Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 55 (1915)
- Issue
- Heft 35 (19.8.1915)
- Date
- 1915-08-19
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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19 August 1915. Der Tod der iüdifchen Presse in Rufiland. Kopeu-agen, 9. August. Aus Petersburg wird der „Jüdisch. Volkszettung" u. a. geschrieben: Einen entsetzlichen Eindruck machten hier die telegraphischen Berichte aus Warschau, Odesta und Wilna vom Verbote der dortigen jüdischen Zeitungen. Rußland hat von heute ab kein jüdisches Organ mehr, das der Juden Ehre verteidigen und deren Not in die Welt hinausschreien könnte. Die Massen des Volkes in den jüdischen Zentren lesen nur Jargon. Sie werden nun in völliger Unwissenheit und Unkenntnis der Dinge um sie her verharren müssen. Offen sind bis dahin die Gründe der Militärbehörde für diese unsinnige Maßregel nicht bekannt gegeben worden. Es läßt sich aber vermuten, daß sie eine Krönung jenes Systems ist, bas darauf hinaus ist, alle Juden als Verräter hinzustellen, deren Presse nur von schädlicher Wirkung sein könne. Dabet unterlagen schon die jüdischere Zeitungen einer Zensur, die ihr inneres Lebenslicht ausblies, bevor noch der offizielle Ukas die Redaktionen schloß. Die polnische Hetze gegen das jüdische „Deutsch" hat wieder einmal ihre Früchte gezeitigt. Ein neuer russischer Sieg. gvankvüUtj. Die Leiden der russischen Juden in Frankreich. Kopenhagen- 10. August. Die sehr gut informierte „Jüdische Volkszeitung" fährt fort, ganz unglaubliche Tatsachen über die Behandlung, man darf schon sagen die Verfolgung der russischen Juden in der freien Republik Frankreich, zu bringen. Bor wenigen Tagen sind im New Aorker Hafen 160 Juden angelangt, die alle aus Frankreich ausgewiesen wurden. Sie erzählen, daß der größte Teil der jüdischen Kolonie in Paris, die sich auf 10000 Seelen bezifferte, nach Spanien ging oder, sofern die Mittel reichten, nach Amerika ausgewandert ist. Alle wehrfähigen russischen Juden werden in Frankreich andauernd zur Polizei beordert und vor die Alternative gestellt, entweder nach Rußland zurückzukehren, oder in die französische Armee einzutreten. Man sagte ihnen, die Pariser Frauen, die ihre Männer und Brüder verloren, würden die Behörden mit Bittschriften überfluten, diese Ausländer, die sich unbehelligt in den Straßen bewegen, ihnen aus den Augen zu schaffen. Die Wahrheit ist aber, daß der russische Botschafter dahinter steckt und die Pariser Polizeibehörden zu diesem Schritte förmlich zwingt. 4000 jüdische Jünglinge haben, mehr der Not als dem eigenen Triebe gehorchend, sich zu einer Jüdischen Legion vereinigt, deren tragisches Ende bekannt ist. Die Legion wurde ins erste Feuer geschickt und es dürfte von ihr kein einziger mehr am Leben sein. Andere schlossen sich der Fremdenlegion an, wo sie als Juden sich eine unerhörte grausame Behandlung gefallen lassen müssen. Anfang Juli, als die Leiden der jüdischen „Freiwilligen" in der Fremdenlegion bis zur Unerträglichkeit stiegen, überreichten diese der Millärmacht eine Bitte, sie lieber auf die regulären Regimenter zu verteilen, damit ihr Sklavenleben ein Ende nehme und sie als wackere Soldaten ihrer Pflicht genügen können. Die Antwort war, ein Abschub nach Marokko. Diese Maßregel rief eine kleine Rebellion hervor. 60 Soldaten verweigerten den Gehorsam und erklärten, nur der Gewalt zu weichen. Sie alle wurden dem Feldgerichte überwiesen, das neun Personen zum Tode und die übrigen zu langjähriger Zwangsarbeit verurteilte. Als die Nachricht ngch Paris kam, begab sich sofort eine Deputation der „Russischen politischen Emigranten" zum Minister, der das Versprechen gab, folgenden Tages beim Präsidenten Poincaro eine Milderung der Strafen auf dem Gnadenwege zu bewirken. Es ist nicht bekannt, ob der Minister sein Versprechen hielt, am folgenden Tag war übrigens die Sache schon gegenstandlos. Die neun Verurteilten waren bereits hingerichtet, pnd die anderen zur Zwangsarbeit verschickt. _Der Israelit. _ England. Was England?u der lebten Judenverfolgung in Rußland lagt- London, 10. August. Wahrend die englische Presse noch heute über die „Greueltaten in Belgien" schreibt, die sich, soweit bet den absichtlich oft unklar gehaltenen Angaben eine Nachprüfung möglich war, stets als Lügen oder Uebertreibungen kriegsrechtlicher strenger Maßnahmen gegen eine verhetzte Bevölkerung erwiesen haben, schweigt sie über dte Greuel der russischen Soldateska in Polen vollständig. Das freie England, das einst als eine Freistatt aller Verfolgten galt, verschließt dte Augen gegen die furchtbaren Leiden, welche die russischen Inden im KriegSgebiet von den brutalen Kosaken und herzlosen Tschinowniki ihres eigenen Landes zu erdulden haben, vor den entsetzlichen Roheiten, die man nicht glauben würde, wenn sie der Sprecher der Juden in der russischen Retchsduma nicht öffentlich behauptet, wenn er sich nicht erboten hätte, dte Beweise dafür in geheimer Sitzung zu erbringen. Das freie England betet für den Sieg der russischen Waffen. Die englischen Juden dürfen es nicht wagen, offen für ihre unglücklichen Stammesgenoffen einzutreten. Bei dem Bittgottesdienste, der am 4. August in der großen Londoner Synagoge abgehalten wurde, sagt Oberrabbiner Dr. Hertz u. a.: „Millionen unserer Brüder im östlichen Kriegsgebiet, die von den Wogen berechneter Unmenchlichkeit hin und her geschleudert werden. Hier tritt uns ein zweckloses, unbarmherziges Martertum entgegen, das kundzutun fast als Verbrechen gilt. Da die Feinde der Juden mit dem alten Borwurf der Feigheit nichts mehr ausrichten können, beschuldigen sie eine ganze jüdische Bevökkerung des Verrats. Die hohe Mahnung zur Duldsamkeit und Brüderlichkeit, die am letzten Sonntag in der Reichsduma laut wurde, beweist, daß alle guten und rechtlichen Männer diesen Angriff auf die Ehre der Juden verwerfen. Unsere Brüder in Rußland wie anderswo werden ihre Standhaftigkeit beweisen; sie werden fortfahren, ihr Vaterland zu lieben und zu ehren und bereitwillig, freudig ihr Leben opfern, um es lebenswert und ehrenwert zu machen." Die jedenfalls zum Teil feinhörige Gemeinde wird richtig verstanden haben, daß die Anklage auf Rußland zielt,- dte nichtjüdischen Leser, denen der teilweise wörtliche Auszug aus der Predigt in den englischen Zeitungen vorliegt, Verharren ln vollkommener Unwissenheit über die wirklichen Vorgänge in Rußland. Was der Chiefrabbi erfährt, wird auch der großen englischen Presse bekannt sein. Die aber schweigt; schweigt über Reden, denen sie noch vor 13 Monaden breitesten Raum in Berichterstattung und Leitartikeln gewidmet hätte. Sie verliert kein Wort über die empörenden Greueltaten ihrer russischen Bundesgenossen, hat aber stets viele Spalten be- Ro. 35 Seite 7 reit für alle aus Kosten der „deutschen Barbaren" erfundenen Verleumdungen. Personalien. Olenhausen, 18. August. Herr Aron Hirsch beging als ältester Bürger der Gemeinde seinen 85. Geburtstag. Der Jubilar ist ein begeisterter Anhänger des Judentums. Mit tiefer Wehmut sieht er, wie die einst so blühende, allehrwürdige Gemeinde sich nach und nach aufzulösen beginnt, so daß er nickt ganz nach seinem Wunsch, dem jüdischen Pflichtenleben Rechnung tragen kann. Trotz seiner ausgebreiteten Geschäftstätigkeit in früheren Jahren hütete er den Schabbos aufs Gewissenhafteste. Er verwaltet mit feiner ihm gleich gesinnten Gattin ein echt jüdisches Haus. Er hatte außer feinem Kreis von Kindern und Enkeln die Freude zwei Urenkel in seiner Mitte zu sehen. Mögen dem Jubilar noch weiter viele sonnige Tage beschieden sein. Hohensalza. 9. August- Das hiesige Reprasentantenkollegiuw der Synagogengemeinde zu Hohensalza hat in einer kürzlich abgehaltenen Sitzung an Stelle des verstorbenen Bankiers Isidor Levy Herrn Rentier Heymann Freud enthal, zum stellvertretenden Synagogen-Gemeindevorsteher gewählt. Schopfloch, 11. August. Am 11. ist es ein Jahr, daß Herr Heinrich Ae ine mann aus Schopslvch in Bayern den Heldentod fürs Vatersland starb. Es war damals aus Familienrücksichten ein Nachruf unterblieben, dessen dieser seltene junge Mann gewiß würdig ist. Er war der einzige Sohn eines streng frommen Hauses und blieb den Grundsätzen desselben treu, bis ihn das feindliche Geschoß dem irdischen Leben entriß. Nachdem er mit glänzenden Zeugnissen aus dem Abitur hervorgegangen war, trat er ins väterliche Geschäft ein. Sehr bald hatte er sich zum tüchtigen Mitarbeiter herausgebildet und stellte trotz seiner Jugend einen ganzen Mann, ob er zu Hause arbeitete, oder ob er auf die Reise ging. Er versäumte auch auf der Reise keinen Tag und führte stets ein Lern- 7BD bei sich. Die Sonntage führten ihn nach Ansbach, woselbst er sein jüdisches Wiffen immer mehr zu bereichern suchte und in seinem Heimatsorte bewirkte er, daß sich am ein größerer Kreis zum „Lernen" vereinigte. Mit ihm endete leider auch dieser schöne iE. Bescheidenheit leuchtete wie ein Diamant aus seinem ganzen Wesen hervor, ganz besonders im Verkehr mit Netteren. 19 Jahre alt, diente er als Einjähriger im 21. bayrischen Jnf.-Regt. und ging als Unteroffizier ab. Nach einem Jahre machte er die Uebung A, von der er als Vizefeldwebel nach Hause zurückkehrte. Und im Sommer 1914 sollte er die Uebung 6 machen, zog aber an deren Stelle mit Begeisterung als Führer in den Krieg. Seine Feldbriese atmen Vaterlandsliebe und treue jüdische Pflichterfüllung. Sein letzter Brief schilderte sein Leben im Schützengraben; er erzählte, daß er razb mp verrichtet gatte und sprach bett geliebten Eltern und Schwestern Mut ein, wenn einmal längere Zeit keine Nachricht eintreffen sollte. Schon in der folgenden Nacht führte er — alle Offiziere waren gefallen — die Kompagnie bei einem Sturmangriff in den Vogesen. Der helle Mond bestrahlte später das Antlitz des gefallenen Helden — die Rechte umklammerte krampfhaft den Degen, die Linke die rrceri. Herrn Distrikts-Rabbiner Dr. Cohn zu Ansbach fiel die traurige Pflicht zu, den schwer geprüften Eltern und Schwestern die Trauerbotschaft zu überbringen. Mit ihnen trauerte ein großer Kreis von Verwandten, Freunden und Bekannten. .TSSün. s Fortsetzung des Textes Seite 9). 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