Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1915-10-28 · Heft 45 (28.10.1915) · page 12

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
55 (1915)
Issue
Heft 45 (28.10.1915)
Date
1915-10-28
Page
– (sequence 12)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/2446951-2448506-2448550--67793-2488703
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Feuilleton-Beilage M Nr. des „Israelit." Feuilleton.;:^V r »7 %ääi Der Wotta als Retter. (Ans den Kriegserlcbnifsen russisch-polnischer Gemeinden.) (Schluß.) Damit war aber die Lache noch nicht erledigt. „Höret, Rabaussai", sagte Schmuel Zn den Leuten, die ihn rvie einen Rettungsengel freudig limftaitDcit, „es kommen noch mehr Kosaken und wir tveroen noch Geld brauchen, üklt>, f&eiö und Geld." Daran sollte es nicht fehlen. Es setzte eine Sammlung ein, zu oer jeder das Entbehrliche gern hergab. Und es zeigte sich, daß Schmuel recht hatte. Alle paar Stunden kamen neue Patrouillen, die sich wunderten, daß das Städtchen noch nicht brannte und sich anschickten, das Versäumte nachzuholen. Und immer wandte Schmuel das gleiche Verfahren mit gleichem Erfolg an. Rubel und Schnaps wirktet: Wunder. Gegen Abend erzählte der letzte durchziehende Kosak, daß er den Artstrage habe, die Dampfmühte vor der Stadt in Brand zu fetzen. Die Dampfmühle war ebenfalls so etwas wie eine Gemeindeangelegenheit: Alle Bewohner bezogen ihren Mehlbedarf aus dieser Gemeindemühle. Zudem stand die Mühle auf einer Anhöhe, die bei der Windrichtung ihre Flammen ins Städtchen schicken mußte. Auch das mußte verhindert rverden. Aber der Kosak lehnte ab. Nicht einmal der Preis von 10 Rubeln (oefte ifjtt. Der Oberst, sagte er, würde selbst Nachsehen, und da sei ihm die Sache zu gefährlich. „Wo ist der Oberst?" fragte Schmuel. „Er hat lein Quartier in der Blockhütte am Waldrande", gab der Soldat Auskunft. „So gehe ich zu ihm", sagte Schmuel kurz entschlossen und von allen aufs höchste bewundert. Es tvar nicht leicht, an den Obersten hercmzutreten. Aber Schmuel wußte, wie man so etwas anpackte. Bald stand er vor dem Offizier und verhandelte mit ihm wie mit iebem anderen „Poritz", bei dem es galt, mit gutem Vorteil einen Obstgarten zu pachten. „Warum gerade brennen?" fragte Schmuel, nachdem er seine Positron einigermaßen \id)ev wußte. „Um bei unserem strategischen Abzüge dem Feinde keine Gelegenheit zur Mehlanfertigung zu lassen." „Ginge das nicht auch mit einer Vernichtung der inneren Einrichtung?" „Dazu haben wir keine Zeit/-" „Diese Arbeit würden wir ganz gern selbst besorgen", beteuerte Schmuel. „Meinetwegen", entschied der Oberst nach einigem Hin und her. „Aber, daß Ihr cs auch gründlich macht. Entweder Ihr schlagt Kessel und Maschinen kurz und klein oder wir euch die Schädel. . Mit der Ausführung dieses Befehls war es Schnmel und seinen Freunden ganz ernst. Wenn nur Feuer vermieden wird! Warum nicht ein bischen die Kessel vernichten ,wenn es die Herren so verlangen? Im Gegenteil, man könnte einmal die Rollen vertauschen und es den Herren Kosaken nachmachen.... So zogen denn an zwanzig Männer der Gemeinde ausgerüstet mit Axt und Säge und Hammer und Beil in iic Mühle. Das Bernichtungswcrk begann. Man hieb und schlug, was das Zeug hielt, aber die Arbeit wollte nicht vom Flecke. Die Maschinen und Kessel standen unerschütterlich da, als höhnten sie der jüdischen Hände, die sie beugen wollten. Schmuel feuerte die Leute an. Er hatte die Verantwortung übernommen, und er schwitzte vor Angst und Aufregung. „Schlagt zu, Brüder, mutig! hurtig! Wenn der Oberst kommt!..." Allein je mutiger lind hurtiger die Brüder zuschlugen, umso weniger wollte das harte Objekt uachgebcn. Es war zum Verzweifeln. Das Verwüstungswcrk wollte den jüdischen Händen einfach nicht gelingen. Da tönte plötzlich die schrille Stimme des SchammeS in die Mühle: „Juden, die K/osaken laufen aus der Stadt was sie können. Man sagt, die Deutschen kommen!" Da ließ alles Hammer und.Hacke fallen und eilte nach Hause. Hier und da erwischte noch einer einen letzten fühlbaren Nagaitägruß aus der Hand eines abziehenden Kosaken. Aber die Häuser in Brand zu stecken, reichte ihnen die Zeit nicht mehr aus. Die erste Patrouille der Feldgrauen war schon am anderen Ende sichtbar. Auf diese Weise engting das altgesegnete Städtchen Sablndowo dem Schicksal aller anderen -In den gemeniden rund herum. Die große Sukkos-Offensive. Aus einem Feldpostbriefe. In Ruhestellung, 2. Oktober. -Nun ist oer sonst so schöne Jaumtow, die „sernan Simchmeinu", die Zeit unserer Freude vorüber. Eigentlich war die Zeit für mich, keine Zeit der Freude. In gewissem Sinne aber ooch. Wie ich Dir in meinen jüngsten beiden Karlen mitteille, haben wir fürchterliches erlebt. Ja, wir haben das Schrecklichste mitgemacht, was deutsche Truppen jemals in diesem Kriege ertragen mußten. 3 Tage und 3 Nächte ununterbrochenes schwerstes Artiller ieseuer, wie es die Welt noch nicht gehört, bis die meisten Unterstände cingeschiagcn und die Schützengräben zugeschüttet waren. Das waren die Tage von Erew Sukkaus 1. und 2. Tag Jaumtow. Endlich am Vormittage des Schabbos Ehaul Hamoed wagten sich die Franzosen, unterstützt von ihrem Artilleriofeuer ans ihren Gräben heraus und übersprangen schon unsere vorderste Linie. Als wir dieses in unserer Wohnstellung hörten, in der wir schon Tag und Nacht gefechtsbereit lagen, sprangen wir ohne weiteres Kommando wie die wilden Katzen über Deckung mit ausgepflanztem Bajonett dxm Feinde entgegen. Ein jeder hatte noch Handgranaten außerdem bei sich. Ich werde das Bild in meinem ganzen Leben nicht vergessen, wie wir in Schrchrnl'nie Vorsprüngen, und unser kleiner junger Leutnant von rechts mit dem Revolver in der Rechten. Wir legten uns noch einmal auf den Boden und schossen in die heranstürmenden französischen Linien, neben mir links taumelt ein alter braver Landwehrmann, ich eile zu und suche nach seiner Wunde, aus der das Blut geradezu in strömen in meine Hand floß. Ich verbinde ihn, so gut es ging, er wird aber nicht mehr mit dem Leben davon gekomnren sein. Ein Kamerad rechts von mir wimmert, ich möchte ihn doch auch verbinden, sonst verblutet er. Eine eigroße Wunde im Oberarm wars, die ich ihm, wenn auch rasch aber doch gut verband, sodoß er glücklich zurückkriechen konnte. Dabei schlugen dauernd die feindlichen Kugeln neben uns ein. Hieraus nahm ich mein Gewehr und stürmte nach vorne, wo ein Teil der Kameraden die Franzmänner schwer mit Handgranaten bearbeitete, sodaß die Köpic und Körperteile nur so flogen. Als die Rothosen sahen, daß sie gegen uns nicht viel machen können, schmissen sie die Gewehre weg und baten um Pardon. Es waren viele verheiratete ältere Leute oarunter. Der eine bot mir eine Zigarre an, die ich aber wegen Schabbos verschmähte, im übrigen wollte ich die Kerle rasch hinten haben. Einer wollte sein Gewehr nicht gleich weglegen, dem drohten wir mit dem Kolben, daß er es gern beiseite legte. Zwei Verwundete mit Schüssen im Viüden waren dabei, die nicht mehr laufen konnten, die nahm ich rasch an den Händen und schlevvte Ke wie zwei Kinder nach hinten, wo ich sie noch verband. Weinend zeigte mir der eine das Bild seiner Frau und drei Kinder und küßte cs. gab mir die Hand und dankte mir, worauf ich ihm bedeutete, er solle dem da oben danken, Worauf er seine Hände kältete und strahlenden Auges gen Himmel schaute. Wir gingen wieder nach vorne, von wo^ aus wir dem Gegner heftig in die Flanke schossen, wie heim Gruppenschießen auf dem Schießplatz, mit derselben Disziplin und Ruhe. Unserem Bataillon und nicht zuletzt unserer Kompanie ist es zu danken, daß die Franzosen nicht durchgebrochen sind wie sie es im Sinne hatten. Sind auch unsere Verluste nicht gerade unbedeutend, w sind doch die der Franzmänner ganz ungeheuer groß, es wimmelt nur so von ihren Leichen. An beit beibett nächsten Tagen erfolgte Angriff auf Angriff, aber nebenan bei den anderen Bataillonen. Wobei wir nur fortwährendes Artitterieseuer ausznhalten harten. Bei uns wagten die Franzosen Nicht mehr anzugreisen, hier hatten sie bereits die Rase voll. Die ganzen Tage dünken mir gleich der ^ündflut, bei der die Menschen vor dem heranbraustuden Element sich auf Bäume und Dächer, und als sie das Wasser auch dort erreichte, auf Turmspitzen flüchteten. So auch hier, saß man in einem Unterstände, sielen so viele Treffer neben ihn und auf ihn, bis er schließlich ivankte. Man flüchtete in einen anderen, dasselbe Spiel wie eben. Im Graben erst war es erst recht nicht ausznhalten vor Feuer. Wieviele sind hierbei verschüttet worden. Was das heißt, davon kann ich am besten ein Liedlein singen, von jener grausigen Nacht, in der ich vier stunden lebendig begraben war. Am Montag mußte ich einmal durch das Wohnrebicr pafsicren, da lag in einem Unterstände ein junger französischer Verwundeter mit einem feinen Gesichte und gescheitem Aussehen mit etwas jüdischem Typus. Ein Sanitäter war gerade bei ihm gewesen und hatte ihm etwas Regenwasser gereicht. Ich fragte den armen Kerl „Etes vous juck", worauf er mir „6ui" erwiderte. Trotzdem ich wenig Zeit hatte, setzte ich mich zu ihm, bekannte mich als sein Glaubensgenosse uno sprach ihm Mut und.Trost zu. Er steht seit 10 Monaten im französischen Heere, ist Sergeant- Major, im übrigen Student in Toulouse. Ich zeigte ihm, um Vertrauen bei ihm zu erwecken, meine kleine Tesiloh und meine Tefilin, die ich stets bei mir trage. Er betrachtet beides sinnend, was er dabei dachte, kannte ich leicht erraten. „All dies hast Du verlassen, jetzt in dieser schweren Zeit bietet es doch solch großen Halt und Stütze." Er zeigte mir das Bild 'einer „amie", ein schönes Mädel mit jüdischem Typus in Rotekreuz-Uniform. Er bat mich, dochdafür zu sorgen, daß er noch diesen Abend auf einem Wagen fortgebracht würde in ein Hospital und ich mußte ihm die zwei Worte in Deutsch bcibringw „Wagen fahren", damit er es jedem, der sich mn ihn bekümmere, sagen könnte. Er bedauerte, daß er keim Deutsch gelernt hat, ich glaube nicht, daß es einen deutschen Studenten gibt, det nicht wenigstens gebrochen französisch sprechen kann. Ich konnte mich nicht weiter aufhalten und mich nicht mehr um ihn kümmern, mein Dienst verbot es mir. — Am Dienstag kam ^endlich. der erlösende Befehl, unser Regiment wird abgelüst durch frische Truppen, es war für uns die höchste Zeit, wrr hatten genug geleistet und Uebermenfchliches ertragen. Unsere Kehlen waren gänzlich ausgetrocknet, es war seit ein paar Tagen keine Flüssigkeit mehr zu beschaffen. Das Bild wird mir stets im Gedächtnis bleiben, wie uns zwei französische Verwundete anflehten, ihnen das dreckige Regenwasser aus Pfützen zu sammeln und wie sie es imt einer Gier tranken, als wäre es der beste Wein, den sie noch vor zwei Tagen in Fülle von ihrer Heeresleitung zu trinken bekamen. Wir schüttelten die Köpfe und dachten an die Psalmenworte: „Mo enausch ki siskerenu uwen odom ki sifkedenu", was ist der Mensch daß du seiner gedenkest, und der Erdensohn, daß Du oich seiner erinnerst. Das siel .einem auch jedesmal ein, als man die toten Offiziere.sah, die ernst im Glanz gelebt. Reich wie arm liegt auf dem Felde umher und kann vorher nicht bestattet werden, bis es wieder Ruhe gibt. Wenn man QUtfy bei alldem die Lebenslust nicht zu verlieren braucht,. es wird einem aber für das ganze Leben eine Warnung sein, nicht in Uebermutz. Stolz und Hochmut zu verfallen, wenn einem später s. G. w. wieder das Glück hold sein wird. Und das Wo»len wir, lieb Schwesterlein, hoffen und wünschen. Siehst Du, der liebe Gott hat meine Gebete in seiner großen Barmherzigkeit erhört und wird sie auch in Zukunft erhören. Wenn auch die vorderen Tage Sukkaus trübe und ernste Tage für mich waren, so konnte ich doch die letzten Tage zwar allein feiern, aber in Ruhestellung. Er ist halt und bleibt stets der „Gaule! am mipne Ehanschech wechauschech mipne aur". Er erschafft dre Finsternis, aber auch das Licht. Möge er uns stets die Finsternis vor dem Lichte hinweg toäljjeu und uns recht bald geläutert zurück führen zu All unseren Lieben und Freunden in die Heimat, dort wollen wir. dann die guten Vorsätze, die wir uns in ernstesten Stunden genommen, zur Ausführung und Verwirklichung bringen. Sei mit all den: guten Verwandten und Freunden recht herzlich gegrüßt und Du selbst geküßt von Deinem treuen Bruder M.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.