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Der Israelit · 1915-05-27 · Heft 23 (27.5.1915) · page 11

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Journal
Der Israelit
Volume
55 (1915)
Issue
Heft 23 (27.5.1915)
Date
1915-05-27
Page
– (sequence 11)
Language
German
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LeuMetowBeilage zu Nr. 23 des „Israelit." Feuilleton. jüdische Episoden. Pon Z. B. A. Die kieitre Tfilo. Infanterist Lichtenstein vom 69. Hindenburg- Regiment erzählt: . Wenn ich die kleine Tfilo seh', möcht' ich weinen. Ich bin so traurig, so weltvergessen, wie ein fünfjähriges Waisenkind, dessen Mutter vor Lichtbenschen die reine Seele aushauchte. Seit ich die kleine Tfilo bet mir trage, kann meine Seele nicht froh werden. Wenn ich an sie denke, entringt sich ein Seufzer meiner Soldatenbrust. Und lassen kann ich sie nicht. Sie ist mir zur heiligen Reliquie, zu einem mahnenden Mussarsefer gewordenzu einem Wegweiser, der mich hinauf führt. Sie stammt aus dem Kampfe um Lodz und war Eigentum eines russischen Soldaten. Furchtbare Stille hatte sich aufs Schlachtfeld gebreitet. Alles in weitem Umkreis war stumm und tot. Mit trauriger Andacht walteten die Totengräber ihres Amtes. Was an Körper zerschmettert, blutig, leblos auf dem Kampfplatz blieb, wurde sanft ins kühle Grab gesenkt. Edelopfer hat der große Tag gefordert. Sie lagen in eisiger Ruhe nebeneinander geschichtet und verschwanden geräuschlos tm offenen Schlund des tiefen Grabes. Freund und Feind ruhte vom bleichen Mondlicht umspielt wünsch- und reglos auf der unendlich weißen Schneedecke, die ihnen zum Leichentuch geworden. Langsam verschwand die letzte Leiche und es erklang, geisterhaft tu die lauschende Nacht htnaushallend, ein trauriges vereinsamtes Kadischgebet. Dann wurde die Beute gesichtet. Im großen Plunderhausen lag alles durcheinander gestapelt. Mützen, Stiefel, Riemenzeug,Mäntel, Notizbücher, Bajonette, Büchsen, Schnüre, Decken, Taschen, Säbel, Patronen, Börsen, Uhren und weit — weit tm Bogen weggeschleudert, abseits vom großen Haufen, diese kleine Tfilo. Sie repräsentierte keinen Wert. Der aus ihr betete, war totdie sie fanden, hatten für sie keine Verwendnng, warfen sie weg. Ich nahm sie auf. Sie ist so winzig, so federleicht, so herzig klein, daß ich sie nicht lassen konnte. Es zog mich zu ihr - dort lag sie im Schnee aufgeblättert. Einige Setten feucht aneinander geklebt. Ich hob sie in die Höheließ den blassen Mondstrahl auf die offene feuchte Seite spielen und durch die blutige Feuchtigkeit hindurch — die Tfilo hat sich sicherlich mit blutigen Tränen satt getrunken — schimmerte das Kadischgebet heraus: Jisgadal, w'jiskadosch schmei rabbo. Die Tfilo war noch naß. Ich fühlte mit meinem Finger den fiebernden Pulsschlag meines Borbeters, der mit einem Seufzer und einem Tränenstrom dieses heilige Gebet begleitete. Weiß Gott, vielleicht sagte er es für einen alten Vater, für ein gütiges Mütterchen, für Weib und Kind, das die Leute ermordeten, für die er auf Befehl mechanisch sein kaltes, scharfes Eisen in warmes Herzfleisch tauchte. Eine Träne blitzte in meinem Auge, als mir eine furchtbare Tragödie gegenwärtig wurde. Vielleicht standen wir uns beide mit dem Bajonett gegenüber und mein Arm war stärker, mein Stich ging tiefer, weil ich mit meinem Kaddisch verrauschtes Gluck beweine, weil ich ein Vaterland verteidige, in dem meine Ahnen ruhen, er aber die ganze Kraft seiner verzweifelten Seele in diesem Kadisch erschöpfte. Er weinte den großen Jammer seiner furchtbaren Tragik in diese kleine winzige Tfilo hinein. Er hatte keine Zeit, das Gebet zu vollenden. Bevor er die Schlußworte vom „Scholaum" stammelte, kam der Befehl zum Nachtangriff. Er wurde getroffen und ist tot. Von ihm blieb nichts zurück als das kleine Siddurchen mit der unverwundeten Tfilo auf der kalten, etsschimmernden Decke, die ihm zum Leichentuch geworden. Ich nahm das Siddurchen auf. Es ward mir zum Talisman. Ich blätterte und betete daraus und fühlte mich gehoben und gekräftigt. Mit beredter Sprache verriet mir die Tfilo die tiefe Frömmigkeit ihres roten Besitzers. Beim Benschen fiel eine trockene Zwiebelschale aus dem Büchlein. Mein armer, toter Vorbeter, der Baltefilo aß gewiß nicht Nnrituelles. Er lebte auch im Lager in heiliger Anspruchslosigkeit weiter: Eine Zwiebel, ein Bissen Brot und ein inniges Dankgebet dafür dem Allvater. Ist das nicht genug? Das konnten sie ihm nicht nehmen. Und die letzte Druckseite klingt wie ein weinender Seufzer hinaus in die traurige Nacht: „Eider men legt sich schürfen, küßt men dreimal die M'suso und sagt: „Tauro ziwo lonu Mansche", bis men entschlüft . . Die Kriegs-Melodie. Benjamin David Abrahamsohn, Buchhalter einer Budapester Eisenfirma, schreibt vom nördlichen Kriegsschauplatz an den Korrespondenten Ihres Blattes. „Bevor ich von Weib und Kind Abschied nahm, war mir's ums Herz schwer. Es ist nicht ganz leicht, so von heut' auf morgen den Beruf zu wechseln und die Feder mit dem Bajonett zu vertauschen. Aber das Vertrauen zu Gott macht mich stark und läßt mich mutig jeder Gefahr entgegensehen. Wenn man will, kann man auch hier im Schützengraben seine Jüdichkeit behaupten. Zu einer andächtigen Tfilo und einer heiß empfundenen Brocho gibt es hier immer Gelegenheit. Man wird nicht immer angeschossen und pulvert nicht immer zurück. Man hat auch da genügend Zeit zu beschaulicher Betrachtung und kann im Angesicht der Riesenberge mit wahrer Innigkeit den Psalm hersagen, von den Augen, die sich zu den Bergeshöhen erhoben und fragend nach Hilfe ausspähen. Es weht uns geisterhaft die Antwort zu : „Meine Hilfe kommt von Gott, der Himmel und Erde geschaffen". Und wenn dann morgens nach durchwachter Nacht, die purpurgoldne Sonnenscheibe von den Höhen herabglüht, wie weitet sich die Brust und hebt sich das Herz in freudiger Aufwallung, wie dringt dann so heilig wahr empfunden aus der Seele das wunderwirkende, kräftigende: Monde ani. „Ich danke meinem Schöpfer, dem ewigen König, der meine Seele in unendlicher Gnade und grenzenloser Güte erhalten hat". Auch die drüben ruhen. Ihre Kanonen haben das heiße Bellen eingestellt. Vom Wald schallt das Rauschen des jung erwachten Frühlingsmorgens her. Auf den Gefilden des Todes erklingen die Melodien des erwachenden Lebens. Alte Lieder schwingen in meiner Seele nach. Ich höre den lieben Vater, diesen guten, frommen Beter, wie er mit Leidenschaft aus seinem Ttllimbuche singt: „Und wenn ich auch gehe tm Tale der Todesschatten, fürcht' ich kein Böses, denn Du bist mit mir ..." Und ich — bedenken Sie mir - ich, der trockne Federfuchser des Etsenwaarenbureaus, entdecke in mir das musikalische Talent. Eine Melodie verfolgt mich überall hin. Ich hörte sic nie und weiß nicht wie es kommt, dnß sie mich im Wachen und Schlafen stets süß unischwirrt, lieblich umschmeichelt. Bei der Wache, im Sturm, bkim Posten und Marschieren steigt sie mir berückend, bestrickend in den Kopf, verfolgt mich und will mich nicht lassen. Mein Gott, ich fühle es, ich muß sie niederschreiben, damit sich sic auch meine Kinder einander Vorsingen, wenn ich das Singen wieder vergessen sollte. Eine „jüdische Frechheit"?) In einem Städtchen Podoliens ist Kriegsmusterung. Auch der 21jährige Chajim Berlow wird aufgerufen. Da er sich nach wiederholtem Aufruf nicht meldet, wird fein Bater, der alte Berlow, durch den Pristaw herbeigeholt. „Wo hast Du deinen Sohn versteckt?", schreit ihn der Vorsitzende der Kommission an. Da der Alte ganz verblüfft und verständnislos zu den Herren am grünen Tisch hinaufsieht, wird er zum zweiten Male und noch barscher angefahren. „Dein Sohn hatte sich heute zur Musterung zu melden. Wo steckt der Kerl?" „In den Karpathen", antwortete der Alte kleinlaut. „Was hat der Jude in den Karpathen zu tun?", ereifert sich der Vorsitzende. „Sollte hlerherkommen und sich melden", lacht er zu den Anderen gewendet, „und da bleibt er einfach in den Karpathen sitzen. Was hat er in den Karpathen zu tun?" „Er kämpft dort", wagt der alte Berlow einzuwenden. „Er hat nichts zu kämpfen", lautet die erboste Antwort des Gestrengen. „Er hat hierherzukommen und sich zu melden. Ich kenne die jüdischen Tricks" . . . „Gar keine Tricks", wimmert der Vater, „er vergießt dort sein Blut als Freiwilliger." „Aha", lacht jetzt der Vorsitzende höhnisch auf, „da haben wir es ja! Versteckt sich in den Karpathen und vergießt dort sein Blut, damit er nachher blutleer vor uns steht und militäruntauglich ist. So echt jüdisch ... Das soll euch aber diesmal nicht glücken. Bringst ihn sofort hierher oder zahlst 300 Rubel Strafe." „Ich kann ihn nicht holen", sieht der Alte ganz erschüttert, „er liegt schwer verwundet im Lazarett." „Nun jo, das ist es doch"', entrüsten sich der Beamte, „geht freiwillig in die Karpathen, um sich dort zu verstecken, vergießt sein Blut, das dem Staate gehört und läßt sich am End.- noch schwer verwunden und verstümmeln, um militäruntauglich zu werden. So eine rechte jüdische Frechheit, die mit 300 Rubel sehr schlecht bezahlt ist. Wir werden, wenn das Geld in einigen Tagen nicht beigebracht ist, dein Häuschen meistbietend verkaufen." Als die Polizei nach acht Tagen die Versteigerung des Häuschens vornehmen wollte, fanden sie darin den alten Berlow mit seiner Familie auf dem Bodeit sitzend. Der Sohn war inzwischen seinen Wunden erlegen. Die Polizei hatte einEinsehen und wartete mit der Versteigerung bis nach der Trauerwoche . . . 0 Frei nach dem jüdisch-deutschen „Vvdzer Bolksblatte."

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