Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 55 (1915)
- Issue
- Heft 2 (7.1.1915)
- Date
- 1915-01-07
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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- Malbim 2× ep/1002711
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Feuilleton-Beilage zu Nr. 2 des „Fsraelit." Feuilleton. Die „Meuterei" im Gefangenenlager. Bon Sch. Michel Lern er war das, was man in Galizien einen „goldenen Eidam" heißt. Ein „feiner Kopf", sehr gebildet und bewandert auf allen Gebieten weltlichen Wissens, vor allem aber ein echter Talmudgelehrter. Von seinem Schwiegervater, dem reichen MateS Socher, erhielt er mit dessen schöner, einzigen Tochter und einer nahmhasten Mitgift auch noch „Köst", das heißt die Verpflichtung, ihn und seine junge Familie auf eine Anzahl von Jahren aller irdischen Sorgen zu entheben. Der Alte fuhr auf weite Seen hinaus, durchstreifte ferne Länder und brachte Ernten und Jndustrieen ganzer Landstriche auf Märkte, die er zum Teile selbst schuf. Der Schwiegersohn hatte Teil an all dem —, indem er daheim oder im Lehrhause dem Studium oblag. Auch für den Schwiegervater, dem es an Zeit und Borwiffen zum Thoralernen gebrach. Zuweilen griff Michel Lerner mit sanfter Hand auch in den Gang der Geschäfte ein, machte wohl hier und da in einer vertraulichen geschäftlichen Miffion eine kleine Reise. Das alles aber nur aus Passion. Im Ganzen gehörten feine Zeit und sein Sinn dem Studierzimmer und dem Lehrhause. Daß er aber nicht allein seines reichen Schwtegerpapas angesehener Eidam, gelegentlicher Großkaufmann und Privatgelehrter war, sondern überdies auch noch Landsturm ersten Grades und in dieser Eigenschaft dem Lehrhause entrissen werden sollte, damit hatte er nie gerechnet. Und als diese ungeahnte Möglichkeit Wirklichkeit wurde, war sie mehr überraschend verwunderlich denn eigentlich beängstigend. Denn Michel Lerner hatte nie in Politik gemacht. Sein Sinn ging mehr auf das Große uud Ewige hinter den Glaswänden der Bücherschränke. Der Leute «nb der Zeitungen müßiges Geschwätz zog ihn nicht an. Und wenn sie in letzterer Zeit so viel vom Kriege redeten, so wußte er wohl, daß sie es schon vor einem Jahre und vor zehn Jahren und immer genau so taten, ohne daß das Gerede ernste Folgen nach sich zog. Eine schöne „Malbim"erklärung zu Thora, ein „Harber Maharschoe", eine dunkle Stelle im „Sohar" oder gar ein philosophischer Satz im „Kasari" und „Moreh" wog all den Weltklatsch in Druckerschwärze reichlich auf. So stand er denn am 1. August in seiner Lernstube vor einem ks.it accompli, mit dem sich abzufinden ihm nicht einmal viel Zeit übrig blieb. Er hatte bald selbst den Waffenrock an und zog sozusagen mit an den Strängen der grausam vorwärtsdrängenden Weltgeschichte. Erwarnurnoch Landsturm ersten Grades. Der Dienst war weder schwer, noch gefahrvoll, noch sonstwie aufregend. Er war nur zum Tode langweilig. Denn Michel Lerner wurde für Wachtpostendienste verwendet. Und da hieß es, endlose Stunden mit dem Gewehr auf der Schulter, in die schwarze, blinde Nacht Hineinstarren,' kein Lebewesen vor Augen, kein Wort auf den Lippen, keinen Gedanken im Hirn, in des Dienstes langsamem Schritte auf und ab einem Btehhofe, einer Brücke, oder einem kleinen ins Dunkel I «n Güterbahnhofe entlang zu schreiten, bis lösung, d. h. die Ablösung kam. Wie freute sich da Michel Lerner, als er eines Tages zum Wachtdtenste in em nahes Zivilgefangenenlagerabkommandiertwurde. Nicht mehr Krautköpfen und Kartoffeln und toten Mauern seinen Schutz angedeihen lassen zu müssen, sondern lebenden, redenden Menschen. Welche Wonne! Feinden wohl, aber doch lebenden Menschen, mit warmem Atemschlage, die man begucken, belauschen, betreuen oder verachten konnte. Nun hatte der Dienst auch endlich seinen Sinn, seinen lebendigen Inhalt erhalten . . . Vielleicht war es gar nicht blinder Zufall, daß Lerner mit seinem aufgepflanzten Bajonette justament an die Jnnentüre einer Ruffenbaracke postiert wurde, in der lauter langbärtige Männer interniert waren, welche in ihren KaftanS und in ihrem jüdisch-deutschen Idiome, wie überhaupt in Wesen und Haltung sich in nichts von denen in der galizischen Heimat Lerners unterschieden. Das waren also die „russischen Feinde" .... Michel Lerner wurde es ganz warm ums Herz,- er war ganz unter den Seinen und hätte mit jedem von ihnen ein vertraulich Wort austauschen können, mit manch einem am liebsten über Getreidepreise, den „Nebben von Gör", den Krieg plaudern, oder gar einen schönen „Malbim", einen schwierigen „Sohar" besprechen, wäre nicht jeder Verkehr mit den Gefangenen strengstens untersagt gewesen. In der Ecke am Strohlager kauerte auf der niederen Bank ein graubärttger Greis mit schmalem, knochigem Jünglingsgesichte und den flehenden Augen eines hilfesuchenden Kindes vor einem offenen Buche und sang und weinte und weinte und sang die in Rußland wie in Galizien gleichübltche Gemoromelodie. „Omar Rowo" sang er immer und immer wieder, und schüttelte den gebeugten Oberkörper und zupfte am Barte, als galt es, mit diesen zweitausendjährigen Worten das Golusleid einer ganzen Nation hinauszuklagen. „Omar Rowo . . Der Mann kam nicht weiter. Und tiefes Heimweh, Sorge um Weib und Kind, die in Wetter Ferne verlassen des Vaters harren, Schmerz, Entbehrung, Enttäuschung, aber auch Vertrauen und frohe Hoffnung sangen in diesen Worten durch den kahlen Bretterraum und floffen zu einer ergreifenden Symphonie zusammen. „Omar Rowo.." Und dem Wachtposten an der Türe wurde es immer wärmer ums Herz . . . In der andern Ecke waren zwei Männer, ein rotbärtiger und einer mit schwarzem Barte, heftig in Streit geraten. Der Rote hielt in der Linken ein kleines, graues und zerknilltes Buch und zerrte mit der Rechten so leidenschaftlich an den roten Haaren des Bartes, als sollte von dieser lichten Stelle her sich das Licht der Wahrheit in die dunkle Seele des Partners ergießendieser aber zog seinerseits mit der Linken am schwarzen Barte und verschloß sich der Wahrheit beharrlich .... Immer heftigere Formen nahm der Kamps an. Der Wachtposten an der Türe hörte aufmerksam hin. Wie bekannt all die Worte waren! Der Rote hielt sich am „Maharschoe", der Schwarze am „Maharam Schiff". Wie wild sie aufeinander losstürzten! Fast wurden sie handgreiflich. Schwarz gegen Rot. Rot siegt. O hätte er, Michel Lerner, reden dürfen und wäre er nicht hier von staatswegen wie eine Salzsäule vor die Türe gestellt, wie hätte er Rot geschlagen! Einen ausdrücklichen Tausfaus in Sanhedrin, den haben sie alle beide übersehen. „Stus, dummes Zeug!" lag ihm auf der Zunge. Aber er erinnerte sich noch zeitig seiner Pflicht als ausgehobener Landsturm und wohlbestellter Wachtposten und hielt an sich, mit verbtffenen Lippen . . . Es kamen noch einige, angelockt durch den Lärm, hinzu. Auch der Alte hielt im Lerngesange ein und mischte sich in den Streit. ES btl- I deten sich Gruppen, die für den Einen und Anderen Partei nahmen. Alle schrien durcheinander. Rot gewann sichtlich immer mehr an Boden. Wie das Michel Lerner ärgerte! Jetzt hielt es ihn nicht mehr. „Welch Amhaarazus", schrie er, alle Würde seiner Stellung außerachtlaffend in den Haufen hinein, „der Tausfaus, der TausfauS - Wißt Ihr nicht, was TausfauS in Sanhedrin 32 dazu sagt?" .... Das wirkte wie eine Granate. Unheimlich stille wurde es, worauf das bekannte Sausen einsetzte, das langsam zum Orkane anwuchS . . . Und nun drängte der ganze schreiende, schwirrende Haufen der Türe zu, an den Wachtposten heran. Bon neuem und mit gesteigerter Heftigkeit stürzten Rot und Schwarz aufeinander. Und beide Parteien sprachen jetzt nur noch einzig aus den Wachtposten ein, um ihn zu ihrer Ansicht zu bekehren. Das scharfgeladene Gewehr auf der Schulter, daL Bajonett an der Seite, arbeitete Michel Lerner nur noch mit den Fäusten und — mit dem Tausfaus in Sanhedrin, mit dem Rot bis zur völligen Vernichtung geschlagen werden mußte. . . Der Posten an der äußeren Türe meldete: „In derRussenbarackrNr. 19Geschrei!" Der Hosposten meldete weiter: „Verrat! Meuteret! Ueberfall!" Schon, nach wenigen Minuten waren der Kommandant des Lagers mit einigen Unteroffizieren in der Baracke. Die Läufe der geladenen Revolver blitzten zwischen Rot und Schwarz drohend auf. Der Kampf verstummte jäh. „Was gibts?" schrie der Oberst in die dumpfe Stille des Raumes hinein. Der Wachtposten stellte sich in Positur. „Zu Befehl, Herr Oberstleutnant, sie st r t t t r n" „Worüber streiten sie?" „Ob Maharani oder Maharschoe^ recht hat." »Wa—a -a—as?" Ein Unteroffizier, der in solchen Dingen wohl Bescheid wußte, erklärte: „Eine Geistes sch lacht, Herr Oberstleutnant, eine talmudtsche Streitfrage." „Und da streitet der bestellte Hüter der Ordnung, der Wachtposten mtt?" Ein homerisches Lachen aus voller sechsfältiger Soldarenbrust folgte den Worten, daß die Barake an allen Enden wackelte.- Am folgenden Tage war Michel Lerner wieder zur Bewachung eines stummen Krauttagers beordert. Wieder kein Lebewesen vor Augen, kein Wort auf den Lippen. Es war zum Sterben langweilig. >3n meinem Verlag erschien, das patriotische Lied: für eine Singstimme mtt Klavierbegleit««- ob. für gemischte« Chor in dreifarbiger prachtvoller Ausführung mit de» beiden Kaiferbildern Komponiert u. dem tapferen Deutsch-Oesterreichischen Heer gewidmet von B. M. Leser-Lasario. Preis 80 Pfg. netto 60 Heller Ein großer Teil des Reingewinnes ist für die Kriegsfürsorge, sowie wohltätige Vereine aller Konfessionen bestimmt. Zu beziehen durch sämtliche Buch- und Mufikalien- Handlungen oder direkt vom Verlag H. Oppenheim, Frankfurt-M. Inh.: Bernhard Rnbtnstei» 1 Börsenplatz 1 Ecke Schillerstraste. gegenüber der Börse. Telefon Hansa 2005.