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Der Israelit · 1915-07-15 · Heft 30 (15.7.1915) · page 10

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Journal
Der Israelit
Volume
55 (1915)
Issue
Heft 30 (15.7.1915)
Date
1915-07-15
Page
– (sequence 10)
Language
German
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Feuilleton-Beilage zu Nr. 30 des „Israelit." Feuilleton. Das letzte Geleite. 1 __ Den ganzen Tag regnete es unaufhörlich. Grau und bleiern jagten am Himmel rissige Wolkenfetzen, sich immer zu neuen Entladungen vereinigend. Der aufgeweichte Lehmboden der Straße hemmte den Schritt der wenigen Passanten und machte ihren Gang schleppend und schwerfällig, wie das Geknarre schwerer Näder. Eine unsagbare Schwermut drückte auf die graue Gaffe, als lauerte die bleiche Ang>t aus allen Ecken und Ritzen. Nur vereinzelt ging hie und da eine Türe, ein Fenster aus, aus dem ein erschrockenes Gesicht zur Straße hinaussah, um gleich wieder im Hintergründe zu verschwinden. „Kommen sie noch nicht?" Wie von unbestimmten Fernen her kommt eine Patrouille die Straße gezogen. Dumpf patschen die schweren Stiefel durch den Kot, und in den Augen der Soldaten lodert grimmiger Haß, ganz allgemeiner Welthaß, der alles vor sich her zu verzehren droht. „Kommen sie noch nicht?" Ratternd und knatternd schiebt sich eine endlose Wagenkolonne durch die Gaffe, kleine kastenartiae Fuhren, gezogen von zappeligen sibirischen Pferdchen. Hoch auf der Ladung sitzen Train- Soldaten, die singen, schlafen oder mit kräftigen Peitschenhieben die auf Schritt und Tritt im Schlamme steckenbletbenden Pferde antreiben. Rauscht endlich die Wagenkette mit viel Geknarre vorüber, regt es sich wieder hinter den niedrigen Fenstern der Holz- und Lehmhütten und abgehackte Worte durchschneiden die dumpfe Stille. „Sie müssen bald kommen, bald, bald!" — Und nun sind die Leute auf der Straße und bewegen sich zuerst furchtsam, dann im Hinblick der immer wachsenden Masse etwas sicherer, aber fast lautlos dem Hügel am Stadtrande zu. Es sah aus, als ginge man zu einer Beerdigung, als müßte bald da oben der schwarze Wagen sichtbar werden, begleitet von lautem Frauenjammern, Kinderweinen. Stille ringsumher. Man wartet. Es wartet der Himmel, an dem die Wolken schwer unschwül Höngen. Es warten die Menschen in stillem Schauer. Es warten die kleinen Häuschen, ans denen immer neue schwankende Gestalten auf die Straße treten. Man wartet. Da erhebts sich wie verhaltenes Sturmsausen. Und leise geht es von Mund zu Mund, imdem alle Finger nach dem Hügel deuten: „Hier, da oben. Sie kommen, sie kommen!" Es ist kein Leichenzug. Und keiner weint. Die Stille hat etwas Lähmendes an sich. Der Zug besteht aus lebenden Menschen, aus einem Häuflein alter und junger Jude , die von Soldaten mit aufgepflanztem Gewehre den Berg hinunter durch die Straße getrieben werden. tzDie Leute im Städtchen bilden am Wegrande Spalier und lassen still, mit gesektem aupte, nur einen Tränengruß im Auge, den ug an sich vorbeipa;sieren. Dann setzen sie sich in einigem Abstand ebenfalls langsam in Bewegung. Zwischen ihnen, den begleitenden Brüdern und den Gefangenen, ein ganzer Kordon von Soldaten, eine ganze Reihe blinkender Gewehrläufe. Das Städtchen begleitet stumm die Aus erwählten, die Märtyrer, die aus allen Orten der Umgebung geholt worden sind, auf daß sie eine Schuld büßen, die ihr Volk — nie begangen hat. In eine graue, ungewisse Zukunft führt der Weg durch kotige Straßen. Und ein jeder der Begleitenden sieht in. jedem der Geiseln seinen eigenen Vertreter, seinen Abgesandten, der des Andern Los und Last auf seine müden Schultern genommen hat. Es ist eine ganz gemischte Gruppe, die, vom Kosakenringe umgeben, die Golusstraße wandelt. Gebrochene Greise und stämmige Jünglinge; hier ein schneeweißer, wallender Patriarchenbart, dort ein großgewachsener, breitschultriger Rabbi mit in Ergebenheit leuchtenden Augen, nebenher ein verträumter Student, gleich einem Nachtwandler und dort die breite Stirn eines Kaufmanns, in deren Furchen die Sorge sitzt. Die Angst vor dem Ungewissen, Schmerz und Scham, aber auch etwas wie heiliger Swlz liegt in den Gesichtern der Verschickten. Ein Greis hält seinen Tallisbeutel so krampfhaft umklammert, als fürchte er, den letzten Lebensanker zu verlieren. Er weiß es, es ist der letzte Gang. So hat er denn seine Sterbekleider zum Gebetmantel in den Beutel getan, damit seine Brüder die Sachen gleich zur Hand hätten ... Da macht der Alte plötzlich eine Bewegung und tritt einen Schritt aus der Reihe. Wollte er mit seiner letzten, schwachen Kraft den Ring durchbrechen, aus der Umklammerung flüchten? Nein. Ein kleines Mädchen am Straßenrande hatte es ihm angetan. Weinend hatte die Kleine die Hände ausgestreckt und den Kopf dem Großvater zum letzten Segen entgegengenetgr. Da hielt es den Alten nicht mehr. Er vergaß sich . . . Aber ein kräftiger Kolbenstoß wies ihn gleich wieder in die Schranken. Nur ein wenig krümmte er sich und beugte sich vornüber. Dann aber ging er wieder still und ergeben mit den Anderen im gleichen Schritt und Tritt. Schon ist das andere Stadtende erreicht, das durch den alten Friedhof begrenzt ist. Bis dorthin begleitet das Städtchen seine heiligen Vertreter hmaus; zwischen ihnen grimmige Soldaten und blinkende Gewehrläufe. Da hält der ganze Zug wie auf Kommando einen Augenblick still. Dem Rabbi ist es erlaubt, ein paar Abschiedsworte an seine Brüder zu sprechen. „N:cht weinen!" rufen sich die Leute gegenseitig warnend zu und schluchzen dabei fast laut, in Äugst vor den eignen Tränen. „Als die Besten Israels aus Jerusalem in den Golus hinauszogeu," so fängt der Rabbi mit zitternter Stimme an, „da weinten sie am Grabe Rahels und den Ruhestätten der anderen Vater und Mütter und weckten die Frommen aus ihren Gräbern, daß sie von Gott Erbarmen für sein Volk erflehen- Wir werden betend an den Gräbern vieler Frommen vorüberziehen. Und auch Ihr werft euch hin und erflehet der Toten Verdienst für euch, eure Kinder. Seid groß,seid stark, seid Juden- „vor Gott, der kommt zu richten die Welter richtet die Welt in Gerechtigkeit und die Völker in Gradhett." Der Jude ist aber das Schilfrohr, das vom Sturm gewaltig geschüttelt, aber nicht entwurzelt wird, wenn stolze Zedern der Erde entrissen und gleich Strohhalmen fortgesegt werden. Freuen wir uns, Juden. Groß ist ein Volk, dessen Leiden eine Welt erlösen. Wohl dem, der auserkoren ist, ein Opfer zu sein und mit seinem unverschuldeten Leide den Grundstein zu einer neuen Welt, das edele Material für den neuen Gottesbau abzugeben. Wir gehen, Brüder. Ihr bleibt und harret der Erlösung!-" Weit weg war der Zug der Verbannten. Nur von der Ferne blinkten noch die Gewehre in die graue, nebelschwere Luft. Und langsam erhoben sich die Leute von den wildumwucherten Gräbern. Neben dem bittren Schmerze brannte doch in manchem Auge auch der Neid, Neid aus die Auserwählten, die hinaus durften in den Golus, für ihr Volk. . . Sala Rosenblut. Von 3* B. A. (Schluß.) All das hörte ich von ihm, während er mir zärtlich die Wange streichelte. Ich kann entschieden behaupten, daß er lange nachher erst das Weib in mir bemerkte. Erst letztens fiel mir da etne Veränderung in seinem Wesen auf. Er wurde etwas anders. Er wurde verlegen in meiner Nähe und fragte zu oft, ob ich ihn liebe? Meine Antwort: „Wie denn nicht?, find Sie doch ein solch edelguter Mensch", schien ihn nicht zu befriedigen. Er bestürmte mich, ob ich mit ihm nach Rußland gehen wollte, worauf ich natürlich ausweichend entgegnete. Länger als zweiundetnhalb Monate benahm er sich ganz ordentlich. Nur in den letzten Wochen machte er mir verlegen, ungeschickt, wie ein alter grauer Knabe den Hof, ohne aber auch nur einmal roh oder gewalttätig zu werden. Es ist möglich, daß unser langes Beisammensein, die ständige Begegnung, einen alten verglimmenden Funken in ihm entfachte und ihn ein Jntereffe an meinem Wesen hätte finden lassen. In den letzten drei Tagen ließ er mich — ohne daß ich die Ursache erfuhr — oft zu sich rufen um sich auszusprechen. Die Ruffen bereiteten sich damals, das bemerkten wir aus ihrem nervösen Her- und Hinhasten, schon zum Rückzug vor. Unsere Armee — das fühlten wir — sei in der Nähe. Mir stieg da oft der furchtbare Gedanke auf, daß mich Markewitz, der mir in letzter Zeit immer die Mitreise nach Rußland empfahl, mit Gewalt mit sich schleppen werde. Ich verbarg mich deshalb, verließ auch meine Wohnung und lebte in bangem Schrecken versteckt im Hause eines Judenimmer von der Furcht gepeinigt, daß mich die Kosaken doch mitnehmen werden. Das ist, so schloß Sala Rosenblut in schlichter Aufrichtigkeit, die Geschichte meines Wirkens. Was ich tat, war nichts mehr, als was die große Stunde von mir forderte, und was ein jedes andere jüdische Mädchen gewiß auch getan hätte ..." „Ich verließ dieses Mädchen — schreibt Franz Gondör im „Nepzava" — das noch jetzt ein Problem für mich ist, von dem ich noch immer nicht weiß, wie es den mächtigen russischen Kommandanten von Tarnow, Oberst Markewitz in seinen Bann zwang. Es ist liebenswürdig, phänomenal klug, talentiert, aber ein häßliches galtzisches Judenmädchen. Ich glaubte ihr jedes Wortich mußte ihr glauben. Es liegt etwas erdrückend Ueberzeugendes in seiner Redeweise. Aber — schließlich — ist vielleicht doch nicht das „wie" die Hauptsache bei dieser Geschichte, vielmehr, daß sie überhaupt geschehen sei. Und deshalb verdient es Sala, daß die Tarnower Juden ihrer in ihren Gebeten segnend gedenken und daß jüdische Dichter sie in ihren herrlichen Strophen besingen."

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