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Der Israelit · 1915-12-16 · Heft 52 (16.12.1915) · page 11

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Journal
Der Israelit
Volume
55 (1915)
Issue
Heft 52 (16.12.1915)
Date
1915-12-16
Page
– (sequence 11)
Language
German
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LeuiÜeton-Beilage zu Nr. 52 des „Israelit." Feuilleton. Herzog und RMiner. (Aus einem alten Memorbuche.) In den sauber gekehrten Straßen der Königlichen Fretstadt Turnaw in Ungarn herrschte reges Leben. In der Nähe des Palastes rauschten Galawagen den Schloßberg hinauf und hinunter, in denen vornehme Persönlichkeiten in goldstrotzenden Uniformen saßen. Fürsten und Grafen, die Elite der Gesellschaft aus dem ganzen Ungarlande, waren auf Einladung des jungen Herzogs in der kleinen Residenz versammelt, um Anteil an den großen Treibjagden in den Wäldern der Umgebung zu nehmen. Noch eine zweite Ursache hatte die Feststimmung in der Stadt. Hatte doch die Bevölkerung zum erstenmale Gelegenheit, den jungen Herzog, der in Wien bet seiner verwitweten Mutter aufgezogen wurde, zu begrüßen. Er hatte heute, an seinem 18. Geburtstage, das väterliche Erbe übernommen, welcher Anlaß durch ein Jagdvergnügen und allerlei damit verbundene Festlichkeiten würdig begangen werden sollte. Die Bürger von Turnaw strömten in hellen Scharen herbei, um ihren jungen Herrscher, den fie noch nicht kannten, und von dessen Schönheit, Tapferkeit, Güte und Leutseligkeit allerhand Mären umherschwtrrten, zu sehen und zu begrüßen. . Ein Hp.riz. besonders -reges Leben und festliches Treiben herrschte im Judenviertel, das sich ebenfalls zum Empfange des neuen Herrn würdig schmückte. Die engen, sonst öden Straßen waren mit Teppichen belegt und Blumen zierten Türen und Fenster. Am Eingänge des Ghetto prangte an der Spitze einer kunstvoll angelegten, blumenumrankten Ehrenpforte der Wtllkommsgruß in der hebräischen und Landessprache. Als der Herzog mit seiner vornehmen Begleitung, hoch zu Roß, durch das Ehrentor in die Judengasse kam, erscholl ihm aus hunderten Kehlen ein herzlicher Jubelgruß entgegen. Langsam ritt der junge schlanke Fürst durch die lange, enge Gasse und seine großen blauen Kinderaugen -lieben auf jedem zierlichen Giebelhäuschen und jeder markanten Judengestalt eine Weile haften. Er hatte von seinen Erziehern so vieles und Widersprechendes über Juden und jüdische Art gehört, daß er sich fast kindisch freute, sie in setner Stadt einmal aus eigener Anschauung kennen zu lernen. Es entging dem Herzog nicht, daß vor einem der letzten Häuser neben dem Kuppelbau, den man ihm als die alte „Judenschul" bezeichnte, ein junges Mädchen von bestrickender Schönheit stand und ihn mit feurigen Blicken aus seelenvollen, verträumten Augen begleitete. Er sah sich einmal und noch einmal um, und als er bereits wett weg von den alten Mauern war, verfolgte ihn im Geiste immer noch das Feuerauge der unsäglich lieblichen Mädchengestalt in der Juden gaffe. In seinem Innern stand der Beschluß fest, das Mädchen aufzusuchen und ln nähere Beziehungen zu ihm zu treten. Kaum von der Jagd zurückgekehrt, lettete der Herzog Untersuchungen über das Wundermädchen ein. Es stellte sich heraus, daß dieses die Tochter des Rabbiners und Leiters der Jeschiwah, des allbekannten Rabbi Eisig von Turnaw, war. Am anderen Tage wanderte der Herzog zu später Abendstunde inkognito, nur von einem alten treuen Diener begleitet, durch das Ghettotor und trat unvermittelt in das große Haus am Ende der Gaffe ein, wo der Rabbi noch bei einem offenen Folianten saß. Der Alte schrak von feinem Sitze auf, als er den hohen Gast erkannte. Dieser beruhigte ihn aber gütig, entschuldigte sich für den späten Besuch und erklärte ttm damit, daß er am Tage durch Regterungs- und Jagdgeschäfte abgehallen sei, jetzt aber die Gelegenheit benutzen wolle, um vom geistigen Führer der Gemeinde etwas Näheres über die Verhältnisse der Juden der Stadt zu erfahren. Das klang dem welterfahrenen Rabbi etwas unglaublich,' es war, in Anbetracht des Hasses, den alle Juden damals allüberall über sich ergehen laffen mußten, ganz unfaßbar, daß das Schicksal der Juden einen in Prunk und Pracht lebenden jungen Fürsten nicht schlafen laffen sollte. Aber dann dachte er bei sich: Das Herz der Könige und Fürsten ist in GotteS Hand. Warum sollte Er nicht den Sinn des neuen jungen Herrn so leiten, daß Israel durch ihn Hilfe erftehr? ... Bald war im Hause alles wach und auf den Beinen, um den hohen Besuch würdig zu empfangen. Sara, des Rabbi einzige Tochter und wackere Leiterin des mutterlosen Hauses, brachte vom besten Wein herbei. Der Herzog sprach sehr galant und huldvoll zu ihr und war wie berauscht von den edlen Formen des Mädchens, das Kopf und Gesicht fast ganz verhüllt hatte und nur aus den Feueraugen von Zeit zu Zeit Blitze um sich warf. Seit dieser Zeit war der junge Herzog des öfteren Gast im Rabbtnerhause. Er kam immer des Nachts und in einer Verkleidung, hinter der keiner den hohen Fürsten vermutet hätte. Auch in der Gaffe wußten außer dem Rabbiner und den nächsten Angehörigen des Hauses keiner etwas um die nächtlichen Besuche des Herzogs. Er zeigte sich nie zudringlich und trat immer so bescheiden und taktvoll auf, daß Vater wie Tochter grenzenloses Zutrauen zu ihm bekamen, und sich zuletzt Sara ganz unbefangen in seiner Gesellschaft bewegte und an der Unterhaltung rege teilnahm. Diese drehte sich ausnahmslos um Dinge des Denkens und Glaubens, auf welchem Gebiete der Herzog, von Mönchen auferzogen, einen unstillbaren Forschungsdrang zeigte. Er besaß ein tiefes Wiffen und kannte sich auch in den Grundlehren des Judentums aus. Auf die Erklärungen des Rabbi lauschte er sehr aufmerksam, sodaß die ständigen Religionsdisputationen sich bald ln erbauliche Lehrstunden verwandelten, bei denen der Herzog sich nur noch mit der Rolle des gelehrigen Schülers bescheiden wollte. Sara nahm an der Sette des jungen Herrn an diesen gelehrten Unterhaltungen regen, tätigen Anteil, und so ergab sich bald zwischen den beiden jungen Menschen ein zartes Verhältnis, das sich das Mädchen zunächst nicht eingeftand, welches aber der Herzog mit der ihm eigenen Energie und kühnen Entschlossenheit auf eine reale Unterlage zu bringen gedachte. So erklärte er denn eines Tages dem Rabbi kurz und klar, daß er entschloffen sei, aus Innigster Ueberzeugung zum Judentums Überzutreten und sich seine Tochter, der er in glühender Liebe zugetan fei, zur Frau erbitte. Rabbi Eisig verfitzte diese ungeahnte Eröffnung in helllosen Schrecken. Cr bangte jetzt nicht allein um das Schicksal seines geliebten Kindes, sondern fürchtete sogar aus diesem Entschlüsse des Herzogs eiue Katastrophe für die Judenhett des ganzen Landes, da die Geistlichkeit einen solchen Schritt des jungen Fürsten gewiß nicht so ohne wMeres hingenommen hatte. Er hielt all dieses dem Herzog vor und bat ihn flehentlich, von seinem Vorhaben abzufehen. Da aber der Herzog unerbittlich auf seinem Verlangen verharrte, gab ihm der Rabbi das Versprechen, sechs Jahre zu warten und bis dahin seine Tochter keinem Manne zuzuführen. Im Innern hoffte Rabbi Etsia, daß im Laufe dieser Zeit sich oer Sinn des Herzogs ändern und er die ganze Geschichte, wie eine jugendliche Torheit, vergessen würde. Tags darauf war der Herzog aus dem Palafte spurlos verschwunden. Unter der Dienerschaft ahnte keiner Ort und Grund der Flucht. Es wurden überall Nachforschungen angeftellt, ohne das geringste Resultat. Man suchte sogar alle Wälder ab, da man ore Gepflogenheit des Fürsten, allein an gefährlichen Plätzen herumzustreifen, kannte und einen Unfall befürchtete. Aber nirgends war eine Spur vom Verschollenen aufzufinden. Zur gleichen Zeit traf in einem Ueiuen weltentlegenen ungarischen Städtchen am Rande der Karpathen ein ganz abgerissener, bettelarmer Jüngling ein. Den Juden, die ihn ausfragten, erzählte er, er sei von jüdischer Abstammung, allein schon in frühester Kindheit den Eltern entführt und unter christlichen Bauern erzogen worden. Da er aber durch Zufall von seiner jüdischen Abstammung erfuhr, habe er die Flucht ergriffen und suche nun unter Juden Schutz und Einführung in die Religion der Väter. Auf die armen Dorfbewohner machte der prächtig gewachsene junge Mann, der den Glauben der Väter wieder suchte, gewalttgen Eindruck und sie nahmen sich setner an, sowett es ihnen die Mittel gestatteten. Gelehrte Männer des Ortes widmeten all ihre freie Zeit dem fremden, hochbegabten Jüngling und hatten die Freude, daß er alles gierig in sich aufnahm und schon ln kurzer Zeit ganz erstaunliche Fortschritte machte. Daraus ging er, von den armen Leuten reich beschenkt, auf die nächste Jeschiwah, wo er vier Jahre in unausgesetztem Talmudstudtum verblieb. Der Lehrer der Jeschiwah achtete den fremden Jüngling wegen setner Fähigkeiten und seines Fleißes hoch und hielt seine Fortbildung in einer bedeutenderen Lehranstalt, zur weiteren Vertiefung feiner beretts erworbenen hervorragenden Kenntnisse für nöttg. Er riet chm, sich zu diesem Zwecke zu Rabbi Eisig nach Turnaw, der die berühmteste Jeschiwah des Landes hatte, zu begeben. So erschien Joseph — so nannte sich der fremde Jünger — eines Tages vor Rabbi Eisig in Turnaw und bat ihn um Aufnahme in seine Hochschule. Wie üblich, mußte er erst eine Prüfung ablegen, die er aber so glänzend bestand, daß ihn der Rabbi mit offenen Armen empfing und sich hocherfreut zeigte, eine solche Perle für seine Schule gewonnen zu haben. Je länger Joseph in der Jeschiwah blieb, umso tiefer lebte er sich in den darin waltenden Geist ein. Er war von ansang an der Liebltngsschüler Rabbi EisigS und eS war jetzt allbekannt, daß der Rabbi noch andere Hoffnungen an diesen seltenen jungen Mann knüpfte. Rabbi Eisig war alt und arbeitsmüde und gedachte schon lange, für seine Tochter einen Mann zu gewinnen, der zugleich als sein Nachfolger sein LebenSwerk fortsetzen sollte. Und nun war es für ihn eine wahre Gottesfügung, daß ein Mann von der Geistesart und vom Seelenadek Josephs zu ihm gekommen war. Er war, wie kein anderer, würdig, fein Schwiegersohn und Nachfolger zu werden.

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