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Der Israelit · 1915-11-11 · Heft 47 (11.11.1915) · page 12

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
55 (1915)
Issue
Heft 47 (11.11.1915)
Date
1915-11-11
Page
– (sequence 12)
Language
German
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mm LeuiUeton-Beitaae zu Nr. 4? tos „Israelit." Feuilleton.;vkS Bsäiii ik>*rHF Der Geigenspieler. Das Gasthaus an der Ecke der Hauptstraße umfaßte steben weite Säle, in deren großen Fenstern schon bei Anbruch der Dämmerung in mächtigen mattgläsernen Kugeln Bogenlichter brannten. Ueber dem Eingang glänzte eine Lampe mit farbigen grellen Scheiben und warf große, rote, grüne und blaue Streifen auf das Pflaster, um so die Aufmerksamkeit der Vorübergehenden zu wecken und sie zum Eintritt in diesen Tempel der Bier- und Billardfreuden einzuladen. Das Etablissement erfreute sich großer Beliebtheitniemals fehlte es hier an Gästen und alle Tische waren dicht besetzt. Unaufhörlicher Lärm durchschwtrrte den Raum, in welchem dichte Wolken von Tabakrauch grau und dick die Luft machten. Es war nach Sabbatausgang. Zahlreiche christliche Handwerker und Arbeiter, deren geschwärzte Hände verrieten, daß sie aus der Werkstätte kamen, waren ein getreten, um mit einem Gläschen Bier den kommenden Ruhetag einzuweihen. Daneben saßen jüdische Arbeitsleute, Fuhrmänner, Hausierer, Kletnkrämer, für welche die Stunde, die Trennung von dem wonnevollen, hehern, sorgenbannend Sabbattag bedeuteteihre Gesichter waren noch verklärt vom Sabbatglanze, aber schon grub die Sorge um das Alltagsleben mit seinen Mühen und Plackereien für die Dauer von ganzen sechs Tagen eine tiefe Furche in die Stirn. Hier sammelten sie sich immer, um frisch an die tägliche Arbeit zu gehen und die Pläne für die nächste Woche zu bespreche». Was sie aber besonderanlockte und wie mit magischer Kraft hierherzog, war das Getgenspielen eines unbekannten Musikanten, der seit längerer Zeit an jedem Sabbatabend hier ein Solokonzert aus seinem Instrumente gab. In einem der Säle stand auf einer Estrade von Brettern, die ein fahlgewordener Teppich bedeckte, ein altes Klavier. Das Instrument war ausgedient, verstimmt und wurde nicht mehr benutzt. ES diente blos zur Parade. Das Schicksal, welches mit leblosen Dingen zuweilen wie mit Menschen verfährt, hatte es aus dem glänzenden Salon in die Kneipe geschleudert, wo es in früherer Zeit allabendlich vor dem Publikum ächzen und die raucherfüllten Räume mit Musikklängen erfüllen mußte. Nun durfte es gnadenhalber seinen Ehrenplatz weiter behaupten. Aber als die Uhr über dem Büffet die siebente Stunde schlug, brachte der Kellner ein hohes Notenpult, stellte es neben das Klavier und gleich darauf trat ein ältlicher, gebückter Mann in langem unförmlichen Mantel ein, unter dem er sorgsam und zärtlich eingehüllt, wie ein Kleinod, eine Geige verbarg. Sein Haar war schon vom Reif des Alters ziemlich stark bedeckt, im Gesichte hatte er unzählige Furchen, die Augen blickten müde und wie erloschen unter den schlaffen Liedern - doch sobald er zu spielen begann, schienen sie sich zu beleben, und je länger er spielte, desto lebhafter brannte das Feuer in ihnen. Er legte den verschlissenen Mantel ab, ergriff die Geige, rückte sie zurecht und ließ einige Akkorde vernehmen. Dann entquollen seinen Fingern die Töne eines alten sentimentalen Walzers, von ruhigem maßvollen RhhtmuS, wie der Gang einer alten Uhr. Die Juden hielten in ihrer leisen Unterhaltung nicht innesie fuhren fort über ihre Angelegenheiten im Flüstertöne sich zu beraten, ohne diese Spielerei, die nicht für sie gerechnet war, der Beachtung zu würdigen. Aber eine in der Nähe sitzende Schustersfrau, mit rotem Gesichte und leicht rährbarer Seele, stieß ihren Gatten am Arme und sagte schmelzend: „Hörst du's Männcken? Auf unserer Hochzeit wurde eben dieser Walzer gespielt. Erinnerst du dich noch?" „Er—inn—re mich noch"! versetzte stammelnd der Schustermeister. „Spielt -er aber, daß ihm der . . ." „Ja, d?r arme Mannauf seine alten Tage muß er sideln. Reich ihm einen Groschen, leg's hin auf's Pult. Mag er für seine Arbeit belohnt werden, da er mich an die jungen Tage erinnert". Der Gatte erhebt sich und schwankenden Schrittes, aber mit kecker Miene näherte er sich der Estrade. In der hingestreckten Hand hält er die zwei Groschen und öffnet den Mund, um etwas zu sagen, als fein Auge dem Blicke des Spielenden begegnet. Es mußte etwas Magisches in diesem Blicke gelegen haben, denn der gute Meister ließ die Augen sinken, stotterte etwas wie eine Entschuldigung, und beschämt, gleichsam betroffen, schob er die Gabe zwischen die auf dem Klavier herumliegenden Notenheste und entfernte sich. Dieser Kneipenkünstler verstand es augenscheinlich, für seine Person Achtung zu erwecken. Er verhielt sich würdevoll, sammelte keine Gaben auf die Noten und ging nickt mit dem Teller umher. Es achteten ihn daher die Gäste ohne Ausnahme. Wenn er spielte, nahm seine Stellung etwas Befehlendes an und sein Blick gewann einen Ausdruck von Stolz. Auch der berauschte Handwerksbursche, wenn er in seiner Nähe saß, mäßigte seine Ausdrücke und Gesten, um ihn nicht zu beleidigen. „Unser Geiger", nannte man ihn in dieser Kneipe. Niemand kannte ihn näher, niemand wußte woher er kam. Bor einigen Monaten hatte er hier zu spielen begonnen, und seither stellte er sich ein paar Mal in der Woche, regelmäßig aber am Sabbat abend ein, und spielte mit kleinen Unterbrechungen, bis es Mitternacht schlug. Dafür bekam er etwas Geld und ein Abendbrot, welches er jedoch hier nicht verzehrte, sondern in ein Papier gewickelt, nach Hause mitnahm. Ein dunkles Gerücht erzählte, daß dieser Geigenspieler aus ferner Gegend hergekommen sei und einmal bessere Tage gesehen habe. Schwere Unglückssälle, die viele Tausende betroffen, hätten fürchterliches Unheil über sein Haus gebracht, seine Angehörigen htngerafft und ihn selber, vereinsamt und aller Mittel beraubt, gezwungen, mit Geigenspiel seinen kümmerlichen Lebensunterhalt zu verdienen. Er war übrigens immer sehr schweigsam und verschlossen, redete Niemanden an, in der Synagoge stellte er sich in einen Winkel, das Gesicht zur Wand gekehrt. Niemand wußte, was es mit den über ihn verbreiteten Gerüchten aus sich hatte, man forschte auch nicht danach, denn in jener Zeit waren derlei, durch die genannten Unglücksfälle verkümmerten und zerbrochenen Existenzen nichts seltenes und zogen die Aufmerksamkeit nicht auf sich. Hier erschien er pünktlich zur Stunde, spielte bis Mitternacht, ohne lange Pausen zu machen, sodaß seine Finger fortwährend in Bewegung waren. Man hatte sich an ihn, etwa wie an ein altes Möbelstück oder ein Bild gewöhnt, das zur Einrichtung des Lokals gehörte. An jenem Abend verhielt sich der Geiger in allem entgegen seiner Gewohnheit. Nach Beendigung des Walzers schüttelte er sich nervös, warf sich den Mantel um die Schultern und ruhte lange aus. Dann erhob er sich, trat an das Büffet und bat um ein Glas Wasser. Als er wieder feinen Platz etnnahm, begann I er eine alte jüdische Volksweise zu spielen. So^ gleich flackerte um seine Augen ein eigentümlicher Glanz auf und die eingefallenen Wangen begoß eine starke Röte. Er spielte mit einer Lebhaftigkeit und einem Feuer, daß die Gäste zu ihm aufsahen. Die Juden senkten ihre Stimmen ganz, dann schwiegen sie endlich stille und lauschten eine geraume Weile, einer rief leise zu seinem Nachbar: „Na, man tann nidjt anders sagen, der Alte ist heute bei Stimmung"! Alle nickten beistimmend, und ein jeder begann in den Taschen zu krarnen. Bald war ein ziemlich ansehnliches Häuflein Kupfermünzen beisammen. Einer aus der Gruppe nahm es in Empfang, und leise von der Sette sich heranschleichend, legte er es an eine Ecke aus das Klavier. Dann mochte er sich mit langen Schritten aus den Zehen davon und setzte sich auf seinen Platz. Und in der Tat, der Geigenspieler war bei Stimmung. Es war die Stimmung wehmütiger und doch zugleich wonniger Erinnerung. Als ihm noch die Sonne des Lebens geschienen, — o, es war schon lange her — da erklangen die Töne dieser Melodie öfters aus den Saiten seiner Geige. Das war seine Liebltngswetse seit seiner frühesten Jugend, als er kaum mit den kleinen Fingern den Streichbogen führen lernte,, bis in die spatere Zeit hinein. Selbst am Sabbat mußte er sie wenigstens trällern, und am Sabbatausgang, wenn er im Kreise der Seinen saß, umringt von der liebenden Gattin und den drei blühenden Kindern, wiederholte er sie viele Male zur unsäglichen Freude seiner Zuhörer. Ein Kind reicher Eitern, genoß er, da er frühzeitig musikalische Anlagen zeigte, Unterricht im Geigen, ohne zu ahnen, daß diese Kunst ihm einst im Alter, nach traurigen Wechselfällen einen kümmerlichen Unterhalt gewähren würde. Später im Gewühl des täglichen Lebens und inmitten der aufreibenden kaufmännischen Tätigkeit, war die Musik seine Zuflucht, sie gewährte ihm reine Freuden und den Abglanz einer höheren idealen Welt. In der Zurückgezogenheit der stillen Häuslichkeit, wenn -er Kampf des- Tages ruhte, ließ er die unzähligen Weisen und Lieder erklingen, die er auswendig konnte. Welch eine Wonne war es zu sehen, wie die Augen der Gattin und der Kinder auf ihn gerichtet waren, wie sie gespannt lauschten, zum Schluffe vor Freude in die Hände klatschten und um Neues baten. Dann wurden die Kinder groß, die Eltern hatten ihre seligsten Freuden aw ihnen. Der Sohn lernte vorzüglich und war die Hoffnung der ganzen Familie. Der Wohlstandblühte... Doch nun war dies alles längst nicht mehr, verrauscht war es, zerronnen, wie die letzten Klänge der eben ihrem Ende entgegensetzenden Melodie. Der Geiger bricht plötzlich mit einem schrillen Mißton ab, und läßt sein Instrument zu Boden gleiten. Alle Anwesenden sehen sich, unangenehm berührt, umdoch er versinkt in düstere Erinnerungen. Es war so plötzlich gekommen . . . gerade am Sabbatabend nach der Hochzeit seiner ältesten Tochter ... Zwar herrschte seit einiger Zeit eine gedruckte, schwüle Atmosphäre, aus der Umgegend kamen beunruhigende Nachrichten, daß man die Wohnungen der Juden überfallen und geplündert, Frauen geschändet, Greise und Kinder gemordet hatte . . . Aber er schenkte dem keinen Glauben, überdies lebte man hier mit den Christen im schönsten Einvernehmen, er selber stand in vielerlei Handelsverbindungen mit ihnen, wurde von ihnen hochgeschätzt, viele lebten sogar von ihm. Wie sollte man da ahnen. . .? Und doch ... (Schluß folgt.) mm mmärnsm

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