Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 55 (1915)
- Issue
- Heft 35 (19.8.1915)
- Date
- 1915-08-19
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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// // Vt - -'Tfeuillrtou. Die Kriegsgeschichten des alten Mfcheh Gerfon. Nacherzählt von A. M. (Fortsetzung.) „Nun ja," erwiederte der Leutenant, „etwas anderes tun wir ja auch nicht. Ohne Kampf kein Sieg! Uebrigens brauchen Sie nicht zu glauben, daß uns dieser Krieg so besonderes Vergnügen bereitet, dieser Krieg, in welchem die Feinde so nahestehen. Sehen Sie, ich habe da einen intimen Freund, einen Vetter von mir, Mit dem ich in Heilbronn zusammen ausgewachsen bin. Er besuchte mit mir die dortige Schule und wir waren wie Brüder. Seine Ellern lebten in einem kleinen Ort in der Nähe von Halberstadt und hatten ihn nach Heilbronn auf die Schule geschickt, weil die Gelegenheit, den Knaben bei dem Onkel, meinem seligen Vater, unterzubringen, eine sehr günstige war. Jetzt steht er im preußischen Heere, der Fritz Vorwerk»- und wer weiß, ob wir, die wir für einander das Leben lasten würden, nicht Auge in Auge gegen einander kämpfen müsten! Ja, Sie haben Recht Herr Rosenstock, traurig ist der Krttg, sehr traurig —{' Der Leutenant war bereits, während er diese Worte sprach, ausgestanden und an das Fenster getreten. Er schien, wahrend er die letzten Worte wie im Traume vor sich hinsprach, den Hühnern auf dem Hose zuzuschauen, denen Dina eben Futter vorstreute. Als ob er sich freute, ein anderes Thema zu finden, sagte er: . „Ihr habt da eine liebe Tochter, Herr Rosenftock!" „Sie ist mein Alles," erwiederte dieser, „seit meine selige Frau tot ist, sucht sie mit aller Kraft dte Mutter zu ersetzen. Und sie ist brav, Herr Leutenant, sehr brav — Es schlug 12 Uhr vom nahen Kirchturm. „Schon so spät?" fuhr der Leutenant auf, „um 12 Uhr muß ich ja zum Appell." Rosenstock hatte auch schon die Türklinke in der Hand. Es war nur ein kurzer Gruß, den Bettendorf dem Davoneilenden erwiederte. Er schien die letzten Worte des Alten nicht mehr zu hören. Er schnallte sich den Säbel um und begab sich dann langsamen Schrittes auf die Straße, nach dem Ktrchplatze, wo seine Truppe bereits in Reih' und Glied stand. Der Premterleutenant Bettendorf kam der schönen Dina nicht mehr aus dem Sinn. Mit einer unnennbaren Sehnsucht harrte sie Tag für Tag der Stunde entgegen, da ihr gestattet war, ihm das Frühstück auf die Stube zu bringen. Da konnte sie ihn doch sehen, konnte ihm in dte treuen Augen blicken, konnte seine ritterlich hohe Gestalt, sein männlichstolzes Wort bewundern. Es waren herrliche Augenblicke für Dina. An jedem Morgen zo j er sie ins Gespräch. Was ha für Fragen verhandelt wurden! Nun, man konnte mit Dina über Alles und Jedes reden. Sie hatte viel gelesen und wenn auch ihre Erfahrungen in dem engen Rahmen eines ereignislosen Dorflebens keine allzutiefen waren, so lebte sie um so mehr um sich selbst. Besonders seit dem Tode der Mutter hatte dieses Seelenleben sich erweitert und vertieft, zumal seitdem auch der Vater schweigsamer geworden war und nicht mehr wie früher aus seinen Jugendjahren erzählte, von Rabbi Gedalje Metz und seiner Gelehrsamkeit, von den Wundertaten des Michel, städter Baalschem und Aehnliches mehr. Der Leutenant seinerseits hatte Gelegenheit, das Mädchen, welches nun seinen Weg kreuzte, Tag für Tag mehr zu' bewundern. Ihr Blick für das Schöne, ihr Urteil über das - Wahre und Gute, das sie mit dem Instinkte eines reinen Menschen fällte, setzten ihn in Erstaunen. Selbst religiöse Fragen, in denen er, wie wir wohl nach der Unterhaltung mit dem alten Rosenstock ersahen, ganz gut Bescheid wußte, behandelte Dina mit s^ viel Takt, so viel Gemüt und dabet doch voll inniger Duldsamkeit. Mit schwärmerischer Liebe hing sie an der Religion ihrer Väter. Sie kannte all' die zahllosen, oft so traurigen Wechselfälle in der Geschichte ihres Stammes und schilderte dem christlichen Offizier mit bewegter Stimme manche trübe Zeit aus vergangenen Jahrhunderten! Und wie reizend sie manche kleine Episode, manche Sage und manches Gleichnis zu erzählen wußte, deren sie sich aus der Lektüre des von der Mutter hinterlaffenen „Zeeno ureno"zu entsinnen wußte. Was soll ich euch sagen? Nach acht Tagen bereits hatte sich bei den Zweien ein gegenseitiges Verhältnis herausgebildet, welches nur noch des erklärenden Wortes bedurfte, um ein regelrechtes Liebesverhältnis darzustellen. Daß dieses erklärende Wort noch nicht gefallen war, darf uns nicht wundern. Sie getrauten sich vor einander nicht. In Dina begann doch allmählich das Verfängliche und Gefährliche des Spieles, das sie trieb, aufzudämmern. Allein, es stand ihr Niemand zur Seite, der sie hätte mahnen und warnen und die Zweifel und Bedenken in ihr hätte befestigen können. Sie war sich selbst und der gesuchten Nähe des fremden Mannes überlassen- und so gewannen die Bedenket: in ihr keineswegs die Oberhand, sondern wurden erstickt und überwunden von der unsäglichen Süßigkeit jeder einzelnen Minute, in der sie ihm gegenübersaß. Gleichwohl jedoch saß auf dem Grunde ihres Herzens ein gelindes Grauen vor dem, was kommen mußte. — Dina war zwar bestrebt, diese leisen Stimmen zum Schweigen zu bringen, allein, es gelang ihr nicht, und so kam in all' ihren Worten, wie in all' ihrem Tun gegenüber dem Leutenant eine scheue Zurückhaltung zum Ausdruck, die wieder den Leutenant selbst nur noch mehr entflammte. Allein in ihm waren die Bedenken noch tiefer und noch schwerwiegender. Einerseits fühlte er es deutlich genug, daß ihn das Mädchen völlig gefangen nahm,- er vormochte keinen anderen Gedanken mehr zu fassen, als den an sie- Tag und Nacht, wo er ging und stand, schwebte ihr Bild vor seinen Augen, und wenn es auch infolge des unerbittlichen Dienstes täglich nur eine kurze Stunde war, in der er sich das Herz volltrinken konnte von Dina's süßem Anblick, so gewährte es ihm doch schon eine unnennbare Befriedigung, die Luft desselben Hauses mit ihr zu atmen, unter einem und demselben Dache mit ihr zu wohnen-. Und dann loderte es oft wie eine heiße verzehrende Glut in ihm auf, wenn er an alle die Hinderniffe dachte, welche seinen Wünschen im Wege standen. Ueber das Eine war er sich klar, daß nämlich diese Liebe wahr und echt sei, nicht, entfernt zu vergleichen mit all' den leichten und seichten Tändeleien, die er sonst wohl zuweilen angeknüpft hatte. Bettendorf war ehrlich genug, für seine Liebe das ihm einzig taugliche Ziel zu suchen.- Er begehrte Ding zum Weibe. „Und dein Dienst, und deine Kameraden, und deine Vorgesetzten, wie werden die es aufnehmen?" So klang es in ihm. Er wußte es sehr wohl, daß sie ihn höhnen würden, ja daß ec seiner ganzen Karriere verlustig gehen könne. Ein Leutenant, der sich mit einem Judemädchen aus dem Quartier verlobt, allen Ernstes verlobt, das kannte es nicht geben, das hätte er selbst bis vor Kurzem nicht möglich gehalten und belacht, und nun, nun war es da, greifbar, deutlich, und wer war dieser Leutenant, dieser Wundermensch? — — Er selbst war's! Und dann Dina selbst! War er ihrer so sicher? Er kannte die Liebe, mit der sie an der Religion ihrer Vater hing: Würde sie ihm, dem Christen, die Hand zur Ehe reichen? Und wird nicht der alte Rosenstock sein strenges Veto etnlegen? Und darf er das Gastrecht so verletzen, dem Manne, der ihn beherbegt und bewirtet, sein Einziges auf Erden, sein „Alles", wie er Dina genannt hatte, hinterlistiger Weise zu rauben? Was Wunder also, daß auch der Leutenant zurückhaltender wurde und das, was er so sehnsüchtig herbeiwünschte, doch auch wieder mit einer gew.ssrn ängstlichen Sorgfalt zu vermeiden suchte. So standen die Dinge, als endlich ein bestimmtes Ereignis fördernd in ihren Lauf eingriff. Es war an einem Freitag-Abend, dem vier» ten, seitdem dte Einquartierung im Dorfe lag. Dina hatte eben die Tefilla, aus welcher sie das Abendgebet verrichtet, auf den Deckel geküßt und in das kleine Regal, das an der Wand hing, zu den übrigen heiligen Büchern zurückgestellt. Es sah am Freitag-Abend still und traulich aus in der Wohnstube David Rosenstocks. Ein schneeweißes Lmnen bedeckte den kreisrunden Tisch, der vor einem Sofa mit schwarzem Lederbezug stand. Zwei Gedecke waren säuberlich aufgelegt, auf deren einem die mohnbestreuten Berches, von einem rotsammtenen Tüchlein bedeckt, friedlich nebeneinander lagen. Von der Decke hing mttten über dem Tisch die sechsarmige Sabbatlampe herab, deren Messingglieder im Glanze der kleinen Lichtlein freundlich strahlten. Dina war allein zu Hause, der Vater eben zur Synagoge gegangen. Mancherlei Gedanken zogen dem Mädchen durch den Sinn. Sie gedachte der sonstigen Freitag-Abende, die sie, allein mit dem Vater, so still und friedlich verbracht. Jetzt war es anders, ach, ganz anders! Jetzt war der Sturm in ihr Inneres gekehrt und wühlte seine Tiefen auf. Der fremde Mann hatte ihr die Ruhe geraubt, und wie jetzt da oben die kleinen Sabbtlichter, so zitterte und flackerte ihre Seele hin und her, bald von seliger Hoffnung erfüllt, bald verzagend in einsamer Traurigkeit. Das Geräusch der sich öffnenden Haustüre schreckte Dina aus ihren Träumen empor-- der Vater konnte das noch nicht sein-- also wohl er — nun, er wird wohl nach oben gehen, in die Wohnstube seines Wirtes war er bis jetzt noch nicht getreten-dock nein — sein Schritt stockt — — er klopft! Dina schlug das Herz zum Zerspringen. Kaum hatte sie Kraft, „Herein" zu rufenda stand er schon im Rahmen der Türe, schlank und groß, in seiner ganzen ritterlichen Schönheit! Er grüßte freundlich, die Türe hinter sich schließend und nähertretend. „Ganz allein? fragte er, das wußt ich nicht und dacht' es auch nicht!" „Vater ist zur Synagoge, der Sabbat geht jetzt andoch wollen Sie nicht Platz nehmen?" Sie rückte den Tisch ein wenig zur Sette, um Bettendorf den Weg zum Sofa frei zu machen. (Fortsetzung folgt.) c , -; .... , . ■ . tiiff.i«1 ii‘if'urrtt’Vr 'uft i *rMv '