Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 35 (1894)
- Issue
- Heft 73 (13.9.1894)
- Date
- 1894-09-13
- Page
- – (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2446951-2448412-2448479--39289-2487433- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
XXXV. Jahrgang. Zweite Beilage jtt M 73 des „Israelit". Feuilleton. Wadepl'audereien. Baden weil er, Ellul 5654. Die „Selichothtage" rücken näher und näher, die Fremden, welche in Bädern und Sommerfrischen sich einige Wochen der Erholung gönnten, kehren zum heimathltchen Herde zurück. Mehr und mehr entvölkern sich die Alleen und Promenaden der Kurorte, die Kapellen stellen ihr Spiel ein — die Saison naht ihrem Ende. Zu den wenigen Orten unseres Vaterlandes, welche vermöge ihrer klimatischen Verhältnisse, vermöge ihrer glücklichen südlichen Lage — vermöge der Auswahl ihrer Heilmittel, von der Regel eine Ausnahme machen können, die selbst dann noch aus eine stattliche Fremdenzahl blicken dürfen, wenn in den meisten andern Bädern bereits der letzte Gast wieder zu den heimischen Penaten gezogen ist, gehört in erster Linie Badenweiler. Besonders günstig auf die Fremdenfrequenz des Platzes wirkt der Umstand ein, daß mancher Patient, dem eine Traubenkur oder ein Winteraufenthalt in einem südlichen Platze verordnet wurde, es vorzieht, einen Ort auszusuchen, der ihn nicht zu einer zu weiten Entfernung von der Heimath veranlaßt und der zugleicher Zeit keine so großen Ansprüche an den Geldbeutel macht. Der rituelllkbende Jude hatte leider von den Vortheilen, die ein Herbst- und Winteraufenthalt in Badenweiler bietet, kein Gebrauch machen können, da die hier bestehende jüdische Restauraution (Hotel Levy) mit Beginn der Herbst-Saison den Wirthsbetrieb einzustellen pflegte. Der steigenden Winterfrequenz und der vermehrten Nachfrage nach ritueller Kost Rechnung tragend, wird von diesem Jahre ab der Betrieb des Restaurants das ganze Jahr hindurch in ungeänderter Weise fortgeführt werden, eine Neuerung, die gewiß von allen denen freudig begrüßt werden wird, welche ihren Herbst- resp. Wtnteraufenthalt in solch einem südlich gelegenen Orte nehmen möchten, welcher neben den verschiedenen klimatischen und lokalen Vortheilen auch die Möglichkeit einer guten und zuverlässig koscheren und dabei billigen Pension bietet. Heute, wo leider so mancher jüdische Kurgast, um sich den Lorbeer der „Aufgeklärtheit" zu erringen, die rituellen Restaurants wie ein Gift meidet, und sich für seine Handlungsweise durch die unhaltbare Ausrede zu entschuldigen sucht, daß die jüdischen Wirthschaften „minderwerthig" seien, dürfte es gewiß am Platze sein, 'mal eine christliche Stimme über ein rituelles Hotel anzuführen. In der Chronik der Vogtei Badenweiler findet sich zum Jahrgang 64 (pag. 192, Abs. 1 bei Weder) folgende Eintragung: * * * „— ist durch David Levy von Müllheim eine „Judenwirthschaft in B. nebst Wohnungen entstanden, die sich in Folge der gutenEinrichtung „und soliden Bedienung, die man da „findet, eines erfreulichen Fortganges „rühmen kann." Bedarf es eines deutlicheren Bellas für die Thatsache der Ebenbürtigkeit der jüdischen Hotels, als jenes Zeugniß des gewiß unbefangenen Chronisten! Ob es der antisemitischen Hetze der letzten Jahre wohl gelingt, was der gewiß unbefangenen Empfehlung der Badenwetler Gemeinde nickt gelungen ist, nämlich recht viele Glaubensgenossen zu den koscheren Fleischtöpfen zurückzubringen? Was das kultuelle Leben betrifft, so ist diesem durch einen im Levy'schen Hotel eingerichteten Betsaal Rechnung getragen. Allsabbatlich, zu Zeiten auch alltäglich wird hier Gottesdienst abgehalten. Als Vorbeter sungirt gewöhnlich ein in dem benachbarten Müllheim wohnender Hilfschasan. Der größte Theil der einfachen aber durchaus würdig gehaltenen Einrichtung des Betsals,der „Oraun-Hakaudesch," die prächtigen „Proches," die „Sidurim" u. s. w. entstammen freiwilligen Gaben ovferwilliger Gäste." Ueberhaupt hat hier die Opferwilligkeit wohlhabender Glaubensgenossen viel Schönes und Gutes geschaffen. So ist z. B. auch das unter dem Protektorate der Erbgroßherzogin vor Kurzem hier gegründete Hilda-Krankenheim (Kur- und Stechenanstalt) in ganz hervorragender Weise durch jüdische Mittel unterstützt worden. Ein erneuter Beleg für den besonders heutzutage so sehr gerügten Schachersinn der Juden! ~ Badenweiler ist reich an historischen Erinnerungen aller Art. Zu den hervorragendsten Denkmälern des Ortes gehört in erster Linie die von dem römischen Kaiser Hadrian iw-rn) erbauten und der Diana Abnoba geweihten „Römischen Bäder", die erst im vergangenen Jahrhundert aufgegraben wurden. Sie geben uns einen weiteren Beweis für die schon im Talmud erwähnte Sorgfalt, die man zur damaligen Zeit dem Badewesen schenkte und für die Vollendung deren schon vor Jahrtausenden sich diese Institution erfreute. Nebst vier großen Schwimmbädern enthält der Bau eine ganze Anzahl kleinerer der damaligen Sitte ent-