Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 55 (1915)
- Issue
- Heft 43 (14.10.1915)
- Date
- 1915-10-14
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Heuiüeton-Beilage zu Zit. 4(3 des „Hsraelu. 44 Feuilleton. Ser Spion. Eiire wahre Begebenheit. In stillem Frieden schlummerte das Städtchen, von der Mittagssonne mit fließendem Golde üvergossen. Bon den dunklen Waldhöhen an beiden Seiten des Ortes zog ein frisches Windchen durch die einsame Straße und streichelte sanft die wenigen Menschen, die gesenkten Hauptes und mit sorgenvollen Mienen still aneinander vorbeigingen, die in lustigem Gejohle vor den Haustüren herumtollenden Kinder, die Ziegen und Hühner, die in den Höfen in idyllischer Ruhe meckerten und gackerten. Das Städtchen schien sich um die großen Dinge in der Welt nicht im geringsten zu kümmern. Chajim Slatfchew faß hinter der Ladenbank in seinem Schnittwarengefchäft und sah, da die wenigen Kunden von seinem tapfern Weibe aufs beste bearbeitet wurden, angestrengt in sein kleines Taldmudbuch. Er konnte sich schon auf seine Channe verlassen, sie war, wie man im Städtchen sagte, „sprühendes Feuer" und besorgte Haus und Geschäft zugleich mit einer Energie und Gründlichkeit, daß ihrem Gatten Zeit und Sinn für seine Studien, genau wie vor seiner Verheiratung, freiblieben. Also feilschten die Bauernweiber um den Streifen Stoff, den ihnen Channe in all seinen Vorteilen unter vielen Schwüren demonstrierte, während Chajim ungestört weiter lernte. Ganz Plötzlich knallte in die geruhsame Stille der Straße ein ohrenbetäubender Schuß, dem andere rasch folgten. Chajim siel fast vor Schreck von der Bank. Bald sammelten sich mehrere Männer und Frauen vor seinem Laden. „Im Walde" . . . konstatierten die Leute, sich geheimnisvoll zuwinkend. Und einige Beherzte wagten sogar ein Paar Schritte weiter, dem dunklen Hügel zu, um vom ungewohnten Schauspiel aus sicher gedeckter Stellung etwas zu erspähen. Das Geknatter wuchs aber bald so mächtig an, daß auch die Mutigsten davon absahen, den Waldrand zu „besetzen." Man schloß die Geschäfte, verrammelte Türen und Fensterläden und die Straße war wie von einem Sturmwind rein gefegt. In dieser Nacht dachte keiner in den fest geschloffenen, dunklen Häusern ans Schlafen. Das dumpfe Krachen kam von allen Ecken und Enden, und wagte man einen. Blick durch einen Fensterspalt, so sah man einen feuerroten Himmel, als ständen alle Wälder und Dörfer weit und breit in hellen Flammen. Es war etwas Gräßliches in diesem erderschütternden Gedröhne der Nacht, das zugleich ton oben und unten und allen Himmelsrichtunzu kommen schien, ohne daß man, soweit das Auge reichte, nur ein Lebewesen erblicken konnte. Als sich in der ersten Morgenstunde Chajim Slatschew, der die Nacht, wie alle anderen, mit seinem tapferen Weibe und seinem fünfjährigen Sohne im Keller verbracht hatte, ein wenig her-- auswagte, da kamen gerade aus dem Walde die Deutschen in dichten Reihen heraus. Kräftige, schmucke, Bechern.' Er konnte kein Auge abwenj^n mto Ordnung, wuchtige Marschlieder singend, durch die Atraße zogen. Da kams aber plötzlich wie sanftes Windessausen und ein gewalnger Krach ertönte. Aus der Mitte der Gruppen schlugen Flammen hoch auf und mehrere Soldaten blieben liegen, umgeben von Männern, die sich um sie bemühten. Die anderen zogen dröhnenden Schrittes in rasch wieder geschlossenen Reihen weiter. Nur das Lied war in ihrem Munoe verstummt. Nun begann das Geknatter in nächster Nähe. In den Kellern unten wurde es lebendig. Hier, das wußten die Leute, war ihres Bleibens nicht mehr. Jetzt' hieß es, flüchten, sich aus dieser Hölle so gut es ging, hinausretten. In formlosen Haufen, aber doch in enger Fühlung miteinander, nahmen die Leute den wilden Laufmarsch auf. Die tapfere Channe hielt ihr Kind krampfhaft an der Hand und zog mir der anderen den Mann, der sinnend immer zurückblickte, nach sich. Da blieb Chajim plötzlich, wie von einer geheimen Macht gebannt, stehen. „Nicht werter", schrie er auf. „Wie solls denn werden, soll dort im Hause alles, alles verloren sein?" Channe wehrte mit der Hand ab und schluchzte still vor sich hin. „Ein ganzes Leben gearbeitet, sich gemüht und gesorgt und nun alles so dem Schicksal überlassen", konnte sich Chairn nicht beruhigen. „Komm nur mit", antworteten Andere im Bcrüberlaufen, „was ist da zu machen, wenn es dein Schöpfer oben so gefällt?" Aber Chajim beachtete die Worte nicht. „Ich gehe zurück", beharrte er, „ich muß meine heiligen Bücher retten." Und es half kein Reden noch Bitten. Chajiry schlug noch einmal den Weg zur „Hölle" ein, um seine heiligen Bücher zu retten. Schon sahen sich die Frauen, Männer und Kinder in ihrem Laufmarsche einige Kilometer vcm Städtchen entfernt, da trabten aus dem Walde russische Reiterscharen auf die Straße, die in wildem Galopp über die Felder sprengten. Wieder begann ein Krachen und Feuern von allen Seiten. Man sah von der Ferne die Flammen im Städtchen in die Höhe schießen. Als hätten es die '.Kanonen beider Parteien einzig auf die armen jüdischen Hänschen abgesehen. Ratlos stand die Gemeinde der Flüchtlinge mitten im freien Felde da. Jeder weitere Schritt bedeutet^ Lebensgefahr. Da setzten sie sich kurz entschlossen auf den Boden, gruben mit den Händen Löcher in den weichen Sandboden und saßen so, eng zusammengekauert wie eingeschüchterte Lämmer einer von Wölfen bedrängten Herde, in Erwartung des Todes oder der wundersamen göttlichen Hilfe. Hunderte junge Soldaten liefen indessen auerfeldein an der Gemeinde vorbei. Hier und da griff sich einer ans Herz, fiel hin und stand nicht mehr ans, andere irrten umher, wie in wildem Rausche, indem sie hinter sich im Sande lange Blutspuren zeichneten. „Was wird dort mit Chajim geschehen sein!" fragten sich die Leute besorgt und sahen voller Teilnahme auf die arme Channe, die Mit ihrem Kinde auf dem Arm angestrengt nach dem Städtchen Ausschau hielt. Aus ocn schwarzen Wäldern heraus entwickelte sich nun ein grauenvolles Bild vor den Augen der Flüchtlinge. Deutsche und Russen streßen aufeinander. Mit aufgepflanztem Bajonett rang Mann gegen Mann. Ein Schreien, Stechen, und Stöhnen begann, daß die Frauen in den Sandgruben ohnmächtig vor Schreck zu Boden fielen. Und auf der anderen Seite löste sich nun aus dem jungen Gehölz eine schmächtige Gestalt, die wie ein Schatten über das blutige Feld dahinhuschte. Chcyim! Slatschew mit einem Mitdel in der seiner Habe. Man sah vom Sandloche aus, wie er lief, sich alle paar Minuten zu Boden tvarf, wieder aufftand und dann weiter auf alleu Vieren kriechend sich einen Weg bahnte. Man gab iym Zeichen, man schrie ihm zu, man feuerte ihn zur Eile an. Ob er das alles sah und verstand? Ja, jetzt winkte er ganz merklich den Anderen zu. Er nahm die Richtung zur Grube. Er hatte sie entdeckt und war bald, der größten Gefahr entronnen, unter ihnen. Die Herzen der Geängstigten jubelten mitten in dieser gräßlichen Angst laut auf. Noch einige Minuten, noch einen Sprung über den Schlagbaum, über das Drahtnetz .... Doch was war das? Ein russischer Offizier schien den kriechenden Menschen mit dem geheimnisvollen Bündel unter dem Arm zu bemerken. „Erschießt den Spion!" ertönte ein kurzes Kommando. Und Chajim Slatschew lag unbeweglich in einer Blutlache, keine fünfzig Schritte von dem Raftorte seiner Gemeinde, seines Weibes und seines Kindes entfernt. Ein Zittern ging durch die Leute, die die eigne Gefahr gänzlich zu vergessen schienen N l lc s w a r um die oh nm ächtige Channe bemüht. — Der Kampf verzog sich. Aus den schwarzen Nadelwäldern strich der sanfte Wind über die rvtgefärbte Flur. Als die deutschen Sanitäter das Feld absuchten, fanden sie eine Gruppe von Juden, die um einen Toten beschäfttgt war. Es war schwer, die Bücher von der erstarrten Hand zu lösen. Sie wurden ihm mit in das Grab gegeben. Aus einem Feldpostbriefe. — — Es ist wie bei einem gewaltigen Tounergetöse, in dem des Menschen Stime demütig verstummen muß, denn das Ungeheuer, das uns alle im Felde jetzt umgibt, ist von solcher Art. daß unser winziges Lichtlein sich wie ein Flackern ausnimmt, sodaß es nicht einmal imstande ist. das Wenige an Kräften ruhig auszustrahlen. Wir fühlen unsere Nichtigkeit wie auf wildem brausendem Meer ein Nachen, der nichts als seine (eigene) Demut mit sich tragt und vielleicht die leise Hoffnung, daß er Zeuge werde jener Wundermacht, die auch aus aller Fährnis Rettung gibt. Ja, geliebte Eltern und liebe Geschwister, nie hat ein Ereignis so sehr die Nichtigkeit des Einzelnen, seine Bedeutung uns innerhalb des Ganzen gelehrt als dieser Krieg. Ich habe dies hier vielfach neu erlebt. Auch au' angenehmste Art, so, als wir jüdische Kameraden in St. Q. zusammentrafen. Es waren alte, liebe Bekennte, B. I. Aer, auch Von München her dabei. Auch Hn. G., mit dem ich zum zweitenmale znsammentras. Wir hatten in der französischen Kaserne Quartier bezogen und begannen, das v'v-Mahl uns zu bereiten. Keiner wußre vorher von dem anderen, aber jeder Einzelne hatte etwas herbeigebracht, sodaß die Teile sich ergänzen konnten und selbst der Kv)cher-Wein, der Honigavsel nicht aus dem Tische fehlte. Unvorhergesehen, entgegen Aller Erwartung, hatte sich vor unseren Augen ein Ganzes aufgetan. Wie da ein jeder wuchs, ihm die Freude über das Scherflein, das auch er hinzugesteuert, auf dem Gesicht geschrieben stand, das sah wie eine Verheißung ans und wird allen Beteiligten unvergeßlich bleiben. Ter Gottesdienst wurde in einem Kinotheater abgehalten, Tr. Levi's Ansprachen hinterließen bei jedem einen tiefen Eindruck, im Erholungsheim wurden sämtliche Alaun - schasten koscher verpflegt, kurz und gur, es war alles auss beste geordnet, sodaß jeder auch inneren Anteil daran nahm. Am zweiten Abend war ich pn, und konnte ich trotz meiner Aufgeregtheit einen angenehmen Eindruck bei den Zuhörern bemerken. Möge uns das neue Jahr Gutes bringen, vor allem uns bald wieder in Gesundheit und an Leib und Seele gestärkt zusammenführen. Es soll dann manches gegen früher besser werden. In Liebe Euer F. »i. -;r > i: