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Der Israelit · 1915-09-16 · Heft 39 (16.9.1915) · page 11

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Journal
Der Israelit
Volume
55 (1915)
Issue
Heft 39 (16.9.1915)
Date
1915-09-16
Page
– (sequence 11)
Language
German
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Feuilleton-Beilage zu Nr. 39 öes „Israelit." Feuilleton. m /'-V, ^,Vr ■ ■ y- Das SochzeilSgeschenk. Von 2. ö. A. Die Landstraßen von Stanislau und Delatyn kreuzen in Nadworna. Bei dieser Kreuzung liegt zwischen einem luftigen Fichtenhain ein prächtiges Jagdschloß, das vom Oberkommando zu einer Krankenhaltestation umgewandelt wurde. Hier werden die Soldaten mit Erfrischungen und, wenn es notwendig ist, mit einem neuen Verband versehen. Früher wimmelte es im Schloß von verwundeten Soldaten. Jetzt sind kaum fünfundzwanzig Schwerkranke da, die noch nicht weiterbesördert werden können. Sie geben wenig zu tun. So ist es möglich, — erzählt ein Arzt im Pcsti Naplo — den großen Teil des Tages im Freien zu verleben. Bei meinem letzten Spaziergang begrüßt mich mein Diener, Johann S z o h 6, mit der Meldung, daß man 2500 Gefangene hier durchführen iverde und daß unter diesen sechs Kosaken seien. Schon aus der Ferne bemerkte ich, daß die Kosaken von den anderen Gefangenen abgesondert und durch eine besondere Wachmannschaft behütet wurden. Der eine Kosak hielt einen zweiarmigen Kandelaber in der fyanb uitb gab mit lebhafter Geste zu erkennen, daß er ihn verschachern wolle. Wer weiß, woher er ihn hatte, mit: er zu ihm kam? Ich war darauf neugierig und wollte es erfahren. Die schauerlichen Erinnerungen an Kosakengreuel stiegen in mir auf. Vielleicht ist auch dieses Exemplar hier eine Hyäne des Schlachtfeldes? . . . Auf meine Frage: wieviel er verlange, antwortete er mit einer Gegenfrage: wieviel ich denn dafür gebe? Ich zeigte ihm ein Silberkronenstück. — „Ad nye! Ja nye dam... Djeset Rubli" (Ach nein! Ich geb' es nicht... Um zehn Rubel.). Ich betrachtete genau den Kandelaber und merkte entsetzt darauf einige Tropfen getrockneten Bluts. Ich schrie aus. Der Kosak erschrak sichtlich und reichte mir ohne weiteres den Leuchter hin. Inzwischen versammelte sich eine ganze Menscheng^cuppe um mich, aus der auf einmal ein ganz weißer, sechzig bis siebzigjähriger Jude hervortauchte. Sein wallender Silberbart gab ihm patriarchalisches Aussehen. Sein Gesicht war fahl, fast kreidebleich. Mit zitternder Hand griff er nach meiner Rechten, während seine andere wie erstarrt auf den Kosaken deutete. Ein Tränenstrom entquoll seinen Augen; seine Lippen bebten; er war sichtlich tief ergriffen und konnte vor Aufregung kaum reden. Er bekam einen .Hustenkrampf, sein Blick blieb mit wildem Entsetzen auf dem Kosak haften und mit einem dumpfen Schrei wankte er Md stürzte bewußtlos zu Boden. Nach einigen Minuten kam er zu Bewußtsein. Mit aufgerissenen Augen blickte er um sich.; sein schmerzhafter Mick durchbohrte den Kosaken und mit wimmerndem Ton bat er mich, ihn zum Kommandanten zu begleiten. Ich erfüllte seinen Wunsch, führte ihn zuM Kommandanten und ließ ihn im Vorzimmer des Obersten warten. Jene Nacht verbrachte ich schlaflos. Immer schwebte mir die verzweifelte Figur des! unglücklichen greisen Galizianers vor Augen mit seinm nMden, wirren, aus dem LeLell M i# sehnenden Blick. Am Morgen trieb es mich hinauf zum Stabskommando. Ich wollte erfahren, was der arme Jude zu melden hatte. Nach kurzem Suchen fand ich folgendes Protokoll: „Es war Freitag Abend. Jede Jüdin pflegt an diesem Sabbathabend Licht zu deutschen, Kerzen anzuzünden. Meine Tochter Deborah, deren Mann im Kriege ist, befand sich mit ihrem kleinen Säugling bei mir. Meine Frau und sie zündeten die Schabboslichter an. Sie beteten dabei tiesergriffen. Eben schlossen Meine vier Kinder zu andächtigem Gebet die Augen, als einige Kosaken unangemeldet zu uns hereinstürzten. Ihr Führer forderte uns ohne Einleitung aus, ihm unsere Wertsachen und unser Geld zu geben, während zwei Kosaken alles, was sie dort sahen, in zwei große Säcke packten. Der eine griff zum Kandelaber, um ihn einzuftecken, da packte pzeine Frau aufschreiend den Leuchter. Es begann ein Ringen zwischen dem brutalen Soldaten und meiner Frau. Er wollte sich mit Gewalt den Gegenstand aneignen, der meiner armen Frau so fest ans Herz gewachsen war. Der Führer wollte mit einem Lanzenstich meine Frau töten, was ich nur dadurch^ daß ich mich dazwischen warf, hinderte. Ich flehte, warf mich aus die Erde, jammerte, daß ich gerne alles, alles hergeben wolle, wenn sie nur diese zwei Leuchter, dns Hochzeitsgeschenk meiner toten Mutter, eine alte Familienreliquie, dalassen wollten. Der Führer stimmte zu. Meine .Frau und die Kinder legten all ihren Schmuck zu einem Hausen. Aus die Frage, ob noch mehr da sei, war meine Antwort verneinend, woraus die Banditen den Sack auf den Rücken nahmen und unter einem Fluch grinsend davongingen. Nach wenigen Minuten kamen die Kosaken zurück. Sie forderten die zwei Leuchter. . Meine Frau warf.sich auf den Boden und beschützte mit ihrem Körper den letzten Fannlienschatz. Beim Handgemenge traf auch mich ein schwerer Hieb. Ich blutete am Kopfe, verlor mein Bewußtsein; als ich erwachte, waren mein Weib, meine verheiratete Tochter und die vier Kinder tot. Sie waren ermordet. Nur der Säugling wimmerte in der Wiege. Ich schwöre beim lebendigen Sott, daß ich in dem mir gezeigten Kosaken den einen Mörder meiner Kinder erkannte." „Bemerkung: Beweise fehlen. Unterschriften:-" Das Blut stieg mir in den Kopf. Aus dem dem Kosaken abgenommenen Kandelaber waren Blutstropfen! Ich eilte von dannen und nahm den Kandelaber zu mir. Bis ich wiederkehrte, fand ich den Oberst bereits im Amt. Ich gab ihm Meldung vom Kandelaber und bat ihn, den alten Juden zu verhören. Er ließ diesen rufen und daun auch den Kosaken Holm. Wie ein lebloser Schatten kam der bleiche Jude herangeschlichen. Auf Befragen gab er zur Antwort, daß der Kandelaber, an dem das Blut seiner unglücklichen Kinder klebte, zweiarmig sei und daß sich auf dem Schaft eine vergoloete Harfe mit Silbersaiten erhebe. Also genau wie der Leuchter, den ich beim Kosaken fand. Wir nahmen den Kandelaber und zeigten ihn dem Alten. Man brauchte nicht mehr zu fragen, ob er sein sei; zuckender brmnender Schmerz glühte in seinem Tone, er packte den Leuchter, preßte ihn ans Herz, an die Lippe; küßte ihn und weinte bitterlich.... Auch der Oberst war von dieser Szene in tiefster Seele ergriffen. Der Kosak erblaßte und blickte stupid vor sich hin. Auf die Frage des Obersten gestand er, daß der andere Leuchter beim anderen Kosaken, der mit ihm gefangen wurde, sei. Er habe ihn im Brotsack. Er wurde also geholt und der Kandelaber kam zum Vorschein. r Der Oberst übergab dem alten Mann seinen Schatz: „Hier haben Sie, unglücklicher Greis, ihre Leuchter. Die Kosaken werden ihrer wohlverdienten Strafe zugeführt werden. Sie föhnen gehen." Der arme Jude dankte ergriffen und wmdete sich zu mir: „Sind Sie verheiratet?" „Noch nicht." „Lebt Ihre Mutter?" „Ja." „Mein Weib und meine Kinder sind ermordet-. Ich habe Keinen auf der Welt. Ich bin sehr alt. Es ist keiner da, der mir am Schabbosabend Licht deutschen soll, der mein trauriges Leben hell macht. Nehmen Sie diese Leuchter. Den einen für Ihre alte Mutter, den anderen als Hochzeitsgeschenk für Ihre künftige Braut. Zünden Sie sie für mich an." Er küßte noch einmal die Schabboslenchter. Eine schwere Träne rollte von der Harfe auf den Schuft zum Blutstropfen. Dqnn huschte er wie ein Schatten dahin. Aus einem Keldpofibnef. —' — Einen klassischen Beweis harmonischen Zusammenlebtns gab heute der allgemein beliebte Regimentshornist. Feldwebel Josef Melber aus Raab. In unserem Dorfe weilt jetzt eine ganze Menge geflüchteter Familien, die vor dem tobenden Kamps, der in ihrer Heimat wütete, hierher geflohen sind. Sie leben in unbeschreiblicher Not. Die Aussichtslosigkeit ihrer Zukunft, da die russischen Horden ihr Haus und Hab zu Asche brannten, machte ihre Lage noch verzweifelter. Sie vegetieren von dem Bermitrlungshandel. Ihr Verdienst besteht aus den paar Groschen, die sic für Süßigkeiten und Erquickungen von den Lotdaten dekommen. Die Konkurrenz ist auch da schon so groß, daß sre kaum noch etwas erübrigen können. Zwischen ihnen lebt Frau Ger schon Jäger, jugendliche Witttoe eines W.... Einwohners mit ihren drei kleinen Waisen. Sie kam vor zwei Wochen. Ihr Elend ist größer, als das der übrigen. Die Unglücklichen wrgten gemeinsam für ihre Existenz und retteten sie vor dem Hungertod. Ihr Mann wurde vor 15 Tagen von einer russischen Kugel niedergestreckt. Das kam Er lebte, während der Rnfsenmvasion mit Weib und Kind in einem dumpfen Keller verborgen. Da wollte er eines Tages vom Keller in den Garten schleichen, um etwas Lebensmittel zu holen, und wurde niedergeknallt. Das Dorf kam in die feindliche Schwarmlinie und Rabbi Gerschon lag vier Tage ««beerdigt. Ein Bauern bursche begrub ihn für einige Kreuzer. Inzwischen flüchtete seine unglückliche Witwe ins Dorf und gebar vor acht Tagen ein Knäblein. Heute war der Brismilotag des Kindes. Die Festgäste waren einige polnische Juden und zwanzig jüdische Soldaten. Nack der Beschneidnng veranstaltete ich eine Sammlung bei den Kameraden. Da trat genannter Hornist Melber, ein Christ, hervor, bot sich an, der Vormund des Kindes zu sein und gab mir sofort 100 Kronen für die unglückliche Mutter mit der Versicherung, Zeit seines Lebens für das Kind und dessen Mutter Sorge tragen zu wollen. Diese tiefmenschliche Tat rührte uns sehr; wir hoben ihn aus unsere Schultern. Ich dankte im Namen der Familie und stellte dann den Antrag, daß das Kind einen Doppelnamen bekomme. Den seines Vaters Gerschon und den seines Vormundes. Es heißt auch wirklich: Gerschon Josef, so wars auch im Mischeberach zum Ausdruck gelangt. Un'ere Stimmung wurde gehoben. Wir fühlten etwas lme heilig stille Glückseligkeit, die unsere Seele erfüllte und fröhlich stimmte. Die Juden aus der Nachbc -'chrtt hörten diesen Vorgang und schlichen zu uns herüber. Jeder brachte etwas als Festesgabe unter dem Kaftan: Hering, Schnaps, Brot, Obst. Zucker, Zigaretten, Sardinen. Das alles gab eine ^,Sudos Mizwa", wie sie diese Gegend so bald nicht gesehen hat. Kaftan und Waffenrock schmolzen in harmonischer Farbenpracht bei frohem Mahl zusammen. Die Luft erschallte von den Klängen lieblicher Weisen. Eljen, L'chajim, Hoch und Dajbosche donnerten zum Himmel. Bis in die tiefe Nacht währte die freudige Stimmung, von der die unglücklichen Flüchtlinge noch ein Stück zu ihren Familien hinüberretteten. Wenn einst die Tage der Leiden und der Qualen verrauscht sein und die armen Leute friedlich still bei ihrem Tische sitzen werden, wird am Mauze Schabos.. bei Melawe Malte von den Lippen der Väter eine neue wunderliche Geschichte erklingen vom kleinen Gerschon Jo fiele und seinem Gevatter RegimeEtzornijr Joreß Melber.

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