Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 55 (1915)
- Issue
- Heft 24 (3.6.1915)
- Date
- 1915-06-03
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Ein DOS 56. Jahrgang. Sranhfurf a M . den 3. Juni 1915 21. Siwan 5675. M 24/ «tomtewett* pro viertelt«-»: Gewöhnliche Ausgabe Mk. 1.60, drftauSgoie (Äunflbrad) «k. 8.—. Suslanbfttnctttc; Gewöhnlich, LllSgaLr: Ocsterreich-Unaarn, Kr., «ußland 1 Bab., (KngUmb S ob.. Amerika 60 eta., Niederlande 1.10 fl., Frankrri» Fn. 160. Mbotmtmmtß Bei affen Voflanstatten. Buchhandlnngrn. fomit Ute« bei hem Verlas. HettaUSaabe nur direkt. Der JSraelit erscheint jeden Donnerstag. Inserate: 30 Pfennig für die sechSgespaltenc LolonebZeile,' Rabatt nach Tarif. Änseratenannavme durch den Berlag deS JSraelit B. m. b. H., Frank« furt a.M., Gr. Eschmbeimerstr. 23 Lel.884S.8mt Hansa, sowie sSmtl. Annoncen-Lxped. deS In- und Auslands. PlatznorschrMe» oh« Verbiudtichkrtt. Bttllnngea können autzer direkt an den Verlag erfolgen per Vanta Bei de» «. «. V-stsstck»r«Ut »i-n Ro. 7«M3. EoMto »et Bern JT. Bnbopest n». 18484. IMte »et Btt mittet Iffottmet&mtt in Hi»« nnd deren Mlialen. Der Nachdruck 5er Drflftel und Correfponöewen des „Israelit* Iff nur unter genauer Queffenangäbe,un9, soweit es fltfi um größere NuksStze handelt nur nach vorheriger Genehmigung geffaffef- IrrhLttsLberstcht i. ßcitaxtttet: ^ornhenjapi}. --- 2. Aufsätze: Jakob H. Schiff über jüdische Gegrnwarts und Zukunftsprobleme. — 3. Homiletik: Rabbiner Dr. M. Lewin, Wreschen: Moses Keschridrnheit. — 4. Kleines Feuilleton: Aus dem „Az Est" v. P. A: Und Tarnow? - Brief aus Tilsit. — Aus einem Feldpostbrief. — ö. Korrespondenzen und Nachrichten: Frankfurt a. M. (Der Flecktyphus in Jerusalem.) — Berlin (Hilfsverern der deutschen Juden.) — Aus den okkupierten Gebieten: Lodz. — Wien (Das russische „Tscherta"-Gesep tn Galizien.) — Budapest (Ungarischer Brief.) — Aus den Gemeinden: Budapest, Orosharza, Großwardein. — Warschau (Die Lage in Warschau.) — Warschau (Jüdische Rechtlosigkeit. 1 — Zürich (Jüdisches aus Rußland.) — New-Aork (Polen und Juden.) ----- 8. Personalien: Straßburg (Dr. Samson Meyer Vxt.) — Hamburg. — Berlin. — Osnabrück. — 7. Vereins« achr ichten: Zürich. — Berlin. — 8. Briefkasten. — Famtliennachrichten. — 9. F e ui l l e ton - B ei la ge: Cr hats auf sich genommen ... Kosakenjustiz. In einem der letzten russischen Tagesberichte las man, daß in der Gegend von Kielcc Kosaken von einem Hinterhalt beobachten konnten, nne eine jüdische Deputation die einziehenden d eutschen Truppen begrüßte. Diese Mitteilung roch '.rach Blut, nach Jüdenblut, hatte den grausigen Klang voll Plündern, Mordbrennen und Austleibung. Die Herren Kosaken wollten sich einen moralischen Freibrief mit Rückwirkung auf all die vorhergegangenen Schandtaten holen. Die Sache ist .ganz einfach: Sie sehen von einem Hinterhalte, wie did Juden die deutschen Trllppen begrüßen usw. «uftp.. Wie es sich in Wahrheit mit solchen Trnppenbegrüßungen seitens der Juden verhält, darüber lesen wir in der letzten dhtmtnev der voll der AgudaÄ-Jisroel-Jugendorg a nä s a t i o n und dem „Bunde gesetzestreller Jngendvereine" herausgegebenen „Blätter" (in einem Vortrag über „Die Lage in Russische-Polen"), wie folgt: „Man stelle sich folgende Situation vor: In da§ friedliche Städtchen ziehen von Norden her die Kosaken ein. Ihr erstes ist, die Judenhäuser und Jnoengeichäste aUszüplÄNdern. Wer sich als Beschützer seines Mgektunls zur Wehrsetzt.wird einfach niedergemacht. Die Kosaken ziehen in die Schlacht Man atmet etwas .freier auf. Aber nun fliegen Kugeln und Granaten in den Ort, von beiden Seiten. Man sucht Zuflucht in Klüften und Kellern, es kostet Opfer. Aber das Blut war nicht umsonst geflossen. Die deutschen Befreier haben vom Orte Besitz genommen. Man jubelte ihnen, in ersterer Z»1t wenigstens, offen zu. Nach kurzer Zeit ziehen aber die Deutschen wieder ab. Die Kosaken sind wieder da. Nun treten die während der deutschen Zeit ganz im Hintergründe auf der Lauer verharrenden Polen aus den Plan und ^ühren die Russen in alle jüdischen Häuser, in denen man den Deutschen angeblich Gastfreundschaft geboten hatte. - — — Der Rest ist Hängen, Würgen und Austreibung. Auf diese Weise sind schon seit Kriegsausbruch Ströme jüdischen Blutes geflossen. Ganze Gemeinden wurden mit Greisen, Kranken und Säuglingen in die Nacht hinausgejagt, oft auch als lebender Schutzwall dem Feinde vorgetrieben. —" Mit obiger amtlicher Verbreitung von Aussagen kosakischer Kronzeugen gegen die Juden war, bas war jedem Eingeweihten auf den ersten Augenblick klar,. auf etwas ganz Bestimmtes abgezielt,eine Maßnahme vorbereitet» für die bas . breite russische Gewissen so etwas wie den Schein einer Begründung suchen zu müssen glaubt?. Man täuschte sich nicht. Schon nach wenigen Tagen wurde ein Befehl des russischen Generalgouverneurs der Ostseeprovinzen bekanntgegeben, demzufolge sämtliche Juden Kurlands, einschließlich der Frauen und Kinder, die Provinz verlassen müssen. In anderen Ostseeprovinzen und weit darüber hinaus bis zu den Festnngsbezirken von Dwinsk und- Kvwno - erhielten die Juden e)rne Frist von 5 Tagen, sich für die Ausreise vorzubereiten. Für das Verhalten der russischen „Landesverteidiger" in Littauen den harmlosen Juden dieser Gegend gegenüber, spricht ein jüngsthin in der „Nordd. Mlg. Ztg." veröffentlichtes Dokument ganze Bände. Es handelt sich um einen abgefangenen Befehl des russischen Generals her Infanterie von Siebers, des Führers der in der masurischen Winterschlacht vernichteten Armee. Der geniale Rückwärtsstratege verfügt: „Infolge» des außergewöhnlich feindlichen Verhaltens der deutschen Und jüdischen Bevölkerung ist diese beim Rüchuge der deutschen Truppen aus dem Operationsgebiet zu entfernen. Für die geringste feindselige Handlung sind die schwersten Kontributionen auszuerlegen. Wegen der bekannten deutschen Hinterlist ist äußerste Vorsicht geboten. Haussuchungen sind abzuhalten. Das Verlassen der Häuser bei Eintritt der Dunkelheit ist zu verbieten. Eigentum von Privatpersonen, die feindliche Handlungen begehen, ist unverzüglich zu zerstören. Eigentum des Deutschen Reiches ist, wenn Abbeförderungen nötig, sofort zu vernichten.5 Um die veuhche Industrie zu schädigen, die zum Wohlstand des Landes mit beiträgt, sind Maschinen in staatlichen und Privatbetrieben durch Pioniere aus das nachhaltigste zu zerstören. gez. Sieders, General der Infanterie." Das neueste Kapitel in der bereits ziemlich umfangreichen Geschichte des jüdischen KriegselendS heißt aber, wie bereits erwähnt, Kurland. Das Schicksal der Austreibung trifft dort allein 80000 Seelen, die sich durch ihr?: Leidesgenossen in den anderen Gebieten der Ostseeprovinzen noch um das dreifache mehrere werden. In den wenigen Großstädten'Kurlands (die von den Deutschen besetzte Hafenstadt Liban scheidet von dieser Betrachtung aus) bilden die Juden fast die Hälfte der Bevölkerung. Mitau zählt 19000 jüdische Seelen, Riga (die zum Austreibungsgebiete noch gehörend? Hauptstadt Livlands) 20000 Juden. In den kleineren Städten, wie F rauen bürg, Go!- d,Ingen, Jakobsstadt, Windau u. v. nt. stellen die Juden sogar 70—80«v der Gesamtb?- völkerung dar. Während, in Polen die Juden in allen Berufen vertreten sind, und es dort etnrn großen Stab von jüdischen Arbeitern und Handwerkern gibt, die nicht zu sehr an die Scholle gebunden sind, so sind die Juden in Kurland zum weitaus größten Teile Handels- und Gewerbetreibende, die in der örtlichen Industrie wurzeln und für die der Verlust der Heimat der Verlust des eigentlichen Nährbodens bedeutet. In Rußland und Polen fehlt es der Judenheit, wi? überhaupt der Bevölkerung, an der natürlichen wirtschaftlichen Abstufung; dem Großindustrielle n steht dort der Hungerproletarier gegenüber. Anders in Kurland. Hier hat sich unter der günstigeren Sonne einer echt deutschen Kultur ein verhältnismäßig gesunder Mittelstand hcrausgebildet. Der mit einem Millionenumsatz arbeitende jüdische Fabrikant, wie er in Lodz od.w Byalistok zu treffen ist, ist in Kurland mehr als eine seltene Erscheinung. Dafür fehlt aber auch der Typus des Kellerbewohners, der nichts mehr zu verlieren hat, dieweil er seine Sache auf nichts gestellt, gänzlich. Hier dominiert der bessere, wohlhabende, ganz in der Scholle und in £)?n Hennatverhältnissen wurzelnde, ehrbare Kleinbürger, der mit der engeren Heimat sein Alles verliert. Es ist ungemein bezeichnend', daß man, wie das auch in dem obigen Befehl geschieht, den Kamps gegen Deutschen und Juden als Parole ausgibt. Daß dieJuven Kurlands wirklich ääaäaSnh