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Der Israelit · 1915-08-05 · Heft 33 (5.8.1915) · page 7

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Journal
Der Israelit
Volume
55 (1915)
Issue
Heft 33 (5.8.1915)
Date
1915-08-05
Page
– (sequence 7)
Language
German
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Leuilleton.Beilage zu Nr. 55 dss „Israelit." Frnillrlon. r.S. - Me Kriegsgeschichten -es alten Roscheh Gerson. Nacherzählt von A. M. Dina. „Es sind Krtegszetten, aus denen ich Euch was erzählen will." So pflegte der alte Moscheh Gerson zu beginnen, wenn er sich daran machte, seinen Freunoen und Kehtüagenoffen aus seinem Leben etwas zum Besten zu geben. Er hatte viel erfahren. Glück und Unglück, Sonnenschein und trübe Nebel hatten bei ihm abgewechselt, hatten ihn bald zum Himmel emporgehoben, bald tief zu Boden gedrückt. Wir tauschten ihm alle gern) denn er erzählt so lebendig und kernig, so wahr und treu, als ob man das Alles wieder milerlebte, was er da aus der Vergangenheit vor einem aufleben ließ. Kein Wunder! War doch Moscheh Gerson in seinen besten Jahren ein „Kinderlehrer" par exceUence gewesen, einer aus der alten Schule, der die Pädagogik nicht erlernt und studiert hatte, dem sie aber im Kopf und im Herzen saß. . Was Wunder also, -aß derselbe Moscheh Gerson, der die zarten, lieblichen, strengen und erhabenen Bilder der Bibel so lebenswahr zu erzählen wußte, und der die kindlichen Gemüter so meisterhaft anzufüllen wußte mit den köstlichen Schätzen der heiligen Lehre, wie mit den Kleinodien ihrer Erzählungen, was Wunder, daß er auch Große und Erwachsene durch die Kunst seiner Darstellung zu fesseln verstand. „Es sind Kriegszeiten, aus denen ich Euch etwas erzählen will!" So pflegte, wie gesagt, Moscheh Gerson zu beginnen,' denn nichts tischte er uns lieber auf, keine von seinen Erzählungen waren aber auch mit soviel — man kann sagen — dramatischem Leben angefüllt, wie seine Kriegsschilderungen. Man darf mich jedoch nicht mißverstehen. Nicht als ob Moscheh Gerson früher eine Art Schlachtenbummler gewesen wäre, als ob er, mit der Landkarte und dem Krimstecher bewaffnet, den Kriegszügen beigewohnt hätte und nun Episoden und Geschichten aus diesem Leben zum Besten ab. Weit entfernt! Das konnte Moscheh Gerson nicht. Denn zum Schlachtenbummeln halte er weder Zeit, noch hatte er Jntereffe dafür — Zeit nicht, weil er wohlangestellter Kultusbeamter, Vorbeter, Lehrer und Schächter war und Wichtigeres zu tun hatte, als hinter den Kriegsleuten herzuziehen, und Jntereffe nicht, — nun, wer hätte dem kleinen Männchen mit seinem kleinen Amt ein Interesse daran zutrauen wollen, wie die Heere marschieren und wie die Schlachten geschlagen werden? Allein, Moscheh Gerson war viel zu sehr Jude, hing mit viel zu großer Liebe an -er Religion seiner Väter und nahm viel zu innigen Anteil an dem Ergehen und an den Schicksalen seiner Stammesgenossen, als daß er nicht bet seiner vielbewunderten Beobachtungsgabe auch die rauhen Kriegszeiten vom Standpunkte des Judentums aus betrachtet hätte! Wie es seiner Gemeinde erging, als der Kanonendonner von fern herübergrollte und zahllose Kriegskolonnenz durch das Dorf stürmten, was sich in den Häusern der Juden zutrug, bei den nimmer endenwollenden Einquartierungen im Dorfe, wie die ganze Khillo am Sabbath-Nachmittag vor das Dorf auf die Aecker und Felder hinauspilgerte, um die Biwaks, den Zeltbau, das Kaffeekochen zu inspizieren, wie z. B. einmal aus der Schulstube sämtliche Bänke entfernt werden mußten, damit darinnen Strohlager für die nächtigenden Krieger hergerichtet werden konnten, und wie so an dieser Stätte des Friedens und der segensreichen Aussaat die Männer des rauhesten blutigsten Handwerks, ihr Lager aufgeschlagen hatten — solche und ähnliche Bilder stiegen in lebendigem Zuge vor unseren Augen auf, wenn Moscheh Gerson aus den Kriegszeiten erzählte. So hörten wir Schilderungen aus den Sturmjahren 1848/49, wie aus den Kriegen von 1866 und 2870/71. Moscheh Gerson war erst im Jahre 1871, nach Beendigung des großen Krieges, in unsere Gemeinde gekommen/ seinen Kindern zuliebe, die in unserem Städtchen mit seiner höheren Bürgerschule mehr Gelegenheit zur Weiterbildung hatten, als in dem kleinen Odenwälder Dörfchen, hatte er sich fortgemeldet. In größeren Städten war es ihm nicht geglückt, da man dort begabtere Vorbeter brauchte, als unser Moscheh Gerson mit seiner schwachen Stngstimme einer war. — Daß er trotzdem manche modernen „Kantoren" in der ttefen Innigkeit seines Vortrags, wte tu der Begeisterung, mit der er seines Amtes waltete, weit übertraf, das konnte mancher auch hier mit dem besten Gewissen versichern- Aus den Erzählungen Moscheh Grrson's nun will ich zunächst nur eine hervorsuchen, die mir unvergeßlich geblieben ist. Es sind Kriegszeiten, so begann Moscheh Gerson, wie gewöhnlich, aus denen ich Euch etwas erzählen will. Im Jahre 1866 war's, in jenen traurigen Wochen, als die befreundeten Nachbarstaaten in schlimmem Bruderkriege einander gegenüberstanden. Heute noch tut es mir in der Seele weh, wenn ich daran denke, in welche verzweifelte Lage damals unser liebes badisches Heimatland geraten war. Sein Fürst, der edle Großherzog, eng verschwägert mit dem preußischen Königshause, und wider Willen von der Strömung der Zeit und der Umstände getrieben, in Kriegsfetndschaft gegen Preußen! Wie mag dem guten Herrscher das Herz geblutet haben, die Söhne seines Volkes in den Kampf stellen zu müssen gegen die eigenen Brüder und Stammesgenoffen! Und wie oft mochte da, bei dem immerhin engen Bande, welches den Norden mit dem Süden verknüpfte, der Vater gegen den Sohn Aug' in Auge gekämpft, wie manche Kugel aus dem Gewehre des Freundes mochte den Freund zu Boden gestreckt haben —! In H., meinem Wohnorte, einem kleinen Taubergründer Dorfe, in deffen Nähe späterhin der Zusammenstoß der Preußen mit den vereinigten süddeutschen Heeren stattfand, herrschte an einem schönen Sommermorgen reges, geschäftiges Leben. Es war, wie schon so oft, Einquartierung angesagt worden, und heute, um 10 Uhr vormittags, sollten die Militärkolonnen eintreffen. Mancher Hausvater n ar überreichlich bedacht worden und sollte eine größere Anzahl Soldaten bei sich aufnehmen, als ihm nach seinen Wohnräumen, wie nach seinem Vermögen zukamen. Aber was fragt der tobende Krieg nach dem Einzelnen? Da werden so viele Existenzen vernichtet, so viele junge, blühende Menschenleben zerstört, so viele Erinnerungen entwurzelt und so viele Hoffnungen zu Grabe getragen, daß eS Torheit war, zu klagen und unzufrieden zu fein. Was wollte auch die Unbequemlichkeit, ein paar Krieger mehr im Hause zu haben, bedeuten, gegen den gewaltigen Ernst, der draußen waltete auf der Wahlstatt, gegen die düstere Vernichtungsstimmung, die dort all Lüste erfüllte? Es war denn auch keiner wirklich unzufriedenjeder Einzelne war vielmehr von der ganzen Größe der Aufgabe durchdrungen, die ihm gesetzt war. Und in der Tat, es war auch eine Art Kriegshilfe, die ermatteten Krieger zu laben und zu erquicken, den Staub und die Last des langen Marsches von ihnen zu nehmen und ihnen für die Zeit ihres Aufenthaltes eine Heimstätte zu beten, von der sie ungern scheiden und an die sie gerne denken, wenn der Ruf des Trompeters sie h'nausalarmiert hat, dem Feinde entgegen.-r— Die liebe Jugend lag schon seit dem frühen Morgen auf der sonnenbefchtenenen Landstraße, woher die neuen Dorfbewohner kommen mußten, aber lange wollte sich nichts blicken lassen. Alle paar Minuten erscholl der Ruf.' „Sie kommen J" Die kleinen Hälse reckten und streckten sich, aber es war nichts — ein kleiner Spaßvogel hatte die lustige Gesellschaft genarrt. Endlich zeigte sich in der Ferne, leise und duftig zuerst und bald stärker und dichter, die verräterische Staubwolke. Ein Hurrah um das andere entrang sich den Kehlen der kleinen Soldatenfreunde. Immer näher und näher rückten die Kompanien, bestaubte Krieger, kräftige Fußsoldaten, Württemberger. Die Landleute auf den Feldern ließen für Augenblicke ihre Hacken und Spaten fallen und schauten neugierig dem langen Zug nach, der nun die ersten Häuser des Dorfes passierte. Auf dem kleinen Platz vor der Kirche wurde Halt gemachtdann erhielt jeder seinen Quartterzettel und die Ankömmlinge, sich bei Alt und Jung Auskunft über die Lage ihrer Quartiere erbittend, begaben sich, immer von den Kleinen eskortiert, in ihre neuen Wohnungen. Zu der Truppe, welche in H. untergebracht war, gehörten ^auch einige Offiziere. Es war dem biederen Bürgermeister des Ortes nicht leicht gefallen, denselben paffende Quartiere zu verschaffenallein es war ihm gelungen, sie bei sich selber, bei den zwei Pastoren — den protestantischen und katholischen — und bei einigen reichen Bauern unterzubringen. Ein einziger Offizier nebst deffen Bursche fand Unterkunft bei David Rosenstock, dem reichsten Juden in H, der am Ende des Dorfes, da, wo die Aecker beginnen, ein großes, eigenes Haus bewohnte, zu groß eigentlich im Verhältnis zu den niedrigen Dorfhäusern, auf die es mit einem gewissen Stolze herabzublicken schien. Rosenstock hatte sich das Haus vor mehreren Jahren auf ihm gehörigen Ackergrund gebaut, und weit hinaus in die Landstraßen waren Wirsen und Aecker, mit allerlei Fruchtbäumen, sein eigen. Er widmete sich ganz der landwirtschaftlichen Tätigkeit. Nebenbei bemerkt, macht die rege Teilnahme am Garten- und Feldbau, welche die Juden an kleinen Orten hierzulande bekunden, das so oft von judenfeindlicher Seite aufgettschte Märchen zu Schanden, daß der Jude die schwere Arbeit des Landmannes scheue. Ihr kennt alle die Verhältnisse und wißt, daß hierzulande oft genug die Juden Bauern unter Bauern sind. Auch David Rosenstock konnte man an heißen Sommertagen, wie im trüben Herbstregen auf dem Felde sehen, im groben Arbeitskittel arbeitend, und seine Tochter Dina mischte sich munter und arbeitefroh unter die Schnitter und Schnitterinnen, welche unter den glühenden Strahlen der Julisonne Sense und Sichel emsig handhabten. (Fortsetzung folgt.)

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