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Der Israelit · 1894-04-02 · Heft 27 (2.4.1894) · page 6

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Journal
Der Israelit
Volume
35 (1894)
Issue
Heft 27 (2.4.1894)
Date
1894-04-02
Page
– (sequence 6)
Language
German
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481 Feuilleton. Der neue Chasen. Von Egmond Ernst. (1. Fortsetzung.) II. Zur selben Zeit war auch der Chasen Naftoli in seine ärmliche Wohnung gelangt, die in der Hausflur eines sogenannten „Stiftungshauses" in der Ptnkasgasse gelegen, ihm zur unentgeltlichen Benützung von der Gemeinde eingeräumt worden war. Naftoli lebte seit Antritt seines Amtes mit seinem Weibe Gelle dort und seiner Genügsamkeit konnte die Wohnung, die wenig Licht und Räumlichkeit, dafür aber mehr Feuchtigkeit bot, vollkommen entsprechen. Barg sie doch seinen theuren Schatz, die große Bibliothek, die er von seinem Großvater, dem Lubliner Raw, Naftali Katz sel. Angedenkens, ererbt hatte, und die er auch so oft es ihm externe Einkünfte gestatteten, durch Ankäufe neuer Bücher zu vergrößern trachtete. In letzter Zeit vermochte er freilich nichts für die Vergrößerung dieses seines Schatzes zu kaufen, denn, wie wir bereits heute aus der Mitteilung des alten Reb Sorech in Erfahrung brachten, hatte er für den Lebensunterhalt der Familie seiner verwittweten Schwester Genendel zu sorgen. — Naftoli mochte etwa sechzig Jahre zählen; aber seine ungebeugte, kräftige und hohe Gestalt, das volle noch wenig ergraute Haar seines edelgeformten, an den Typus sephardischer Israeliten gemahnenden Kopfes mit so ausdruckvollen Zügen, verrieth hievon nichts. Er war, wie wir wissen, wett in die Welt gewandert, und mußte schon als fünfzehnjähriger Knabe seine „Matone", wie er die in seiner Kehle liegende Gabe der Natur nannte, verwerthen um damit sich und seine verarmte Mutter zu ernähren. Die auf seinen Reisen erworbene Menschenkenntniß und fleißiges Studium jüdischer Schriften hatten in ihm eine bewundernswerte philosophische Lebensanschauung, eine stille Resignation gegenüber allen Wechselfällen seines Lebens erzeugt — nur ein Gram drückte wirklich jeine Seele — nämlich der, daß seine Ehe kinderlos geblieben. — Nichtsdestoweniger war sein Zusammenleben mit seiner Gattin Gelle das denkbar friedlichste und harmonirendste, wie es im Bunde zweier so edler Seelen nicht anders sein könnte. Seine Frau, die er in Fürth zuerst kennen und lieben gelernt, besaß aber auch die Bildung der damaligen jüdischen Frauen in vollem Maße. Sie kannte die Erbauungsbücher und die in jüdisch-deutscher Sprache verfaßten homiletischen Werke fast auswendig, da die öftere Lektüre derselben ihre einzige Erholung nach den Haushaltungsarbeiten bildete. Wenn Naftoli zu Hause in den „Semiroth" die Apotheose des jüdischen Weibes, „Wer ein Biederweib gefunden" sang, daß es das ganze Haus durchhallte, dann blickte er verständnißinnig auf seine treue Lebensgefährtin, die nächst seiner Bibliothek die ganze Freude seines Daseins bildete. Rief er manchmal unmuthig klagend über das Geschick, das ihm Kindersegen versagte, aus: „Was soll ich in der Welt, ich bin nur ein entwurzelter unfruchtbarer Baum, über den Alles hinwegschrettet!" dann war es Gelle, die aus dem Schatze ihrer Belesenheit schöpfend, ihm tröstend zusprach: „Weißt du nicht Naftoli wie es geschrieben steht: „Nicht soll sprechen der Unfruchtbare, stehe ich bin wie verdorrendes Gras! Stehe, ich werde dir selbst einen Namen schaffen, spricht der Ewige!" Und bist du nicht Naftoli, mein Leben, der wahrhaft berufene Schltach Zibbur, der so schön und innig die Wünsche und Gebete deiner Gemeinde vor Gottes Thron bringt, der als schöner Chasen in der Welt berühmt ist!" Seit einigen Tagen ließ aber Frau Gelle ihre Lobes-Dithyramben nicht los und Naftoli war öfter in stilles Dahinbrüten versunken, ohne daß er in seinen sonstigen Gepflogenheiten sich stören ließ. — Teilnahme heuchelnde Nachbaren und sogenannte gute Freunde hatten dem Ehepaare, unter dem Siegel strengster Verschwiegenheit, anvertraut, daß es im Vorstande der Altschul beschlossen sei, Naftoli zu kündigen und den neuen Chasen aufzunehmen. Gelle hatte heute von der Frauenschul beobachtet, wie ihr Mann, die äußere Ruhe bewahrend, dem „neuen Chasen" gegenüber, der wie ein „Chozuv" sich benommen, gefällig und freundlich sich erwies, ja sogar beim „Aufrufeu" ihm behilflich war. Sie konnte es bemerken, wie Naftoli allen hämischen Blicken, die prüfend auf ihn sich richteten, mit würdevollem Anstande begegnete; aber ihr oft schmerzdurchzucktes Herz sagte ihr, daß bei aller scheinbaren Ruhe, die er zur Schau trug, er in seinem Innern namenlose Seelenpein litt. Den ganzen Sabbat hindurch hatte ihr Naftoli darüber nichts verlauten lassen — sie wußte wohl weßhalb — er wollte den Sabbat nicht „verstören" — jetzt war aber der Bann des Ruhetages gelöst und damit auch das Siegel des Schweigens. „Naftoli, mein Leben", wagte Gelle das Wort zu nehmen, „ist es denn wirklich so, wie die Leute sagen, der hergelaufene Pollak soll an deiner Statt, der schon seit zwanzig Jahren in der Altschul und Meiselschul fungirt, ausgenommen werden und du willst dir das ruhig gefallen lassen?"

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