr und mehr die Leitung der ganzen Angelegenheit erhielt. Schließlich gewann das Projekt bestimmte Formen, es wurde ein Vorstand gewählt, dem eine große Anzahl von israelitischen bedeutenden Firmen, sowie einige Professoren angehörten, dann ein geschäftsführender Ausschuß, endlich ein Arbeitsausschuß gebildet von 3 Personen, eben jetzt vielgenannten Kühnemann, Felisch und Goldberger. Es ist ein öffentliches Geheimniß, daß die letztern die Seele des ganzen großen Unternehmens waren, vielleicht noch sind