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Der Israelit · 1915-05-06 · Heft 20 (6.5.1915) · page 7

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
55 (1915)
Issue
Heft 20 (6.5.1915)
Date
1915-05-06
Page
– (sequence 7)
Language
German
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Feuilleton-Beilage zu Nr. 20 des „Israelit." Feuillelou. Schlomo Weiß sucht eine Heimat. Von Z. B. A. Die Fensterscheiben des Wagenabteils wurden vom prasselnden Regen mit eintönigem Gepolter bearbeitet. So weit das Auge blickt, nichts als rasend dahtnsausende dunkle Wolkenfetzen, aus denen sich das trübe Naß unaufhörlich ergießt. Der Zug flieht mit rollendem Getöse durch die zwischen vereinsamten Akaztenbäumen traurig dahinvämmernden Dörfer, aus denen ab und zu das heulende Gebell eines verhungerten Pudels ins Kupee hereinhallt. Eng aneinander gepreßt drücken sich die Passagiere und suchen insÜnktiv den uniformirten Grauen der Armee, so webt es angeht, Bequemlichkeit zu gewähren. Es kommt der Zug von den Karpathen, wo das blutigste und furchtbarste Schauspiel der Wettgeschlchte jetzt aufgeführt wird. Müde Krieger und kauflustige Marktweiber machen es sich in den Pullmanns bequem, als ob sie im Leben nie von dem Vorhandensein einer vierten Bahnklasse gehört hätten. Zwischen den frisch verbundenen Soldaten, denen man das schmerzvolle Leid der Operation noch vom Gesichte ablesen kann, hört man den Diskant der Frauen, die ihre gedörrten Aepfel, Milchkannen, Zwetschen .und Buttermassen betreuen. Soldaten erzählen mit naiver Unbeholfenheit ihre Erlebnisse und die Marktweiber schreien dazwischen die emporgeschraubten Tagespreise. Die Tür geht auf. Drei kleine Kinder werden hineingeschoben. „Chajim, Mosche, Malke! trollt Euch". Jedes Kind tragt einen kleinen Korb am Arm. In diesem hat es Zucker, Orangen, Aepfel, Knöpfe, Taschenspiegel, Zitronen, Schuhwichs und Kriegsmetalle. Der Alte hat eine Flasche und einige Schnapsgläser in seinem Korb. „Jetzt mal los!" kommandtrt er seinen Kindern: „Lieben, guten Abend!" pipsen drei spindeldünne Ktnderstimmen. Gleich darauf preisen sie ihre Maaren mit zitterndem Ton: „Orangen, Zucker, Aepfel, Schuhwichse gefällig?" Er offeriert. seinen Schnaps. Die Kauflust ist groß. Die Paffagiere frösteln. Auf der langen Strecke wirds kalt. Ein Trunk wärmt die Glieder, gießt Lebensglut in den Körper. Die piepsenden Kinderchen sehen so schwergedrückt unter der Last der vollen Körbe aus. Es tut wohl, ihnen für einige Groschen die Bürde des Lebens abzunehmen. Man knuspert Bonbons; erhält Orangen; das verschluckte Schnapsquantum löst die Zunge einer gutmütigen Oebftlerin: „Na wohin gehts denn mit diesen unerzogenen Waisen?" „Wir suchen eine Heimat! Ich bin Schlomo Weiß aus Czernowitz!" Czernowitz! das zündet wie eine Lunte. Man lauscht gespannt. Ein Infanterist erkennt den Schnapshausierer und begrüßt ihn: „War nicht Ihr Laden dort hinter der rumänischen Kirche? Die Russen raubten ihn aus. Es war ein saubrer Kramladen." „Natürlich wars mein Geschäft. Die Banditen haben es leergebrannt". *) Aus dem „Pest! Hirlap". „Zum Henker — meint der Jnfantrist, der in der Freude des Wiedersehens dem Hausierer recht warm die Hand preßte. — Das ist aber schön, daß ich Sie da wtederseh! Damals war ich bei Ihnen. Im Oktober wars, als wir die Moskillos verklopften, und ich meine Wunde erhielt". Das unerwartete Begegnen weckte tiefe Sympathie für die Emigranten. Die Kinder werden von den Fahrgästen lieblich betreut. „Na Kleine, — frug eine Frau das bleiche Mädchen — wohin fährst denn Du?" „Wir suchen eine Heimat!" sagte der kleine Knirps im Tonfall des Vaters. „Und warum floht Ihr eigentlich — forschte die Neugierde weiter — aus Czernowitz?" „Die Russen machten mich heimatlos! — Und ein rieselnder Thränenstrom entquoll den Augen des Hausierers — Sie ermordeten mein Weib!" Tiefe Stille. Der Zug hält eine Weile. Das Geprassel des Regenwetters poltert an den Scheiben. „Seit drei Jahren wohne ich in Czernowitz, früher lebte ich in einem kleinen Dorfe der Bukowina. Ich erwirtschaftete mir einige Groschen und machte mir davon in der Khilo eine Greislerei. Gott half. Das Geschäft hatte guten Gang. Ich beschäftigte einige Kommis. Diese gingen zu den Fahnen. Ich blieb zurück. Am 3. September kamen die Russen nach Czernowitz, am 4. September waren schon 6 Kosaken bei mir einquartiert. Meine Frau lag eben im Kindsbett, wir bekamen ein Mädchen. Anfangs ging alles glatt. Der Umsatz stieg. Die Russen bezahlten pünktlich. Am vierten Tag hörte ich, als es dunkelte, ein verdächtiges Geräusch. Im Nachtgewand schlich ich zur Türe und sah, daß meine russischen Gäste meinen Geldschrank bearbeiteten. Mit echtem Einbrecherwerkzeug, mit Blasbalg und Schmelzofen, wie ihn die Monteure benutzen, arbeiteten die Kerle. Die übrigen soffen und gafften. Ich erstarrte vor Schreck, wagte aber nicht zu schreien, da es mir sicher ans Leben ging. Ich kehrte mit erstarrtem Leibe zurück, konnte Zer nicht mehr schlafen. Ich hörte immer das Geklopfe der Verbrecherbande. Am Morgen sah ich, daß der Schrank erbrochen, seines Inhalts beraubt und, daß nur die Kupfermünzen dort geblieben waren. Ich ging zur russischen Wache, die in der Wohnung des Popen war und meldete den Fall. Wie ein Wahnsinniger lief ich in meinem Laden hin und her, meiner kranken Frau wollte ich nichts sagen. Abends wurde ich dann von russischen Soldaten geholt. Sie banden mir die Hände und schleppten mich zur Wache, der Ofnzier, ein wüster Geselle, empfing mich: „Na, du jüdischer Vagabund — war seine Anrede — die Kosaken sagen, daß du gelogen habest. Sie behaupten, gesehen zu haben, wie du deinen Schrank erbrachst und dein Geld verstecktest! Schurke du, willst gewiß deine Gläubiger beschwindeln! Darum erfandst du die Räubergeschichte mit den Kosaken". Ich protestierte aus Leibeskräften. Es half aber gar nichts. Ich war von den Kosaken umringt, die mit grinsendem Gesicht meine Todesqual belächelten. Der Offizier zwang mich, ein Protokoll zu unterschreiben, in dem ich erkläre, daß ich mein eigener Einbrecher sei. Sie schlugen mich erbärmlich die ganze Nacht hindurch, bis ich dies unterfertigte. Am Morgen ließ man mich frei und ich war glücklich, lebend der Höllentortur entronnen zu sein. Ich kam heim. Vor meinem Laden staute eine gewaltige Menschenmenge. Flammen züngelten, in dichten Rauchwolken getrieben, aus der Türe. Die Nachbarn schwangen reichlich die Wafferkübel. Ich stürzte, von Wahnsinn gepeitscht in meine Wohnung und fand mein armes Weib ohnmächtig im Bette. Sie erwachte nicht mehr. Der große Schreck schmetterte sie zu Boden. Sie hatte ein weiches, edles, schwaches Herz, das brauchte nicht viel. Sie war tot. Am andern Morgen bekam ich noch mehr Kosakengäste. Nach der Beerdigung meines Weibes bezog ich mit diesen drei kleinen Kinderchen hier und dem wimmernden Säugling den feuchten Keller. Das Würmchen schrie nach Mutterbrust und Muttermilch. Es mag sich auch im feuchten Kellerloch erkältet haben. Es wimmerte und wimmerte, zuckte und war in einigen Tagen tot ... . Als man dann im Oktober die Russen aus Czernowitz jagte, hielt ichs dort nicht mehr aus .... Alles ging mir zugrunde ... Ich besuchte das Grab meiner armen Frau und den kleinen Hügel ihres Schmerzenskindes und ging mit meinen drei Kleinen hinaus, eine Heimat zu suchen. Seit Monaten treibt es uns her und hin. Wir suchen und suchen und können keine finden. Vielleicht hilft Gott in Großwardein". Der Zug braust weiter. Die geschwätzigen Weiber frösteln in ihren warmen Tüchern. Sie schmiegen sich eng aneinander und — weinen. „Es war so klein, so winzig war das unschuidtge Geschöpf — schrie der Mann auf — wie diese Faust da". „So klein war unser Kindchen", Wiederholten die Geschwister und schluchzten. „Und wimmerte fort und fort. Es weinte, daß sich das Herz verkrampfte", sagt vom Schmerz übermannt der verzweifelte Vater... Das Lied der Flüchtlinge.*) Wie die Russen senen kan Czerniwitz zurückgekimmen. Hob ech geklärt of an .Ansen Zi soll ech in Czerniwitz verbleiben. Ci soll ech in der weiten Welt. In die Fenster hot men inz ungektopt: Steht of, weil der Feind ist zugegen; In en Hemd miß mir antloifen. In üverlosen das ganze Vermögen. Wie mir senen nor as das Stieb arausgekimen, Is gewesen in der Stadt a groißer Lärm, A jeder is gelofen mit seinen Kindern A svi wie der Auszug von Mizrajem. Wie dus Militär ot nor nbgezeugen Is geworen a groiß Gerider, En er is ab on die Eltern In der anderer on Schwester in un Brüder. Unsre schöne Heimat miß mir schon verlassen . Un fahren in ein fremden Land, Wie wir senen elend in verlassen Und mit kenem nit bekannt. Wie wir senen kan Suczalva gekimmen Mit a Jummer in mit a groiß Gewehn, A sor senen wir alle stehn geblieben. In men Hot nicht gewitzt wie zi gehn. In Schil aran Hot men inz genemmen. Es is inz sehr gewehn Weh, Die Kost nor die Neschume zu erhalten In das Geleger a.Bintale Hee. Ich wollt aweg gesnhren In der weiten Welt, Durch ein Sach nor miß mir leiden Wuß mir aner kein Gratzcr Geld., Ach süßer Gott hob Rachmunes of inz In hels inz araus as der Neut, Mir sollen schan kenen a hem furen. Mir sollen nit bedürfen kan fremd Breud. *) Im „Prager Tagblatt" veröffentlicht.

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