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Der Israelit · 1915-07-29 · Heft 32 (29.7.1915) · page 11

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Journal
Der Israelit
Volume
55 (1915)
Issue
Heft 32 (29.7.1915)
Date
1915-07-29
Page
– (sequence 11)
Language
German
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Feuilleton-Beilage zu Nr. 32 des „Fsraelit " Feuilleton. r/^V'- Szenen vom jüdischen Kriegsschauplatz. II. Melech Gllenverg. Im Newyorker „Vorwärts" wird folgender FaÜ aus Lodz erzählt. Mrlech Ellenberq, ein frommer Jude, wurde auf Grund der Anzeige eines Kosaken, der Geld von ihm erpressen wollte, als Spion verhaftet und verurteilt. Er sollte am andern Tag auf einem Baum im Kasernenhof gehängt werden, wurde aber schon Tags zuvor an diesen Baum gebunden. In dieser Lage verbrachte er die kalte Winternacht. Seine Unschuld wurde aber inzwischen bewiesen. Er wurde freigelassen. Redakteur Kuhan besucht den armen Meltch Ellenberg und findet ihn inmitten seinerhungernden, frierendenFamilie.Melech ist ein Chasfid. Seine zart edlen, von einem weichen dunkelblonden Bart umrahmten Züge tragen den Stempel heiligen Martyriums. Er erzählt in völliger Ruhe, als ob es sich um eine unbekannte dritte Person handelte, den Hergang. Die Kosaken haben ihn die ganze Nacht gehöhnt und ihm immer in allen Variationen den Akt des Hängens vorgeführt. Auf den Emp>örungsruf des Redakteurs, sagt Ellenberg einfach : „Was können die Kosaken dafür, daß mich Gott straien wollteich verdiente es gewiß." Der Besucher staunt, daß er nicht erfroren sei, oder krank wurde. — „Wenn Gott, gelobt sei er, nicht will, erfriert man nicht." Ob er Angst gehabt hätte? — „Nein, ich vertraute auf Gott und meine Unschuld. Ich sagte immer nur Psalmen, als der Morgen da war und keine Rettung, da erschauerte ich, ich war noch für den weiten Weg nicht vorbereitetaber ich vertraute aus Gott. Nicht in meinen S'chus! Nein! Ich habe es sicherlich so verdientaber wegen meiner guten Frau, die ihre Kinder nur zu gottesfürchttgen, frommen Jehudim erzieht, sür die ich ehrlich und fleißig arbeite. Ja, der S'chus der Kinder, die doch schließlich einen Vater haben müssen, die doch einen Ernährer brauchen. Und Er — das wußte ich doch, das wissen Sie doch — ist ein Vater der Waisen. Für meine acht J'saumim konnte Er doch keinen besseren Vater als mich finden. . . ." Von dem Zaren ließ Melech nicht abfällig sprechen. Er ist der Gesalbte Gottes. Das Herz der Fürsten und Könige ist in Gottes Hand. Er neigt es nach Seinem Willen. „Gewiß waren wir so sündhaft, daß wir das verdienten." Den Geldbetrag, den ihm der Besucher anbot, wies er beschämt zurück. Es seien noch genug da, die weniger als er hätten ... III. Utorttttt Stopttich ist Bettelheims „Ungar, jüdische Zeitung" schreibt: In dem stilltraurigen Tonfall der Churbangeschichte wird die Historie vom Untergange des russisch-polnischen Städtchens, das zu 90 Prozent von Juden bewohnt war, erzählt. Es ist wahrhaftig eine echte Churbaugeschichte, die ähnlich den diesbezüglichen Erzählungen im Talmud mit den Worten beginnen kann: „Wegen einer Schnapsflasche ging Stopnitz unter." „Bier Wochen lange laa eine Rotte Kosaken im Städtchen unter öem Kommando des Mrrosvik (Hauptmann), und sie verhielt sich ruhig (d. h. die Kosaken begingen kleine unschuldige Diebstähle, harmlose Räubereien und dtverie Plünderungen), die Bevölkerung aber wollte nichts gesehen und gehört haben. An einem Freitag in den zehn Bußetagen, wurden die Kosaken zu einer Parade auf den Ring kommandiert. Da entdeckte der Kommandant, daß ein edles Haupt fehle . . . Man sendet in die Kaserne, in die Schenken und Spelunken und sonsthin — der Kosak fehlt. Man meldet es dem Marosnick. Der brüllt wie ein Teufel, er lasse alle hängen, wenn der Mann nicht zum Vorschein käme. Man schreit hin und her — der Kosak fehlt. Man läßt alle Juden zusammen treiben, bei denen der Kosak zu verkehren pflegte und fragt sie aus, ob sie ihn nichs im Keller hielten. Der Kosak müsse bis vier Uhr da sein, sonst lasse man die Stadt zusammenschießen. Da laufen die Armen, hasten auf Boden hinauf und Keller hinunter, durchstöbern, wie beim Chamezbatteln jeden Winkel des Hauses — der Kosak ist nicht da. Man durchstreift das Feld . . . Mittag naht . . . man reißt Verschlüge, alte Kammern auf ... es wird Nachmittag . . . der Kosak ist nicht da. Man durchstöbert das Wäldchen, stürzt auf den Friedhof, zu suchen oder dort zu beten . . . die Sonne neigt sich . . . der Kosak, der Kosak fehlt ... Man steigt in alte Brunnen, jagt den Teich entlang ... der - Zeiger rückt erbarmungslos gegen die Vier — der Kosak ist niät da. Da rollen die Kanonen, das Henkerwerkzeug, durch den Ort. Der Kommandant, ein genialer Stratege, läßt sie auf den Berg neben Stopnitz stellen. Er ist pünktlich. Schlag vier Uhr kracht der erste Sckuß. Ein Haus liegt in Plusquamperfektum. Man flüchtet in die Keller. Ueber den Köpfen wüten die Kanonen, ächzen die zusammenbrechenden Trümmer. Zwei Stunden dauert das Hochgericht. Um 6 Uhr wird es stille. Die Leute kriechen aus den Kellern hervor. Ein Schutthaufen bezeichn kt den Platz, wo früher Stopnitz stand und einige Freunde sind der Welt entrissen worden. Auch zwei Kinder haben jäh ihre kurze Laufbahn beschlossen. Und der Kosak ist doch nicht da. Um 8 Uhr Abends trollt sich eine plumpe Gestalt ruhig und faul in die Kaserne. Der Kosak! Den Stopnitzern war es verboten, Schnaps auszuscbenken, darum ging er einige Werst aus dem Orte, bis er eine Butttke fand. Er feierte ein inniges Wiedersehen mit dem lang entbehrten Trunk. Ersoff sich voll und schnarchte in den Nachmittag hinein. Dann erhob er sich, ging ruhig seines Wegs und suchte — Stopnitz. IV. Girr rufiifdjrr Patriot. Sie halten Mittagsrast und ruhen hingestreckt m saftigen Grün. Neben ihnen die haarscharfen Sensen, aus denen der glühende Sonnenstrahl zitternd spielt. Das melancholische Motiv eines traurigen Volksliedes wird von einem müden Arbeiter leise hingebrummt. Die übrigen liegen alle apathisch nach dem üppigen Mahl-nur e r birgt fitzend den sorgenschweren Kopf zwischen )en knochigen Fingern und starrt traumverloren ns Weite, Unendliche der ungarischen Steppe. Es st der Dolmetsch. Ein russischer Soldat. Er pricht deutsch und englisch, ist zwanzigjährig: die pptsche Figur der traurig verzweifelten, unglücklichen russischen Juden. Sie alle, die hier bei ÜttÜiii iüM » im iü« m -er Ernte helfen, die kriegsgefangenen russischen Soldaten, blicken mit stupidem Stumpfsinn auf uns, wenn wir sie über d e Ursache d s Kriegbefragen. Er weiß die Ursache noch weniger als sie. Sein: Erbitterung hat den tiefsten Grund. Efrajim Wolf aus dem Suwalker Gouvernement, dort wohnen — ober besser wohnten — seine Eltern und Geschwister. Dort tobten die gewaltigen Riesenschlachten. Die Trümmer der russischen Heere wurden in jener Gegend zermalmt. Die Raffen fliehen, und das bedeutet für die jüdische Bevölkerung unglückseliges Verderben. Mein Gort, was ist mir seinen Leuten geworden! Auf meine Frage über feine englische Sprachkenntnis, gab er mir zur Antwort, daß er vier Jahre in Amerika war. Es ging dort gut - sehr gat, er war frei im glücklichen Amerika. Als er aber militärpflichtig wurde, ging er nach Rußland zurück, um dort seine drei Jahre abzudienen. „Mein Vater, die Mutter, kleine liebe Geschwister wohnen dort. Ich mußtemich trieb es zurück." Ich horchte fragend weiter: „Sind denn die Verhältnisse dort wirklich so verzweifelt?" „Furchtbar schlecht." „Und warum leben sie denn dort?" „Man in mit tausend Fäden festgeknüpft. Die Wiege, das Grab, die Schul, der Beshamidrasch: die Heimat . . ," „Und die Pogrome und Brutalitäten?" „Alles traurige Wahrheit! Aber — und im melancholichen Auge perlte eine große Träne — die Heimat tsts!" „Und Sie wußten, als sie Amerika, das glücklich-freie Amerika verließen, daß Sie russischer Soldat werden?" „Jawohl. Ich wußte es. Ich mußte dennoch. Mich triebs in die Heimat." „Wie gehts den jüdischen Soldaten bei Euch?" „Unbeschreiblich schlecht. Nikolai Nikolojewitsch gabs im Tagesbefehl, daß man auf die jüdischen Soldaten besonders Acht gebe. Sie seien Verräter, die sich leicht übergeben und noch die übrigen zur Uebergabe fordern. Er ließ verkünden, daß jeder, der in Kriegsgefangenschaft gerät, aller bürgerlichen Rechte entkleidet und nach dem Krieg nach Sibirien deportiert wird. Die Offiziere verkündeten es . . „Nun, wenn der Krieg aus sein wird und Sie frei wählen können, gehen Sie nach Amerika oder nach Rußland?" „Nur zurück". Und wenn die Deportation und die Beraubung der Rechte bevorstände? „Auch dann!" —?? „Ich kanns nldit sagen. Das kann man nicht erklären. Mich zieht die Heimat mit der dumpfen Stube und dem schattigen Besaulom, der traute Beshamidrasch und die graue Schul, die verträumte Kindheit, das gütige Antlitz meines frommen Vaters und die heilige Stille unserer reinen Schabbosstube, in der meine bleiche Mutter, wie ein Engel waltete, zaubermächtig .... Ich muß zurück in die Heimat". Er liebte daS weiße, kalte Rußland. Gefühle lassen sich nicht definieren. Ihn zog es nach dem russischen Himmel, der russischen Erde. Das Land zog ihn wie ein kalter Magnet zu sich. Dieser Jude war in der weiten Ferne, aus )er blühenden, auch öden Steppe, zwischen den tausenden gefangenen Musch cks die Haus und Hof und Weib und Glück verließen, der einzige Patriot, der mit der Seele die Heimat suchte, der hier nicht froh werden konnte. Sie, die Andern, mähten lustig die wogenden Wetzenhalme mit scharfen Schnitten und sangen dabei wie zuhause ein helltönendes Volkslied. •■o ' Art!; r-. h.'~: Ä q

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