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Der Israelit · 1915-12-02 · Heft 50 (2.12.1915) · page 15

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Journal
Der Israelit
Volume
55 (1915)
Issue
Heft 50 (2.12.1915)
Date
1915-12-02
Page
– (sequence 15)
Language
German
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Feuilleton-Beilage zu Nr. 50 des „Israelit." Feuilleton. -• Rendel Sochaczewers AuMeg. Von L. (Schluß.) Der Leutnant, der starrblickettch unbewLZlieh das Lenkrad umklammert hielt,^ glaubte in diesem Augenblick, aus der» ihm so unsäglich vertranten Trommelschlag des Motors etwas wie einen frernden Ton Hera uszuhö reu. Er beugte sich aufmerksam vor, aber dieser sonderbare Laut iam gar nicht von der Maschine.' Es war eine Menschcnstimme, ein phantastischer Gesang, eine nltsamc Folge von wilden, tiefen, dunklen schreien, die nicht einmal der Sturmlaut des Motors völlig übertoben konnte. ' Der Offizier erinnerte sich seines Passagiers und sah zurück. .Herr Sochaczewer sag festgeschnallt neben den: Virrfchen, er hatte sich die Fliegerhaube vom Kops genommen, unb der Wind des Propellers \tH ihm fast das dünne graue .'haar von den Schläfett. Jede Runzel seines bleichen Gesichts Ltterte von nitgeheurer Erregung, uud sein Mund stand tveit offen, daß man die gelben, schadhaften Zahnstümpfe sah-Herr Mendel Sochaczewer lang! Er gebärdete sich wie eilt Verrückter. Er schrie in das To beit des Motors hinein. Den.n sein Auge sah den Boden seiner Väter, Brüder mid Schwestern befreit. Die Gnade Gottes trug ihn durch die Lüste über die Heimat, bereit Peiniger geflohen und geschlagen wurden. Und ohne daß er es wußte, stieg ihm dieser seiner Brust nach langer Oual entlastende Scheei aus der Kehle Ein Klagelaut, ein Jubelpsalm, ein wilder Dank aus tiefster.Herzensnot schrie aus der Kehle des Juden, und selbst Franz!, der Bursche, verstand endlich, daß der seltsame Mann an reiner Seite iir der größten Stunde seines Lebens Zwiesprache mit seinem Gotte hielt .. v Der Leutnant klammerte die Hände fester um das Lenkrad, er wendete und flog heim. Eine leise Beklommenheit verdunkelte ihm einm Augenblick die Hellen, guten und mutigen Augen. Man flog itun der ausgehenden Sonne entgegen. Zn Glut und Flammen flog mau, blutig strahlt" die rote Scheibe; das klirrende und singende Gestänge der Maschine blitzte im Morgenrot, und jäh stürzten die beiden grauen, sonne «b eschienenen Flügel zur Erde. Ter Leutnant ging im Sturzflug herunter. Das Gewehrfeuer des Motors setzte plötzlich aus. Die eben noch wirbelnde Schraube war nur mehr ein totes, glänzenobraunes Stück Holz, und in rasender Eile bäumte sich.die Wiese vor der kleinen Trümmerstadt, von der man vor einer Stunde abgeslogen war, zu den Fliegern empor. Wie durch ein ausgerissenes Loch jagte mau hinunter. Stieren Blickes iah der erwachte Jude die kahlen, schwarzen Brandmauern der Stadt unter sich. Jetzt, jetzt mußten sie hinunter aus die Seite des Platzes schmettern, da setzte rasselnd und klappernd der Motor wieder ein, die Schraube drehte sich einige Male und flaute ab, Herr Sochaczewer fühlte einen Ruck, und verständnislos sah er zu, wie sich der Bursche des Leutnants die Riemen und Schnallen vom Leibe löste. Man rollte über ein. Wiese, Soldaten irr blauen Mechanikerkitteln kamen näher, ein Schwarm Juden stob auseinander. und als ihn jemand aus seinen Träumen gc weckt hatte, versuchte er, sich nun auch von den fcstgeschnallten Riemen zu befreien und auszusteigen. Blank, froh unb lachend stand der Flieg"- lfntnant vor ihm. Helm und Gläser hatte er schon abgenommen. Der Morgemvind spielte mit feinem Haar. „So", dachte Sochaczewer — „so sehen unsere Befreier ans." Und übermaunt, mit einem ans tiefster Brust aussteigendem Schluchzen, das ihm jedes Wort seines Tankes verschlug, nahm er die braune, schmale Hand des Fliegers in seine beiden großen Hände unb küßte sie. 3n meinem galizischen Heimatstädtchen. Von Salomo» DembitzcrM Uno wieder fühlte ich jenen geheimnisboss.'n heißen Drang, mein Heimatsläetche» zu sehen. Und iliictci aOQ iniif, dos Hcrz dahin, )iu> ich meine J.uaend Verlebte und jene wunderschönen, unvergeßlichen, Heue Sommernächte. Mein Heimatstädtchen! &cn besitze ich nach da? Nur dir (Gräber meiner Lieben.... Und doch, das Menschenherz sehnt sich dahin zniü.t wo man die ersten Träume geträumt hat. Ich nahm das Päckchen auf die Schultern, den alten Wand erst ab in die Hand und ging, schleppen- :iki Schrittes folgte ich dem Befehle de-? Herzens... in die Heimat, in die Heimat! Trübe und dunkel war der Abend, als ick in meinem Jngendstädtchen Laue nt anlangte. Die Welt drallsten harmonierte ganz mit meiner otine mnng. Sie sah so müde aus, als wollte sie für eteiii einfchlafen.... Den ersten „Scholaum Ateichem" bekam ich von t'.itlncm alten Freunde Jansche Meier.. Er führte mich bald im Städtchen umher, erzählte mir clle Ncuigkeitcn und redete ohne Ziel... Immer dunkler und trüber wurde es. Wir gehen um dci! runden Marktplatz, dann in die kleinen, 'chm--.- len, stillen (Kästchen und schweigen... Hie und da versuchen wir ein Gespräch, Aber bald stockt die Unterhaltung, und jeder verfällt in seine.Gedanken. Salem! Erkennst dn nicht mehr beit Mauschele? Da geht er! Wo? Dort drüben. Mauschele komm hierher, hierher! Bor mir steht ein junger Ehassld und streckt mir die Hand zum „Scholaum Aleichem!" hin. Aleichem Scholaum! Wie geht es dir? Mau sagt, du bist ein berühmter Mann geworden, ein Dichter ... Schreibst Bücher? Kann sein! Mau sagt, du bist beim Kaiser angesehen... Höre, kannst du nicht ein gutes Wort für die Juden ei'nlegen?.... Wir gehen zusammen ins Beis-Hamidratch und sehen aus der Ferne ,wie die Leute allmählich ihre Läden schließen. Dunkelheit ergießt sich über das ganze Städtchen, und es ist so schaurig still, daß man jeden Tritt hört. Wir sprechen nicht, jeder ist berin'ü in 'eine innere Welt... Gedanken kommen und schwinden, alte abgestorbene Erinnerungen uwachen, und vor 'mir liegt das Leben müde und blereruschwer. Ick sehe jene Sommernacht. Der Himmel ist voller Sterne, ein kühler, weich er Sommerwind weht im Städtchen und kost spielend die Menschen, die meistens in Hemdärmeln anr den Schwellen ihrer Häuschen fitzen. Jenseits des Weges spazieren mit einem Lächeln auf den Lippen die schüchternen Mädchen. Sie haben so strah'ende Augen, so schwarz, sv tief..., und wenn ein TaUnndtzinger Vvrbeikommt und einen Blick aus diesen Augen ausstrngt, kann man ans der Ferne hören, wi? fein Herz pocht Glückliches Städtchen! f*v ist, als wenn die Sterne immer größer, klarer und heller werden. - Die Schönheit solcher 'Momente su malen, ist auch der größte.Maler nicht imstande. Das ganze Städtchen ist wie ein Garten, ein prächtiger Garten„die Menschen sind wie Blumen,, die * Aus der demnächst bei S ch to e t f ch, k a & o 5 u, Berlin, unter bem ‘Xitel ,Mu$ e n g e n Gasse n" erscheinenden Skizzensammlung des Dichters. vuiammenwachsen, und ins Herz dringt eine wohltuende, beseligende Wärme..'. Eine laute Stimme klingt plötzlich über den Marktplatz hinüber und stört die stillen Träume: Jtzig, komm ins Hans, es ist Zeit zu schlafen! Wir gehen hinein ins Beis-Hamidrasch. Leer und still ist das große Gotteshaus, nur in «iincr Lsennischc sitzt ein alter Jude und studiert bei einem Talglicht in einem großen Folianten. Aus den Tischen liegen Bücher zusammengewürfelt. Vordem Betpnlt brennt ein großes Jahrzeitlicht und lIN und herum kleine Lichtchen, die im Erlöschen begässen sind. Und still und schauerlich ist es überaK. Nur von Zeit zu Zeit hustet der alte alleinsitz'ude Mann und stört für eine Minute die heilige Stille. Wo sind all die Kollegeu, die Talmudjünger geblieben, die hier so laut und so anheimelnd zu lernen pflegten? Wie süß pflegten mir diese jungen Sinn men zu klingen, die in wunderlichem Singsang ihren Talurnd vortrugen?... Satmen! Wenn du groß wirst, wirst du ein Rabbi, ein großer Gaou. Mütter werden Her mit dir segnen und talmudische .Kapazitäten werden deinen Rat eiuholen. Dein Name wird berühmt werden von einem Ende der Welt bis zum andern.... Träume! Alte Träume! Alles Träume! Und ick, wende meine ganze .v'raft auf, zur Wirklichkeit znrückzukehrcn. Und wieder kommen die Gedanken und analen mein Gehirn und wühlen in den Jugenderjnucrimg.n, Mausckele, lvie gehr es den alten Kollegen? Was tleiben sie? Was? Gar nichts! Was sollen sie treiben? Wir schweigen.... Kanntest bit den närrischen Jischrolik? Ter hriralele und gründete eine Familie.... Und Schmul Sani hast du gekannt? - Er ist zu«i Militär gekommen! Wir gehen alle drei zum Borlesetisch, und sich da anlehnend, plaudert Mauschele weiter: Erinnerst du dich noch des Mansche? Weißt du, er ist e-u großer .sivuiuu geworden. Er liest die „Zeit" und gilt als gebildet/ Und Atter? Alter tut gar nichts. Den ganzen Tag lvandcrt er umher auf dem Marttplatz mit den Händell in den Hosentaschen! Und der andere Mansche? Ist auch ein gr'her Kenner geworden, ein Ministerkvpf, er malt die 'chim sten Schnörkel, die man überall bewundert... Er schreibt schon Bittgesuche wie ein Advokat... Man schlägt ihm schon Heiratspartien vor....! Plötzlich unterbricht Jansche Meier die UnrerhaUung und wendet sich an mich fragend: Willst du dir vielleicht die Ziporah ansehen?... Was treibt der „Stadt-Allmächtige"? Mein Städtchen besitzt nämlich, wie die meist?« galizischen Städtchen, einen „Stadt-Allmächtigen." Er heißt Ehajim, seine Frau Esther. Er ist rot und dick, eine Frau dunkel und schmal. Sagt er Tag, so sagt ic Nacht: sie führen ewig Krieg im Leben, Mt) die Streitigkeiten spielen sich vst in der £ eff entließe it ab. Er spielt eine große Rolle im Städtchen und iv.t Zu gebieten in der Ehewreh Kadische. im Kultusvorstand. Ten Namen Stadt-Allmächtiger führt er e-deutlich wegen einer anderen Sache. Er hält sich nämlich für einen Aristokraten und bekundet seinen Stolz bei jeder Gelegenheit. Nie luird er sich mit einem einfachen „Schnorrerjung" auf öffentlichem Platze in Tn Gesprück einlassen.... Ick lveiß nicht, wie es kam. Ich sah mich plötzlich in einem Weiß überzogenen Bette liegen, und ich reibe mir die Augen, halb im Traume, halb im Wachen. Bald kehren die Gedanken zurück, und ich mache das Fenster auf. Eine kühle Morgenluft weht herein und rüttelt meinen müden, noch nicht ausgcschlafen.en Kopf. Es ist Morgenröte... das ganze Stäotchen ist in tiefen Nebel gehüllt, man erkennt kaum die v<rsch.lasenen, kleinen Häuschen. Und still ist es, so eine tiefe, schauerliche Stille, )oie auf dem „heilige?l Sri"... Plötzlich höre ich laute Töne? . Und ich mochte hlnausfchrcien: Z Welt, laß doch schlafen diese lnalldernden Leichname, laß ruhen die Menschen, die vom Leben nichts erwarten... nichts... Latz ruhen jene unschuldigen, schmalbrüstigen Jünglinge mit den lang gekräuselten Schleislöckchen, mit den seltmmen traurigen, naiven klugen, die immer um Milleid fl.hrn. Laß ruhen die Töchter Israels, leite stillen Mädchen mit den langen, schlvarzen Zöpfen und schüchternen, keuschen Gesichtern, die nur im Scklaie zu träumen wagen. AZ mäh lick hat sich der Nebel verzogen. Klarer ist der Himmel, freier ist der Morgenwind: er spielt mit den Bäumen, und langsam hört man Schritte in den Gäßchpn! Die Juden eilen zum Margengebet, dem Schöpfer für feine Gnade zu danken.

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