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Der Israelit · 1896-02-20 · Heft 15 (20.2.1896) · page 20

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Journal
Der Israelit
Volume
37 (1896)
Issue
Heft 15 (20.2.1896)
Date
1896-02-20
Page
– (sequence 20)
Language
German
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■Vf;'” ^EMWMÄWWW n 316 Flucht verfolgten französischen Division; der französische Kommandant Guilleminot ließ etwa hundert Grenadiere eine die Gegend beherrschende Kirche besetzen, um auf diese Weise den Rückzug zu decken. Unter diesen Tapferen war auch David Blum. Mit Todesverachtung wehrten sie die wiederholten Angriffe des Feindes ab und ermöglichten dadurch die Sammlung der französischen Kolonnen. Nach dem glücklichen Erfolge ließ der General Guillemipot die wenigen Ueberlebenden jener tapferen Schaar vortreten. David Blum wurde ihm als einer der Kühnsten bezeichnet. „Wie heißt Du?" fragte ihn der General. „David Blum, ein elsäffischer Jude, den man Ihnen vor ungefähr vier Jahren in Spanien als schlechten Soldaten genannt hat." „Du bist ein Held. David Blum, und ich ernenne Dich zum Offizier." „Ich danke, General, ich wünsche nichts; ich habe gekämpft, weil es sich um das Leben meiner Waffengefährten handelte, allein ich habe nichts gelhan für Ihren Kaiser, der meine Familie zugrunde gerichtet, entehrt und vernichtet hat." Einige Wochen später erfolgte der traurige, schreckliche Rückzug über die Beresina, dem so viele Franzosen zum Opfer fielen; die hartgefrorene Ebene war mit Leichen übersät, unter den von der Kälte und dem Hunger Gequälten herrschte die größte Verwirrung. Da bemerkte Napoleon, der sich an einem Bivouakfeuer wärmte, mit einem Male eine in aller Ordnung sich zurückziehende Abtheilunq seiner unglücklichen Soldaten. Er erstaunte darob. „Unserem Kameraden David Blum", sagten ihm jene, „verdanken wir unsere Rettung; sein Muth hat den unsrigen angeeifert, seine Tapferkeit hat uns aus den Scharmützeln der Kosaken gerettet und seine Klugheit hat uns immer Lebensmittel und Feuer verschafft." „David Blum", sagte der Kaiser, „Du bist ein tapferer Soldat; Deine Stelle ist in der alten Garde vorgemerkt." Sodann nahm er das silberne Kreuz von seiner Brust und heftete es dem jüdischen Soldaten an. In dessen Inneren wogte der Kampf zwischen dem langjährigen Haffe, den er gegen den eigentlichen Zerstörer seines Seelenfriedens und seines Familienglückes empfand, und der Ehrfurcht, die Jeden ergriff, der dem gewaltigen Manne gegenüberstand. Er unterdrückte seine Empfindungen und antwortete mit Festigkeit: „Sire, ich bin ein elsässischer Jude und kann weder ein Avancement, noch eine Auszeichnung annehmen, denn dies hieße den Preis des Blutes meiner durch das odiose Dekret vom 17. März 1808 entehrten Familie annehmen." „Ah!" erwiederte der Kaiser mit unzufriedener Miene, „man hat mich diesbezüglich hintergangen; allein wir werden darauf zurückkommen." Dabei ward sein Gesichtsausoruck düster, er faltete seine Stirne in Runzeln, und als ob er einen lästigen Gedanken von sich weisen wollte, schwang er sich auf's Pferd und ritt, von seinem Generalstab begleitet, schweigend davon. David Blum blieb stramm stehen, salutirte mit der einen Hand, mit der andern hielt er das Kreuz der Ehrenlegion, das ihm der Kaiser gegeben hatte; er war ungemein aufgeregt und blickte starr vor sich hin. Doch bald wurde er aus seiner Ueberraschung gerissen, eine Schaar von Kosaken war auf dem Plane erschienen und griff die flüchtigen französischen Truppen an, die der Uebermacht alsbald erlagen. Auch David wirde verwundet und gefangen. Man führte ibn nach Moskau, von dort ward er unter vielen Oualen nach Sibirien verschickt. In einem Bergwerke des unwirthlichen Landes mußte er die Leiden einer barbarischen, unmenschlichen Behandlung mit Ergebung ertragen. Achtundzmanzig Jahre mußte der Unglückliche in dem vorzeitigen Grabe, fern von jedem theilnehmenden Herzen, die schwere Arbeit eines Bergwerkssklaven verrichten Er hatte nicht mehr zu hoffen gewagt, daß ihm noch einmal die Sonne der Freiheit leuchten werde, als ihm eines Tages die Mittheilung gemacht wurde, daß er frei sei. Er begriff nicht mehr die Bedeutung dieser Kunde und nahm sie ohne jede Emotion auf. Doch kaum hatte er den blauen Himmel über sich erblickt, da erweiterte sich sein Herz und die Freude bemächtigte sich seiner. Allein, als er wieder zum Bewußtsein seiner traurigen Lebensgeschichte gelangt war, als er wieder seiner Einsamkeit auf Erden inne ward, da waro ihm so schwer um's Herz, daß er einen Augenblick lang die Absicht hatte, wieder zur Stätte seines Siechthums zmückzukehren, um unter der Knute und der schweren Bergwerksarbeit sein Leben zu schließen. Doch die Liebe zum Vaterlande richtete ihn wieder aus, und er trat die schwere Wanderung durch die ungastlichen Steppen Asiens und die weiten Reiche Europas wackeren Muthes an. Im Dezember 1840 langte er endlich in seinen: Geburtsorte an. Als strammer, von Kraft strotzender Jüngling hatte er ihn verlassen, als gebrochener, frühzeitig gealterter Mann betrat er ihn wieder. Ein Fremder fühlte er sich unter Fremden. Er suchte die Gräber seiner Eltern auf, thränenden Auges verrichtete er daselbst sein inbrünstiges Gebet und wieder griff er zum Wanderstabe. Er hoffte, in der Hauptstadt seines Vaterlandes, wo man sich even anschickte, die von St. Helenr überführte Asche des großen Kaisers feierlich im Dom der Invaliden beizusetzen, dem einen oder anderen seiner alten Waffengefährten zu begegnen und mit ihrer Hilfe für den Rest seiner Tage die Noth zu bannen. Am 14. Dezember betrat er die große Stadt ohne alle Mittel. Lange irrte er in den Straßen herum, die Nacht war herangebrochen und David Blu:n wußte nicht, wo er sein müdes Haupt niederlegen werde. Von der

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