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Der Israelit · 1915-10-07 · Heft 42 (7.10.1915) · page 12

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Journal
Der Israelit
Volume
55 (1915)
Issue
Heft 42 (7.10.1915)
Date
1915-10-07
Page
– (sequence 12)
Language
German
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li I! % I § K l j£ ß; Feuilleton-Beilage zu Nr $2 des „)sraelit." FeuilLeto«. ^: > V Eine Heilige. E i n Bild aus der G e g e n w a r t. *} von S. Asch. Ueber die unwegbarcn Straßen ziehen sich in langen Reihen traurige Menschen hin: die Opfer des Krieges. Es gehen Juden mit zerrissenen Kleidern, ihren Sabbathhut aus dem Kopse, auf den Schultern und in den Händen ihre Habseligkeiten: das bekannte Bündel Bettwäsche in dem Leineilsack. Hier hat sich einer vergessen uni trägt in seinem Sack sein Sabbathkleid und das „Seidene" seiner Frau, und oben aus dem Sack schaut die neue Perrücke hervor. Ein anderer Jude hält zwei silberne Sabbathleuchter in der Hand, unter dem Arme einen Machsor — das hat er für die Kostbarkeiten gehalten, die er reiten mußte, als man ihn aus feiner Heimat gejagt hatte. Die größeren Knaben gehen neben ihren Vätern her. Viele von ihnen Helsen beim Tragen der Last — eines Päckchens Leder aus dem Laden, eines Bündels Ware. Doch die meisten von ihnen tragen die großen Folianten, den Talmud, die Bibel, die sie aus dem Bücherschrank ihres Vaters gerettet, als der Befehl erteilt wurde, im Verlaufe zweier Stunden das Städtchen zu räumen, und als man in der Eile nicht wußte, was zu retten. Die kleineren Kinder gehen mit ihren Müttern, halten sich an ihre Schürze oder helfen ihnen, die Säuglinge zu tragen. Am energischsten sind die Mädchen, die zehnjährigen, die achtjährigen und sogar die siebenjährigen: Sie vertreten die Mutterstelle an den ganz Kleinen, halten sie während des ganzen Weges und beruhigen sie mit dem Gesang ihrer Lieder. Unter den Frauen und Kindern geht auch Chajim Fischer. Das ist ein alter, müder Jude mit einem verbrannten Gesicht und lockigem Haar. Er trägt, wie die Frauen ein Kind, eine Thorarolle, die in einen Gebetmantel gehüllt ist. Sein Kind ist jedoch ein fremdes Waisenkind: Die Thorarolle hat der TilliM- Verein schreiben lassen. Er hält sie wie ein Kind, denn eine eigene Thorarolle besitzt er nicht. Er hat sich nicht dazu verstehen können, sie, wie die anderen es getan haben, auf den Wagen zu legen, sondern er geht mit den Weibern, die. ihre Kinder tragen und hält sein Heiligtum in den Händen. Und wenn man ihn fragt, „Chajim, wie geht es deinem Kinde?", da küßt er seine Thorarolle und erwidert: „gut". Unter der Gemeinde vor dem Wagen geht der Rabbi aus der Stadt, an seiner Seite der Dajan und der Borbeter. Der Rabbi ist wie ein einfacher Jude gekleidet in einen kurzen Bauernpelz. Sein einziges Oberkleid hat er abgelegt und damit die Thorarollen im Wagen bedeckt. Und da es auf dem langen Wege, den sie von ihrem Städtchen zu gehen haben, geschneit und geregnet hat, hat ihm Moses, der Fleischer, keirie Ruhe gelassen, bis er seinen Pelz genommen hatte. Der Bart des Rabbi zittert und die erschreckten jüdischen Augen, die aus dem edlen Gesicht blicken, scheinen die Sonne zu fragen: „Warum?" Mit Achtung und Mitleid schaut die Gemeinde auf ihren Rabbi, hoffte *) Aus dem Jüdischen. daß er ihnen sagt, weshalb und wie lang — doch der Rabbi schweigt. Als erster wendet sich an den Rabbi Salman, der Makler, der als der Frechste in der ganzen Stadt gilt. Auch hier hat er seine Art nickt verlernt und schreit iinn Rabbi herüber: „Rabbi, zuerst Brot für die Kinder" und der Rabbi erwidert: „Run, wir kommen jct zu Juden." Hinter dem Rabbi, in der Mitte der ganzen Gemeinde geht der Wagen, langsam, wie die heilige Lade, die die Inden aus dem Wege durch die Wüste geführt haben. Um den Wagen herum gehen die Vornehmsten aus dem Städtchen und helfen den Wagen ziehen: denn das „jüdische" Pferd des Kutschers Rothe, das einzige Pferd, das man die Inden hat mitnehmen lassen, ist schon ganz müde geworden. Sie tun es gern. Der Wagen ist ja mit Heiligtümern beladen, er ist bepackt "mit den Thorarollen aus allen Synagogen, Schulen, die es in dem Städtchen gibt, und diese wieder sind mit Gebekmänteln und den Thorakronen bedeckt. Bei den Thorarollen, in einer Ecke des Wagens, liegen auch die zwei Leichen — die beiden Kinder, die den langen Weg nicht überlebten, da sie die Schneegestöber und die Regengüsse nicht aushalten konnten. Dem Wagen folgen die Mütter der Toten, die Trauernden dem Sarge. In einer anderen Ecke des Wagens, abseits von den Leichen und von den Thorarollen liegt Aharon-Mosches Braut, den Kopf mit einem Tuch verdeckt,; denn seitdem ihr jenes Unglück geschah, seitdem man sie halbtot in dem Stalle unter den Pferden »gesunden hatte, in dem die Kosaken standen — seit jener Zeit will sie nicht mehr die lichte Sonne sehen und hält ihr Gesicht verdeckt ... Als man plötzlich die Juden aus dem Städtchen trieb, wußte man nicht, was mit dem Mädchen zu 'tvln sei. Denn von jenem Unglück ab lag Aharon-Mosches Braut im Bett, den Kopf in ein Tuch gewickelt, und ließ keinen zu sich. Der Rabbi selbst ist gekommen, hat das Mädchen ans seinen eigenen Händen auf den Wagen getragen und sie neben die Thorarollen gelegt. Und als einige angesehene Männer den Rabbi erstaunt anblickten, wie um zu sagen: „Sie zusammen mit den Heiligtümern!", da sprach der Rabbi leise, zum Dajan: „Auch sie gehört zu den Reinen und Heiligen und sie verdient es, neben den Heiligtümern zu liegen — denn sie ist eine jüdische Märtyrerin." Der Geist des weißen Rabbi. Auf dem belebten Sachsenplatz neben dem monumentalen Barockbau, in dem noch vor kurzem der rnssische Generalstab domizilierte und der heute der deutschen Kommandantur als Wohnstätte dient, hält eine große Schar von durchziehenden Gefangenen kurze Rast. Sie sind von vielen Neugierigen umringt, die die müden Russen mit Zigaretten, Brot und Obst bewirten. Einige versuchen es, mit den Gefangenen eine Unterhaltung cinzugehcn. „Was geht nur mit euch vor, Brüder?" fragt einer aus dem Publikum, halb mitleidig, halb höhnisch, „warum schlägt man euch denn so auf allen Schlachtfeldern?" Der Soldat, ein russischer Bauer mit braungebranntem, stupidem Gesichte, kaut abwesend rmd ruhig sein Brot und antwortet dann mit dem Fatalismus des gefangenen Russen, für den der Krieg abgetan ist: „Da ist nichts zu machen. Er, da oben^ führt selbst gegen uns Krieg." „Ruse nicht den Namen Gottes umsonst an", fällt ihm ein Kamerad, wie es scheint, aus der gebildeten oppositionellen Jugend, ins Wort. „An alldem sind nur unsere Offiziere schuld, unsere korrupte Beamtenschaft. Wir gemeinen Soldaten werden vor die Schlünde der Kanonen ge^ trieben, während sie selbst weit vom Schuß die großen Herren spielen und sich am Unglücke des Volkes bereichern." „Nein, es ist nicht das", ereiferte sich ein riesengroßer, vollbärtiger Soldat, der typische Bauer vom Wolgaufer. „Es liegt nicht daran. Schuld an all unserem Mißgeschick ist ganz allein der Gei st desalten Juden mit dem langen weißen Barte." „Was für ein Jude, was für ein Geist?", fragen mehrere Stimmen aus einmal. Der Soldat aus der Wolgagend schaut sich ganz erstaunt die Uingebung an, die vom alten. Juden mit dem weißen Bart nichts wissen sollte. Er und die Kameraden seiner Kompanie werden ja von diesem Geist begleitet und verfolgt, Ta^ lmö Nacht, unausgesetzt. „Das ist ein jüdischer Pope, ein Rabbi, wie man sagt", erzählt der Soldat. „Unsere Kosaken haben ihn ausgehängt, in der Judenkirche, mitten im Gottesdienste, vor den Augen aller Betenden, die in weiße Gebetmäntel gehüllt waren. Man sagt, er war ein heiliegr mann,. welcher sein Leben lang nur gebetet und in heiligen Büchern geforscht hat. Nun zieht sein Geist mit uns und jagt uns von Niederlage zu Niederlage." „Phantasiegebilde eines bösen Gewissens", konstatiert der Gebildete, der gegen die Obrigkeir raisonierte. Der Wolgaer Soldat versteht den gelehrten Ausdruck nicht und erzählt weiter: „Der Geist des Alten mit dem weißen Barte ist es, nicht die Deutschen, der uns all das angetan hat. Sein Schatten schwebt über unsere Stellungen und wo er sich zeigt, ist das Unglück schon da. Erblicken wir den weißen Bart, da wissen wir, daß uns nichts mehr Helsen wird. Ta ists am besten, die Waffen Hinwersen und fliehen. . . „Einer meiner Freunde", setzt der Soldat, nachdem er die zweite Brotkruste in Ruhe fertig gekaut hatte, fort, „hat in der Nacht vor der Schlacht bei Zichanow selbst gesehen, wie über mm Graben der Alte mit dem weißen Barte hin und her flog. Er fuhr mit der dürren knochigen Hand aus, als warf er alle Flüche des Himmels auf uns herab.. Am Morgen waren wir so geschlagen, daß mehr als die Hälfte unseres Regimentes getötet war, die übrigen liefen davon oder kamen in die Gefangenschaft, verfolgt vom weißen Barte, von der fluchenden Hand." Der Aufgeklärte, der darauf bestand, daß die Offiziere und Beamten die Schuld an den Niederlagen tragen, bemerkt dazu, als schäme er sich des Aberglaubens seiner Kameraden: „Sie haben sich ihn einmal in den KovL geatzt, den Geist des alten Juden, den sie umgebracht haben. Die Mär hat sich sogar auf alle anderen Regimenter übertragen. Auf der ganzen Front sieht man jetzt hoch in den Lüfter: den weißen Bart und die drohende, zum Fluche ausgeholte Hand des alten Rabbi. Die Angst vor diesem geheimnisvollen Feinde ist weit größer als die vor dem deutschen Angreifer. Biele Soldaten wurden schon wegen Verbreitens dieser verwirrenden Legende hart bestraft. Allein, es nützt nichts. Ter alte Rabbi mit dem weißen Barte wird noch so manche Gefangenengruppe über diesen Platz führen . . /'

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