Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1915-03-18 · Heft 12 (18.3.1915) · page 10

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
55 (1915)
Issue
Heft 12 (18.3.1915)
Date
1915-03-18
Page
– (sequence 10)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
92% known words query
IRI
…/2446951-2448506-2448519--67388-2488266
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

v-r?«-_ - - -j.;. - --7.'- -~. Leuilleton-Beilage zu Nr. 12 bas „Israelit." Keutlleto«. „Gm KaddW" - - Die Schatten des Todes umschwebten bereits seinen Körper und Geist, als man Jtze Leib in das Sptta! zu Krakau etnbrachte. „Schuß in der Brust, Kugel nicht mehr zu entfernen!" konstatierte der junge Arzt. „Jeder Versuch bereits zwecklos!" bestätigte auch der Oberarzt und ging geschäftig ueiter. Dr. Marko« blieb aber eine Weile am Bette des Patienten, dessen Augen sich im aufgedunsenen Gesichte immer tiefer einzugraben und immer dunkler zu färben schienen. „Keinen Zweck mehr". . . murmelte er die Worte seines Vorgesetzten mechanisch nach. Für den Arzt ist der „Fall" abgetan. Aber für den Menschen, den Juden? . . . Markow war von Hause aus Frauenarzt, und es war ganz seltsam, daß ihm, seitdem er seine Liebestäligkeit im Felde entfaltete, bei jedem Fall das Blld der bleichen Mutter vor den Geist trat, die, alle unsäglichen Leiden vergessend, krampfhaft das Kind an die Brust preßt und mit seligem Lächeln seinem ersten Schrei entgegegenzittert... Ob das die durch Arbeit und Aufregung überreizten Nerven waren? Es war gräßlich, hinter jedem Leidensbette jenes bleiche Muttergesicht zu sehen, bei jeder Siegesnachricht über so und soviel tote Feinde so und so viele Mütter sich in Wehen winden zu sehen .... „Keine lächerliche Weichheit" sprach der Arzt auf sich selbst ein, „Nerven, Nerven, lieber Freund!" Aber er blieb noch am Bette des Verwundeten, wiewohl der Arzt hier nichts mehr zu tun hatte. „Herr Doktor, eine Bitte," flüsterte der Kranke kaum hörbar, „werde es Ihnen mein Lebtag nicht vergessen " Der „Lebtag" war nicht mehr weither, mußte Dr. Markow denken, und er sah wieder jenen in Glück und Erwartung leidenden Zug im Muttergefichte. „Bitte, lieber Freund, es soll alles für Sie geschehen." „Sie verstehen, Herr Doktor," stammelte Jtze Leib schweratmtg und etwas verlegen. „Ich bin fünf Monate und neun Tage im Felde. Als ich damals ging,' waren es bei meinem Weibe an vier Monate . . . Sie verstehen schon, was ich meine. Seit langen Wochen keine Nachricht von daheim. . . Meine Frau ist aus dem galizischen Städtchen geflüchtet und hält sich bet ihrem Onkel in Nikolsburg auf. Nach meiner Rechnung muß eS heute oder morgen fein . . . . Sie begreifen schon, Herr Doktor .... Hab: noch keinen Kaddisch .. . Erft ein Jahr vermählt ..." Dr. Markow legte die Hand besänftigend auf des Kranken Herz und bedeutete ihm, daß er die Anstrengung sich ersparen könne. Er habe alles begriffen. „Sofort soll eine Depesche mit bezahlter Rückantwort nach Ntkolsburg abgehen." — Gegen Abend verschlimmerte sich der Zustand des Verwundeten. Immer tiefer und schwärzer senkten sich die Augen in die Höhlen. Die Sprache wurde undeutlich und verworren. Aber alle die letzten schwachen Kräftereste konzentrierten sich auf einen Punkt und in den immer seltener wiederkehrenden Minuten klaren Bewußtseins heftete sich das gebrochene Auge an die Türe und mit lallender Stimme fragte der Kranke nach Dr. Markow. In später Abendstunde kam Dr. Markow. Am Bette Jtze Leibs standen zwei Schwestern schweigend mit gefalteten Händen. Neben ihnen einige leichtverwundete jüdische Zimmerqenoffen, leise Gebete auf den zitternden Lippen. Die Majestät des Todes hatte im Nahen eine feierliche und beklemmende Stille und Würde vorausgeschickt. Die ältere Schwester schüttelte vielsagend mit dem Kopfe. Es ging dem Ende zu. Wie aber Dr. Markow das gelbe, harte Papier des Telegramms dem Sterbenden vor Augen hielt, schien das verglimmende Leben noch zum letzten Male aufzuflammen. „Ein kräftiger Junge!" las der Arzt vor. Wie von einem letzten Glücksstrahl umkost, ruhte das gebrochene Auge auf dem gelben Papier und über die fahlen Wangen huschte wie ein Lächeln und auch die bleichen Lippen bewegten sich noch einmal ganz leise: „Ein Kad-dtsch!!!"- „Es war sein letztes Wort" berichtete Dr. Markow in seinem liebevollen, trostspendenden Briefe an die Frau des verstorbenen Soldaten. — — > - Gin merkwürdig Land... (In der New-Norker Vorortbahn.) Im Abteil der Vorortbahn bestanden die Fahrgäste zu drei Vierteln aus jüdischen Emigranten, die eben erst unsicher genug ihren Fuß auf amerikanischen Boden geletzt hatten. Noch standen in den ausgemergelten Gesichtern alle Mühsale und Aufregungen der Reise, das tagelange Hangen und Bangen auf der Kontrollinsel deutlich geschrieben. Alle sprachen sie von der Fahrt, dem Meere, der Landungsinsel und atmeten dabet so befreit und erleichtert, als wären mit der Erlaubnis der Landung alle erlebten Gefahren und Strapazen vergeffen und aller Wünsche letztes Ziel ganz erreicht. Immer weiter rollte der Wagen an leeren Plätzen, an himmelhohen Häusern, an vielsenstrigen, schwarzen, unförmlichenGebäuden vorbei, die aus ragenden Schloten gewaltige Rauchschwaden zum Himmel schickten. Mit traurigzufriedenen Augen sahen die Leute hinaus in dies buntbewegte Allerlei. Alle beherrschte das eine Gefühl: Also ist das Amerika? Jokel Jaune, der Mehlhändler aus dem lithauischen Städtchen, ein Mann,- der es nicht gewöhnt war, Gedanken und Gefühle für sich zu behalten, wunderte sich ein übers andere Mal: „Was für Straßen, was für Häuser, was für Fenster! Ein merkwürdiges Land, diesesAmerika?" Da trat der Schaffner in den Wagen- Wie die Leute die uniformierte, gerade Gestalt mit den blanken Knöpfen und der ernsten Amtsmiene erblickten, wurden sie mäuschenstill und sahen ganz scheu von der Seite zu dem Beamten hinauf. Ein Mann in Goldtressen und Messingknöpfen, das wußten sie von der Heimat her, brachte selten etwas Gutes . , . Der „Tschinownik" schrie aber gar keinen an. Er^schritt gravitätisch mit gemessenem Schritte durch den Wagen, lächelte sogar und faßte einen Knirps, der ihm im Wege stand, kosend am pechschwarzen, krausen Schopf. „Ein merkwürdig Land, dieses Amerika!" wundert sich wieder Jokel Jaune. Und alle schüttelten zustimmend mit dem Kopfe und wunderten sich ehrlich mit. Da wieder eine Uniform. Ein schlanker Mann in goldbesetztem grünen Rock, mit breiter Goldborte am Hute, eine riesige Mapp: in der Hand. Gewiß ein ganz hoher Beamter, dachten die Leute und hielten vor Angst fast den Atem an. Mit dem war nicht zu spaffen. Er hatte einen mächtig gedrehten Schnurrbart und nahm mit scharfem Blicke jeden aufs Korn. Dann murmelte er etwas in seiner Sprache, was kein Mensch verstand und kramte in seiner Tasche herum. Nun legte er vor jeden auf die Bank ein sein verschnürtes Schächtelchen hin und verschwand durch die Verbindungstüre im nebenanltegenden Wagen, so lautlos wie er gekommen war. | Was war das? Man beguckte, betastete die niedlichen Schachteln. Besonders die Kleinen interessierte die Geschichtezuerst schüchtern, dann aber immer mutiger werdend, öffnete man eine Schachtel: Zuckerzeug in allen Farben, gar lieblich zum Ansehen und gut zum Esten. Ob es wohl in diesem Lande so Brauch war, Fremde von Amtswegen mit buntem Zuckerzeug zu traktieren? Was kann man sagen, in einem so merkwürdigen Lande? „Wozu aber des vielen Fragens", meinte Jokel Jaune, „wenn man gibt, da nimmt man". Das ließen sich die Kleinen nicht zweimal sagen. Die Großen standen nicht zurück. Mädchen und Frauen fanden das Zeug nicht übel und die Männer wollten sich davon überzeugen. Ein ohrenbetäubendes Schmauchen und Schmatzen erfüllte die Wagen. Ein merkwürdig Land dieses Amerika.- Ganz angeregt wurde, im Nachgeschmäcke der süßen Bewirtung, die Unterhaltung und man hatte nicht genug Worte des Lobes für das gastliche Amerika. Da trat wieder der „hohe Beamte" in den Wagen mit seinem spähenden Blicke. Was er jetzt noch wollte, war den Leuten nicht klardie guten Sachen waren ja gegeffen. Ob er gar eine neue Ueberraschung hatte? „Müßte man sich nicht vielleicht gar bedanken?" regte Jokel Juune, von Natur aus ein höflicher Mann, an. Er verbeugte sich sehr tief. „Wenn ich nur ihren „Loschen" wüßte!!" Aber der Mann kam zuvor und streckte die Hand aus. Indem aber Jokel Jaune unter tiefen Verbeugungen Anschlägen wollte, zog der Uniformierte die Hand schleunigst zurück und murmelte: „0ns Dälar? 0ns Dollar!" „Was? Wo? Wie?" Der Mann mit der ausgestreckten Hand sagte in einem fort: „One Dollar!“ Ob er wohl die teeren Schachteln braucht? Man reichte sie ihm. Der Mann warf sie aber wütend zurück und schrie jetzt aus Leibeskräften: „One Dollar!“ Vom wilden Geschrei angelockt, kam aus dem anderen Wagen ein älterer, elegant gekleideter Herr mit glänzend glattem Gesicht und lachenden kleinen Augen. Er sah und hörte sich die Situation an und lachte dann noch mehr, und endlich bedeutete er, immer lachend, den Leuten auf deutsch: „Ihr habt seine Kendis (Zuckerzeug) gegeffen, die er Euch zun» Kaufe anbot, und habt nun einen Dollar per Schachtel zu zahlen." So war das? In Schmerz und Enttäuschung schrieen die Leute auf. Leicht gesagt, einen Dollar. Wer hatte einen Dollar übrig? Und überhaupt: Wie zahlt man einen Dollar, zwei Rubel, für Zuckerzeug? Wer braucht Zuckerzeug? So was hat die Welt noch nicht gehört. . . Aber dem „Hochgestellten" mit den blinkenden Knöpfen leuchtete das alles wenig ein. Er schrie mit vollen Lungen, in einer Sprache, die, weil sie keiner verstand, sich noch fürchterlicher anhörte. Er drohte, wie es schien, mit Polizei, Gefängnis und Deportierung. Der dicke Vornehme mit dem glatten Gesichte hielt sich die Seiten vor Lachen. Die Emigranten steckten aber scheu die Köpfe zusammen und schwiegen, die Kleinen schrieen und zerrten schutzsuchend an den Röcken derMütter. Da griff der Lachende in die Hosentasche» „Hier", warf er dem Uniformierten etwas zu, worauf dieser mitten im Schimpfen abbrach und ohne Gruß im anderen Wagen verschwand. Auch der vornehme Amerikaner entfernte sich still, als hätte er nie und nimmer mit der Sache etwas zu tun gehabt. „Ein merkwürdig, ganz merkwürdiges Land, dieses Amerika", wunderte sich Jokel Jaune. Und alle stimmten ihm bet. 2 C ft D so D H gel o. ste bei De in btfd Bei Se übe Kr hei den wor 3 savi Sti ord Wo

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.