Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 55 (1915)
- Issue
- Heft 36 (26.8.1915)
- Date
- 1915-08-26
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Feuilleton-Beilage zu Nr. 36 des „Israelit." Feuttletorr. MD" Die Kriegsgeschichten des alten Mscheh Gerson. Nacherzählt von 21. M. (Fortsetzung.) „Komme soeben vom Abendessen im Löwen," sagte er dann, indem er sichs in der Sofa-Ecke bequem machte, „und hatte, offen gestanden, den Wunsch, jetzt auch Ihren Vater hier zu teffen. Bekam gerade Lust, ein wenig mit ihm zu plaudern. Man kann mit ihm reden, das Hab' ich wohl gemerkt, gleich am ersten Tage!" Dina hatte dem Leutenanr gegenüber auf einem der hölzernen Lehnstühle Platz genommen. Es war ihr eigentümlich zu Mute, da sie ihn zum ersten Male hier in der Wohnstube sah, noch dazu jetzt, am Freitag-Abend, wo die Berches auflagen und die Lichtchen brannten, die er jetzt fragenden Auges betrachtete. „Was hat denn dies zu bedeuten?" sagte er. „Das sind die Sabbatlichter," antworte Dina, „sie versinnbildlichen den Frieden des Hauses, dr.r mit jedem Sabbat auf's Neue seinen Einzug hält." Sie hatte den Leutnant angesehen, während sie das sagte. Sie mußte an den gestörten Frieden ihrer Seele denken und senkte das Auge. Jetzt hätte sie weinen mögen. „Eine schöne Sitte", sagte Bettendorf, der ihre Verlegenheit wohl merkte, „es ist wahr: Wo Licht ist, da ist Frieden"! Er wollte sie trösten mit diesem Wort und ausmuntern. Allein es schien ihm nicht zu gelingen/ denn Dina wagte nicht, den Blick von der Tischdecke zu erheben, aus welche sie hernieder sah, mit einem Eifer, als wollte sie die Fäden des Gewebes zählen. Das war eine schlimme, ahnungsvolle Pause, die da eingetreten war und wer weiß, was jetzt geschehen wäre, wenn sich nicht eben mit einem eiligen Ruck die Haustüre geöffnet und ein schneller Schritt sich der Treppe nach oben zugewandt hätte. „Das gilt mir", fuhr der Leutnant empor und riß die Türe auf. „Heda, was los"? rief er hinaus. Ein Gemeiner, der einen Brief in der Hand hielt, stand stramm und sagte: „Zu Befehl Herr Leutnant, der Herr Hauptmann schickt dies"! Zögernd, von einer trüben Ahnung ergriffen, öffnete Bettendorf das Kouvert. Er glaubte bereits zu wissen, was ihm bevorstand - und in der Tat, da stand's, schwarz auf weiß und er erblaßte, während er es las. Die Truppe soll sich zum Abmarsch bereit halten — der Feind marschiere auf die Kreisstadt T. zu, seine Vorposten sind bereits bis zu dem benachbarten W. vorgeschoben. — Es ist alles bereit zu halten — da jeden Augenblick — womöglich auch erst nach 1—2 Tagen der Aufbruch nötig werden kann. — Bettendorf hatte gelesen. Während dessen war es Dina nicht entgangen, wie alles Blut aus seinen Wangen gewichen war und wie trostlos er jetzt dretnschaute und mit welch' verzweifelter Geberde er die Hand mit dem Briefe herabsinken ließ. „Darf ich wissen, was passiert ist"? fragte Dina schüchtern. „Nichts, garnichts", erwiderte er, „der Feind ist in Sicht und wir sollen uns bereit halten"! Seine ganze Trostlosigkeit sprach sich in diesen Worten aus. Wie er sie vor sich hin sprach, mit müder Stimme, in der so gar kein Schwung, so gar keine Hoffnung lag. Da gab es Dina einen Stich ins Herz. Ihr schwindelte. Der Schein der Sabbatlichter verschwamm vor ihren Augen — ohnmächtig, willenlos sank ihr das Haupt zurück und dann mit einem schweren, dumpfen Ton auf den Arm, der auf dem Tische lag. Bettendorf sah es. „Dina"! Er hatte den Kopf erhoben und sagte es weich und flehend. Sie zuckte auf. Wie im Traum hob sie das Haupt von ihrem Arme empor und schaute ihm starr in das Antlitz. „Dina", sagte er noch einmal, „soll denn das Alles nur ein Traum gewesen sein"? Er hielt ihre Hände fest, die sich ihm entgegengestreckt hatten, als wollten sie ihn von der Erde emporheben. „Dina", sagte er, „wie glücklich bin ich, daß ich Ihre Hände in den meinen halte — daß ich sie drücken darf nach Herzenslust-Dina", fuhr er, sich leicht besinnend, fort, „ich habe vorhin gesagt: Wo Licht ist, da ist Frieden- Ihre haben mir bie# wahre Wort auf die Zunge gelegt — und nun sehen Sie, aus meiner Seele ist der Friede entflohen, seit ich Sie, geliebte Dina, erblickt, sie hat nicht Ruhe, bei Tag noch bei Nacht — und wissen Sie, weßhalb, Dina? Weil ihr das Licht fehlt — weil die Trübsal banger Zweifel, weil das Wolkendüster der Furcht in ihr wohnt-o Dina, verscheuchen Sie mir die Trübsal und zerreißen Sie das Wolkendüster, durch das strahlende Licht eines kurzen Wortes — — Dina, wollen Sie mir den Frieden geben?- wollen Sie die meine sein-—"? Dina befand sich in tätlicher Verlegenheit. Sie war erwacht, allmählich, während er sprach, zum vollen Bewußtsein dessen, was vor und mit ihr geschah. In ihrer Seele kämpfte ein unsagbar süßes Gefühl mit dem Schrecken über das Plötzliche und Unheilvolle dieses Ereigniffes. Ein Mann vor ihr auf den Knieen, ein Mann, der ihre Hand verlangte! Und was für ein Mann! Einer, dessen stolzer Ritterlichkeit ihr Herz entgegrnschlug, seitdem sie den ersten Blick in seine Äugen getan und von dem sie sich nun durch die Gewalt der Verhältnisse so fern, so weltenfern wußte, wie der Osten vom Westen, sie die unbekannte Dorfjüdin von ihm, dem glänzenden, christlichen Offizier-1 Das alles ging wie ein Blitz durch ihren Sinn, während der Leutnant sprach. Mit stockendem Atem hörte sie ihn an — — der Entschluß reifte in ihr, ihm nicht alles zu nehmen, ihn durch ihr Wort wenigstens über ihre eigenen Gefühlen aufzuklären. Und so senkte sie, als er geendet hatte, das Haupt und sagte leise: „Wie könnte ich"? „Weshalb können Sie nicht", rief er, „wenn Sie nur wollen! Und Sie wollen, das weiß ich, wie ich mein eigenes Leben fühle"! „Mein Vater — —" erwiderte sie mit starker Betonung. Er ließ ihre Hände los und erhob sich. Ja, ihr Vater! In dem Ueberschwall seiner Gefühle hatte er daran völlig vergessen. Gleichwie die Sonne durch die Wolken dringt, stolz und sieghaft, so war der selige Liebeslauf auf seine Lippen getreten, durch alle Wolken hindurch, fragend, aber mit der Sicherheit des Sieges. — -Und nun, der Vater-! „Also kein Friede", sagte der Leutnant düster, wieder von der ganzen Trostlosigkeit seiner Lage übermannt und zögernd, aber doch mit einem gewissen festen Entschlüsse, der das Gepräge der Wahrhaftigkeit seines Wortes markierte, setzte er hinzu: „Nun, so wird hoffentlich die Trompete zum Kampfe rufen und mir der Friede von anderswo kommen —- Ein Schrei, ein herzerschütternder Schrei;-! „Gehen Sie nicht hinaus" — flehte Dina. stammelnd, ihrer selbst nicht me)r mächtig — — „o-was wird aus mir-wenn Sie" von dannen gehen-Sie werden mich uüt -! — ich ertrag' es nicht-allein -v- — verlassen-Sie im Herzen-"! - Da drang ein Laut des Entzückens von seinen Lippen, stürmisch zog er die zitternde, holde Gestalt zu sich empor. Und sie willenlos erdentrückt wehrte ihm nicht, als er seine Lippen auf die ihren senkte-. Horch! — — was war das? — ein fester Schritt-der Vater!-Verwirrt, das Antlitz mit Glut übergossen, entwand sich Dina den Armen Bettendorf's und floh zum Tisch hin, wo sie sich an den Gedecken zu schaffen machte.-Da hatte auch schon David Rosenstock die Türe geöffnet und blickte erstaunt de!-. Leutnant an. David Rosenstock erkannte sofort, daß in seiner Stube etwas vorgegangen war. Aber was? Rosenstock war andererseits nicht argwöhnisch genug, um die volle Wahrheit zu ahnen. Er schwieg nicht lange. „Gut Schabbos", sagte er, zu Dina gewendet, die sich immer noch mit den Tellern und den Bestecken beschäftigte. Leise erwiderte sie den Gruß des Vaters. „Guten Abend, Herr Leutnant", wandte sich Rosenstock dann zu Bettendorf. „Na, nun geht's bald los, Hab' ich gehört"? „Jawohl", lautete die Antwort. Wieder eine Pause. Rosenstock nahm seinen Hut ab und setzte sich sein rundes Käppchen auf. Unterdessen war Dina nach der Küche geeilt, froh, einen Vorwand. gefunden zu haben, um sich den zwar verwunderten, aber ahnungslosen Blicken des Vaters, die ihr wie Feuer auf der Seele brannten, zu entziehen. Zn Bettendorf war inzwischen blitzschnell der Gedanke erwacht, dem Alten alles zu gestehen, ihm die Sache plausibel zu machen. Die Liebe wagt alles-ein Strohhalm, an den sie sich klammern kann, ist ihr Hoffnung genug — aber ohne Hoffnung muß sie verzweifeln! „Nehmen Sie doch Platz, Herr Leutnant", sagte Rosenstock endlich, „und entschuldigen Sie mich noch einen Augenblick"! Rosenstock nahm seinen Siddur vom Regal und verrichtete sein Sabbat-Gebet. Als er geendet und das Buch wieder zurückgestellt hatte, setzte er sich behaglich in die Sophaecke, indem er immer noch verwundert genug den Leutnant anfchaute. Der war stehen geblieben und begann nun fest und entschlossen: „Herr Rosenstock, wundern Sie sich nicht, daß Sie mich heute hier in Ihrer eigenen Behausung sehen. Das hat seinen guten Grund" -. Das Herz begann ihm doch zu pochen und er stockte. Der ahnungslose Blick Rosenstock's verwirrte ihn, und wenn er daran dachte, welchen Schmerz er jetzt dem Alten zuzufügen im Begriffe war, schauderte ihm vor tiefem Weh? Allein, was half's? „Halt' die Hoffnung fest"! rief es in seiner Brust. (Fortsetzung folgt.) - - ■ - _ , j