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Der Israelit · 1915-04-29 · Heft 19 (29.4.1915) · page 12

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
55 (1915)
Issue
Heft 19 (29.4.1915)
Date
1915-04-29
Page
– (sequence 12)
Language
German
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Feuilleton-Beilage zu Nr. ly des „Israelit." Feuilleton. ZüdWe Episoden. Von 3. B. A. Es gibt Bilder und Situationen, die sich in unsere Erinnerung mit eisernem Griffel eintragen, die unvergeßlich bleiben und auch dann noch unser Denken beschäftigen, wenn schon alles längst verglommen ist und der Schlachtenkampf schon ausgetobt hat. Vor mir schwebt ein Bild, schreibt ein 85. Infanterist, das ich bis zum letzten Atemzug nicht vergessen kann. Es war im Norden. Die Straße erdröhnte von der haftend dahinrasenden Militärmasse. Wagen, Kanonen, Menschen und Pferde drängten vorwärtsstrebend durch den schmalen Wegstreif. Es dunkelte. Die Nacht wollte sich mit schwerem Schatten auf den pustenden Kriegsschwarm breiten. Wir zogen und keuchten immer vorwärts und an dem Wegrande stand wie versteinert eine nach Osten gewendete Gestalt. Es war ein Kaftanjude, der auf einem Steinhaufen stehend mit tiefer Andacht sein Minchagebet verrichtete. Hinter ihm, vor ihm, in die Schlacht, in den Tod drängende Soldaten; er ein stummer Beter vor Gott. Kanonen brüllten, Schwerter klirrten, aus tausend Schlünden kündete der Tod sein letztes Urteil - er betete . . . Ich sehe ihn immer vor mir mit bleichem Gestcht, wallendem Bart und flatterndem Kaftan. Stumm und still in heiliger Andacht versunken, tauchte er seine weltentrückte Seele in die unendliche Ewigkeit einer heiligen Tsiloh . . . Grün selb vom 34. Infanterie-Regiment erzählt: Es war bei Tomasch off. Mit einem Bajonettstich in der rechten Hand, die 36 Stunden blutete, ohne daß ich Anlaß nahm, mich marod zu melden, machte ich den berühmten Sturm unseres Regiments, der Tod und Ehre brachte, mit. Ein Schuß in den Magen, vier Maschinenkugeln im Schenkel streckten mich nieder. Ein Strauch gab mir Halt und ich schwang mich mit letzter Kraft in den Straßengraben. Der gewaltige Blutverlust nahm mir die letzte Kraft. Stundenlang lag ich regungslos, ohne Bewußtsein in glühendem Sonnenbrand. Als ich erwachte, lag eine bleierne Mattigkeit in meinen Gliedern. Ich konnte mich nicht erheben und fühlte in dämmerndem Schwächebewußtsein, daß mit jedem rieselnden Blutstropfen, der meinen brennenden Wunden entfloß, ein Stück meines jungen Lebens von mir ging. Im Angestcht des nahenden Todes griff ich zur Tfiloh und schrie mit verzweifelter Anstrengung die Widduj, die Schemaus und hielt mit verkrampftn Fingern das Siddur zu den bleichen Lippen, die todesmatt und schwach das „Schmäh" stammelten. Ich fühlte mich eins mit meinem Schöpfer, eins mit meinem Volke . . . Bei „Echod" neigte sich ein Kopf zu mir herab, den ein russischer Helm beschattete. „Ihr seid a Jid? Ja? Sorgt nit, hot kein Mohre nit. Es schläft nit un drumelt nit unser Hiter". Ich wiederholte das Schma. Er replizierte: „Borüch schem Kwäud malchusäu" und trug mich ins Nächstliegende russische Lazarett. Der Russe verschwand. Ich blieb als gefangener Verwundeter im Spital, aus dem mich die Kameraden vom 9. Honved-Regiment befreiten. Aus purer Dankbarkeit führte ich, der r lebensgefährlich Verwundere, 50 kriegsgefangene Russen unseren wackeren Truppen zu . . . * * In Galizien verkrochen sich die Einwohner in die Keller. Sie suchten dort Schutz vor dem Späherauge der Kosaken. Die Horden > rangen in die verstecktesten Winkel und stöberten auch in den Höhlenlöchern die verborgenen Menschenopfer auf. Eine Mutter und ihre zwei Kinder waren in e nem solchen unterirdischen Raum, den die Kosaken aufschnüffelten. Mit einem donnernden „Stoj!" wurde die Familie auf das Grausigste vorbereitet. Ein wildblickender Riesenkosak stand dort. Er deutete sprachlos auf die beiden Kinder Die Kosaken schlichen zurück. Ein Offizier nahm die beiden Geschöpfe und führte sie hinaus an die Sonne. Die Mutter folgte zitternd . . . Der Kosak setzte die Kinder auf seinen Schoß und — weinte wie ein betroffenes Kindchen . . . Dann erzählte er von seinem Weib, seinen Kindern, seinem weltenweiten Heim. Am andern Morgen ging er fort und man vergaß bald, daß die Majestät des Kindes für Momente die Furien des Krieges bändigte . . . * * Es war tu Repenye. Freitagabend. Die Gassen sind tot. , Seit der russische Stab im Dorfe nistet, legte sich die Stille des Friedhofs auf diesen sonst lebhaften Erdfleck. Alles scheint ausgestorben zu sein. Nichts regte sich in diesem von den karpathischen Urwäldern umrauschten Ort. Nur ab und zu der heisere Schrei eines betrunkenen Kosaken, der sich in einem Fluche Kourage macht. Aus einem niederen verwitterten Häuschen blitzt ein matter Schimmer durch die zertrümmerten Fensterscheiben in die traurige Finsternis der Nacht hinaus. Ich blickte — so erzählt ein kriegsgefangcner Rufle — hinein. Auf dem Tische blinkte ein weißes Tuch. Kleine, kaum faustgroße Chalos lagen auf diesem mit Papier bedeckt. In ausgehöhlte Erdäpfel hatte die fromme Naivität die bleichblitzenden Schaboskerzen, die so schwermütig zu flimmern schienen, gesteckt. Ein Greis verbarg sein Gesicht in die knochigen Fäuste und weinte betend. Seine Gefährtin tchluchzte laut beim andern Ende des Schabbostisckes. Mir wurde es weich ums Herz. Die Tränen strömten aus meiner Seele. Ich sah durchs Fenster — mein verlassenes Heim. Die greisen Eltern, das weinende Weib und im Dorfe d>e vandalierenden Kosakenbanden. Schlafen konnte ich damals nicht. Mich trieb es in der Frühe in die Synagoge. Es war ein zerfallenes Häuschen, das die Verzweiflung gepeinigter Juden zu einem gemeinsamen Heim des Betens und des Weinens machte. Aus den tiefsten Gründen stieg hier der Marterschrei der Juden zu Gott empor. Ich schlich zu ihnen, stellte mich zu einem betenden Greis und vergrub mein Gesicht in seine offene Tfiloh. Weiß Gott, dachte ich, irgendwo in Bessarabien weint, wie dieser hier, mein armer, alter Vater um seinen Sohn. Ich faßte seine Hand, die bei meiner Berührung zitterte, und küßte sie innig. Man letente. „Bonecho uwnausecho nsunin l'am acher", klang es mit tausendjährigem Grimm aus unserer Tauro zu uns herab. Da, plötzlich ein Stimmengewirr ins andächtige Lauschen. Die Türe wurde aufgerissen. Schreiende, weinende, zitternde Kinder flüchteten vor verfolgenden Kosaken . . . Ich erschrack. Ich wußte, daß mich die Leute, wenn sie mich hier fänden, dem Kriegsgericht zuführten. Das bedeutet für mich nichts weniger als den Galgen. Und sie waren da. Die heilige Andacht der frommen Beter war vom Schrecken vor den hereinbrechenden Mordsbuben erstickt worden . . . Ich stürzte mich auf meinen greisen Nachbar, packte ihn mit brutalem Griff, schleppte ihn mit roher Kraft zur Türe: „Marsch hinaus, flieh!" schrie ich und ergänzte es sanft zitternd. „Verzeih, gut Väterchen". Dann machte ich Kehrt, l Wetteifernd brutalisierte ich mit der Stimme und Gebärde mit den Kosaken die jüdischen Beter. Wir rissen ihnen die Talis vom Körper, die Stiesel von den Füßen und die Kleider vom Leibe. Wen ich bearbeitete, den warf ich auch durch die Türe hinaus und — im Schwünge seine Habe nach. So rettete ich die Seferthora. Sie muß zerrissen, in den Kot getreten werden, schrie ich, sie ergreifend und zur Türe zuetlend, wo ich sie dann einem alten, verprügelten Juden mit einer bitteren Träne im Auge in die Arme preßte.-„Flieh und rette du dieses heilige Kleinod und bete für mich, der ich für das Leben dieser Räuber zu sterben verdammt bin, dessen Familie nur darum lebt, weil man ohne sie keine Pogroms machen kann . . ." Lodzer Siraßenbilder. I. Mau bringt Mehl. Auf der Konstantiner Straße ist ein Menschenaufiauf. Es knarren schwere Räder. Kinder schreien durcheinander. „Was ist da passiert?" fragte man. „Seht Ihr denn nicht? Man bringt ja Mehl." Und wirklich kommt eine ganze Kolonne großer Fuhren langsam daher, auf denen sich runde, weiße Mehlsäcke hoch aufeinander türmen. Aus allen Häusern und Fenstern, von allen Balkonen herab grüßen freudige Blicke die lieben Gäste — die Mehlsäcke. Bäcker- und Metzgergesellen, die auf ihren Rädern zufällig des Weges kommen, reihen sich zu beiden Seiten der Fuhren und hinter ihnen dem Zuge an, so daß das Mehl wie von einer Ehreneskorte umgeben ist. Die Trambahn legt sich gegen ihre Gewohnheit Zwang auf und wackelt langsam hinter den Fuhren her. Respekt vor dem Mehl! Ein Mtlitärauro kommt mit voller Kraft herangesaust, macht aber jäh Halt und weicht respektvoll aus. Wie der Wind jagt die Feuerwehr mit scharfem Geklingel durch die Straßen. Irgendwo ist ein Brand entstanden. Nun hält sie ebenfalls still und wartet geduldig, bis die Mehlfuhren die Einfahrt in die Seitenstraße freigeben. Hoch auf ihrem Bocke thronen aber die Fuhrenlenker und seldstbewußt knallen sie mit den Peitschen in der Luft, wie Generäle, die ihre sieggekrönten Truppen hetmführen. Und je weiter die Fuhren in die Stadt dringen, um so größer die Menschenansammlung. Tausend hungrige und hoffnungsglänzende Augen begleiten das Mehl auf seinem Triumphzuge durch die Straßen von Lodz . . . II. „Kr steht zuviel . . Auf der Petrikauer Straße steht ein Blinder mit flehenden geschloffenen Augen, auf die Brust gesertktem Kinne und ausgestreckrer Hand. Da er die Vorübergehenden nicht sieht und zwischen arm und reich nicht unterscheiden kann, hält er jedem die Hand entgegen und murmelt immerzu das ewig gleiche Lied: „Habt Rachmones, ein blinder Milnn, von daheim vertrieben, nichts zu effen . . ." Der Kutscher, der auf seinen Herrn, den im großen Hause bei seinem Patienten weilenden Doktor, warten muß und vor Langeweile gähnt, stellt sich zum*Blinden hin. „Habt Rachmones . . ." fängt dieser gleich sein Sprächet an. „Unsinn!" wehrt der Kutscher ab, „brauch Rachmones für mich selbst. Wo kommt der Jüd her?" „Aus Sgierz," antwortet der Blinde dankbar für das ihm gezeigte Interesse. „Fortgejagt mit allen anderen, damals, als die Russen noch dort waren." „Warum, zu allem Teufel?" „Man sagte, wir gucken uns alles an, wir sehen zu viel . . ." Und da neue Schritte vorübertönen, unterbricht der Mann seine Erzählung: „Habt Rachmonetz, ein armer blinder Mann ..." *

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